Die neue "Third Party Viewer Policy" und ihre Folgen 
Montag, den 29. März 2010 um 10:30 Uhr
OpenSim CloudsVon der deutschen Community fast unbemerkt, hat Linden Lab vor kurzem ein neues, die Terms of Services ergänzendes, Regelwerk veröffentlicht - die sogegannte "Third Party Viewer Policy", kurz TPV genannt.

In der TPV wird unter anderem geregelt, welche Bedingungen alternative Viewer bei Verbindung zum Second Life Grid einhalten müssen.
Die aktualisierte TPV tritt am 30. April 2010 in Kraft.

Sie sorgte in der englischsprachigen Community für ein gewaltiges Echo. Als direkte Folge haben bereits einige Entwickler von alternativen Viewern die Fähigkeit ihrer Software, "out of the box" zum SL-Grid verbinden zu können, ersatzlos gestrichen. Weitere könnten diesem Beispiel folgen.

In der Präambel der Third Party Viewer Policy steht, dass diese unabhängig von der verwendeten Software alternativer Anbieter die Bedingungen festlegt, unter denen man Zugang zum Second Life Grid erhält. Jeder, der also mit einem Alternativviewer Verbindung zum SL-Grid aufbaut, unterwirft sich dieser damit automatisch.

Alternative Viewer dürfen nach Absatz 2b nur dann Inhalte exportieren können, wenn diese vollständig vom eingeloggten Avatar selber erstellt worden sind. Von Dritten erstellte "full perm"-Objekte dürfen nicht exportiert werden. Die Begründung dafür ist, dass "full perm" nicht den Export in andere Grids mit einschließt, sondern ausschließlich für das SL-Grid Gültigkeit hat. Einige Entwickler kritisieren, dass selbst die hauseigenen Viewer von Linden Lab diesem Kriterium bisher nicht entsprechen würden, da beispielsweise eine Textur mit "full perm", die man nicht selbst erstellt hat, von diesem lokal gespeichert werden kann.

Die Entwickler alternativer Viewer müssen nach Absatz 4 a) i) auf Verlangen von Linden Lab jedwede Daten aktualisieren oder löschen, die sie unter Nutzung ihrer Software aus Second Life empfangen haben, wenn die Lindens eine Regelverletzung beim Empfang der Daten vermuten.

Linden Lab räumt sich selbst in Absatz 4) a) ii) ein virtuelles Hausrecht ein; sie können jederzeit den Zugriff des alternativen Viewers auf das SL-Grid beschränken.

Ein weiterer Aspekt ist in Absatz 4) b) iii) der Datenschutz. Linden Lab verlangt hier die Einhaltung gängiger Datenschutzpraktiken und dass, falls nötig, nach Ermessen der Lindens bessere Maßnahmen umgesetzt werden.


Codebasis vs. Offener Code

Während das virtuelle Hausrecht schon heute Fakt ist, stößt den externen Entwicklern 4 a) i) und 4) b) iii) extrem sauer auf, da hier Linden Lab meint, im Zweifelsfall direkte Anweisungen geben zu können, denen die Entwickler dann dem Diktus von Linden Lab gehorchen müssen. Die Entwickler von alternativen Viewern sind nach Absatz 7a für alle Features, Funktionalität, Quellcode und Inhalte ihrer Viewer, die sie entwickeln oder zur Verfügung stellen, verantwortlich. Das wird in Absatz 7d nochmals konkretisiert, nach diesem sind die Entwickler für alle Risiken, Kosten und Fehler, die ihre Software enthält, verantwortlich.
Viele externe Entwickler halten das für eine klare Verletzung von Absatz 12 der GPLv2 unter die der Quellcode des Viewers steht, die eben genau besagt, dass man als Autor für die Software keinerlei Haftung eingeht. Außerdem enthalte die Codebasis von Linden Lab auch nach wie vor viele Fehler, für diese aber nach der TPV die externen Entwickler im Zweifelsfall die Verantwortung übernehmen müssten.

Die Nutzungserlaubnis erlischt für einen alternativen Viewers nach Absatz 8c automatisch dann, wenn dieser gegen die TPV oder andere Regelungen von Linden Lab verstößt. Zusätzlich stimmt man als externer Entwickler zu, auf Verlangen von Linden Lab die Verteilung des Viewers zu stoppen.

