Fünf Fragen an... Dr. Norbert Kebekus 
Sonntag, den 22. November 2009 um 10:01 Uhr
Dr. Norbert KebekusDie "Kirche in virtuellen Welten", ein Projekt der Erzdiözese Freiburg, stellt die weltweit erste Präsenz der Katholischen Kirche in virtuellen Welten dar.

Regelmäßig bietet sie, entgegen gesetzt zu vielerlei anderen religiösen Orten in Second Life, Gebetsstunden an, Gespräche über Spiritualität und andere Veranstaltungen (s.u.).
Als Leiter der Fachstelle Pastoral im Internet zeichnet Dr. Norbert Kebekus alias Benedetto Burger verantwortlich für den virtuellen Auftritt und dessen Organisation im World Wide Web und in Second Life.
VWI traf ihn rein virtuell zum allsonntäglichen Interview "5 Fragen an...".

VWI: Das Seelsorgeamt, für das Sie aktiv sind, agiert mittlerweile recht umfassend auch in Internet und dem Web3D. Was war der ausschlaggebende Faktor für diese Aktivitäten? Wie konnten Sie das Pastoralamt überzeugen (oder war dies nicht nötig)?

Dr. Kebekus: Die Kirche hat den Auftrag, das Evangelium Jesu Christi in Wort und Tat zu verkündigen. Dieser Auftrag ist unbegrenzt und gilt prinzipiell für alle Bereiche des menschlichen Lebens, also auch für das Internet, wo Menschen miteinander im Kontakt sind. Außerdem hat die Kirche 2000 Jahre Medienerfahrung. Schon der Apostel Paulus hat den Gemeinden Briefe geschrieben, heute würde er bloggen oder podcasten. Als ich vor über elf Jahren mit Internetseelsorge anfing, war die Skepsis groß, weil sich manche nicht vorstellen konnten, dass im Internet echte Kommunikation, echte Seelsorge möglich ist. Heute ist Internetseelsorge selbstverständlich, deshalb war es kein Problem, das Projekt "Kirche in virtuellen Welten" zu starten.

St. Georg Kirche in Second LifeVWI: Kommen Menschen auf Sie zu, die es sonst eher nicht machen würden? Sind die Fragen und Gespräche im Internet und 3D-Umgebungen eher typischer Natur oder beobachten Sie, dass im realen Kontakt eher untypische Probleme / Fragen in den neuen Medien verstärkt auftauchen?

Dr. Kebekus: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es Menschen oft leichter fällt, über das Internet mit einem Seelsorger Kontakt aufzunehmen. In Second Life z.B. bietet der Avatar eine digitale Maske, unter deren Schutz man sich leichter mit seinen Fragen und Problemen outen kann. Vor allem, wenn man auf Voice Chat verzichtet und sich auf den Textchat beschränkt. Deshalb habe ich über das Internet Kontakt zu Menschen, die sonst nicht viel mit Kirche am Hut haben. Aber auch zu Personen, die in der Kirche beheimatet sind, jedoch über ihre Gemeinde vor Ort hinaus Angebote suchen.

VWI: Wie lange sind Sie bereits in virtuellen Welten aktiv und wie ist Ihre Erfahrung bezüglich der Resonanz, ist sie mittlerweile höher geworden als noch vor einigen Jahren?

Dr. Kebekus: Was virtuelle 3D-Welten angeht, so bin ich nur in Second Life aktiv. Angemeldet habe ich mich im September 2007; unser Projekt startete am 1. November 2008. Es ist bis Ende 2010 geplant; dann muss entschieden werden, ob bzw. wie es weiter geht. Was die Resonanz betrifft, so kommt es ja in SL nicht so sehr auf große Zahlen an, da gibt es ja schon technische Grenzen. Entscheidend ist die Qualität der persönlichen Begegnung. Ich war positiv überrascht, dass sich beinahe von Anfang an eine Art "Kerngemeinde" gebildet hat, Personen, die regelmäßig oder doch häufig zu unseren Gottesdiensten und Veranstaltungen kommen. Meist sind 8 bis 14 Avatare zugegen. Darüber hinaus gibt es immer wieder Einzelbegegnungen. Große Resonanz hat das Projekt in den Medien gefunden. Dass sich die katholische Kirche nach Second Life traut, war und ist offenbar für viele Journalisten überraschend.

Pfingsten 2009 in der GemeindeVWI: Haben Sie aufgrund Ihrer Erfahrungen mit den neuen Medien bereits Wege kanalisiert, die in der Realität nicht funktionieren bzw. nur in diesen Kontexten sinnvoll erscheinen? Werden Ihre Angebote positiv angenommen und woran machen Sie den Erfolg der Aktivitäten fest?

Dr. Kebekus: Unsere Aktivitäten sind meist so, dass es sie auch im realen Leben gibt: Wortgottesdienste, Bibelkreise, Gesprächsrunden. Ganz allgemein gesprochen sehe ich SL nicht als Parallelwelt an, sondern als Erweiterung der Kommunikationsmöglichkeiten zwischen realen Menschen. Mir geht es nicht um die Avatare, sondern um die Menschen hinter den Avataren. Den Erfolg unserer Arbeit kann man schwer objektiv messen. Deshalb tauschen wir uns im Team - ich habe zurzeit sechs ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter - häufig über den Verlauf des Projektes und unsere Veranstaltungen aus. Gemeinsam bekommen wir dann eine gute Einschätzung hin, was gelungen und was weniger gut war.

VWI: Wenn Ihnen eine gute (Pixel-)Fee drei Wünsche in SL gewähren würde, welche wären das?

Dr. Kebekus: Ich wünsche mir nicht von einer Fee, aber von Linden Lab, dass SL stabil(er) läuft. Noch wichtiger wäre ein niederschwelliger Zugang. Ein SL-Viewer als Browser-Plugin oder -Addon, vergleichbar mit dem Adobe Reader, das wär’s. Innerhalb von Second Life würde ich gern bauen, gestalten und scripten können. Aber da ich nicht an Pixelfeen glaube, wird das wohl nichts…

VWI: Vielen Dank für das Interview.

Links:
Kirche in Virtuellen Welten Webseite
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