Wenn ein alternativer Viewer im Verdacht steht, gegen die TPV, ToS, andere Regelungen von Linden Lab und/oder das Gesetz zu verstoßen, dann ist der Entwickler nach Absatz 8d dazu verpflichtet, innerhalb eines von Linden Labs gesetzten Zeitrahmens seinen Viewer nach Vorgabe der Lindens umprogrammieren. Wenn ein alternative Viewer im Verdacht steht, gegen die TPV, ToS und anderen Regelungen von Linden Lab und/oder das Gesetz zu verstoßen, dann kann nach Absatz 8d Linden Lab von den Entwicklern verlangen, den Viewer nach ihren Vorstellungen abzuändern und die Entwickler müssen diese Änderung innerhalb eines von Linden Labs gesetzten Zeitrahmens vornehmen. 


Linden Labs FAQ zur TPV

Second Life Logo In der offiziellen FAQ nun werden einige Kritikpunkte relativiert oder nochmal genauer erklärt, nämlich:
  • Die Entwickler der alternativen Viewer sind nicht für alle möglichen Mißbräuche bei Nutzung durch Dritte verantwortlich. Es wird aber auch deutlich gemacht, dass die Entwickler für die in ihrem Viewer vorhandene Funktionalität verantwortlich sind und diese den Regelungen Linden Labs entsprechen müssen.
  • Wenn der Erstellername bei einer Textur nicht mehr verfügbar ist, darf diese nicht exportiert werden können.
  • Es wird eine Übergangsfrist von zwei Monaten geben, um den Entwicklern von alternativen Viewern Zeit zu geben, ihre Viewer mit der TPV in Einklang zu bringen. Gemeint sind damit die Absätze 1, 2, 4. b) und 5.). Diese Teile der TPV werden erst ab dem 30. April 2010 in Kraft gesetzt.
Das klingt schon etwas entspannter, aber beruhigt das die Entwickler von Alternativviewern? Linden Lab dürfte im Härtefall nach der TPV vorgehen.


Das überwiegende Echo und die Folgen

Dass die TPV den externen Entwicklern sauer aufstößt, ist verständlich, betrachtet man sich in Ruhe, welche ungewöhnlich weitgehenden Rechte Linden Lab sich damit selbst gibt. Letzten Endes will Linden Lab in Sachen Datenschutz und Features zur Not den Entwicklern diktieren, was sie zu tun und zu lassen haben und diese haben nach Willen der Lindens dies auch umzusetzen. Ob diese Fakten im Zweifelsfalle tatsächlich durchsetzbar wären, steht dabei auf einem anderen Blatt. Der Schaden aber ist bereits da und besteht in dem entstandenen Vertrauensverlust der (Opensource-)Community zu Linden Lab, den die TPV erzeugt hat.

Da die TPV laut Massively nicht mehr revidiert werden wird, ist es wahrscheinlich, dass weitere Entwickler wie Boy Lane dem Beispiel von Imprudence und Fred Rookstown folgen und ihre Viewer so umbauen werden, dass man nicht mehr "out of the box" zum SL-Grid verbinden können wird.

Sollten sich schließlich die Entwickler des beliebtesten alternativen Viewers Emerald ebenfalls zu diesem Schritt durchringen, dürfte es einen weiteren Sturm der Entrüstung mit ungeahnten Folgen geben, gegenüber dem sich die bisherige Diskussion dann wie ein sanftes Rauschen im Walde ausnimmt.

Böse Zungen behaupten gar, hinter der TPV stecke in Wahrheit die Absicht der Lindens, das SL-Grid langsam, aber sicher systematisch für alternative Viewer uninteressant zu machen und abzuschotten. Fakt ist, dass Linden Lab mit der TPV die Entwickler alternativer Clients über Gebühr in die Pflicht nimmt, während die "bösen Buben" von der TPV völlig unbeeindruckt wie bisher weitermachen werden.

Nüchtern betrachtet, hätten sich die Betreiber von Opensim-Grids eine bessere Werbung als die Aktionen der Lindens um die TPV kaum wünschen können.

Links:
Open Sim macht Quantensprung mit eigener Währung - OMC (09.03.2010)
OpenSimulator mit steigenden Zahlen (05.12.2009)
Bildquelle: © Multipla @ Pixelio, mod by VWI

 

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