Gottfried Helnwein – Ein Künstlerphänomen im VMOA 
Montag, den 18. August 2008 um 02:00 Uhr
08-0819-helnwein1VMOA. Die vier Buchstaben stehen für Virtual Museum of Art, bestimmt eines der besten Kunstmuseen, das ich bisher in SL gesehen habe. Gaffer ist einfach mein Name, also der assoziative Beiklang ist im Grunde unbeabsichtigt und rein zufällig.

Trotzdem, um das noch etwas weiterzuspinnen: Als naiver Gaffer bin ich zum ersten mal dort auch reingegangen in die derzeitige Helnwein-Ausstellung, also uninformiert und unbefangen, ein ganz normaler und ungeschulter Kunst-Konsument.

Ich sage Euch, dieser Helnwein haut einen um. Die Bilder sind Schreie, sie klagen an, sie üben eine unmittelbare Wucht auf den Betrachter aus. Inzwischen war ich vier- oder fünfmal in der Ausstellung, Helnwein lässt mich also nicht mehr los...

Um die Bilder besser zu verstehen, habe ich mich auch etwas mehr über denKünstler informiert. Trotzdem bleibt mein Bericht natürlich subjektiv, eine kunstgeschichtliche Einordnung des in Österreich geborenenKünstlers kann ich nicht leisten.

08-0819-helnwein2Wer ist dieser Gottfried Helnwein?
Helnwein ist ein politischer Mensch, besser: Als Künstler ist ereigentlich ein politischer Akteur, aber als solcher sicherlich keinRealo, sondern ein großer Moralist mit allerhöchstem Anspruch, einHumanist im besten Sinn des Worts, einer der laut anklagt undhemmungslos protestiert gegen Gewalt und Unmenschlichkeit in der Welt. Gewalt und menschliches Leid ist eines der zentralen Themen desKünstlers. Seine Bilder und Installationen zeigen sehr eindringlichGewalt-Szenen gegen Menschen, Gewalt gegen Wehrlose, Gewalt gegenKinder.

Auf den ersten Blick wirken viele der Bilder brutal undhässlich. Warum so viel Brutalität, so viel Blut, warum die vielenKöpfe mit durchgebluteten Verbänden, Menschen, die sich in Schmerzenwinden? Man hat ihm vorgeworfen, sein Werk sei voyeuristisch, abartig,er verherrliche das Hässliche und das Böse an sich.
 
Sein Weg als Künstler 
Wer so spricht, hat Helnweins Anliegen nicht verstanden. Nicht das Bildals Medium ist hässlich, sondern die dargestellte Realität von Kriegenist hässlich. Rassismus ist hässlich, Nazismus ist hässlich. UmHelnwein zu verstehen, muss man seine Heimat Österreich in der Zeit desNazismus und in der Nachkriegszeit, der Restauration der fünfzigerJahren verstehen. Der junge Helnwein ist einer, der an diesemÖsterreich leidet, er reibt sich am Spießertum, das er in seinerHeimat damals überall erlebt. Schonungslos beginnt er, die scheinbareösterreichische Idylle zu hinterfragen, er deckt den verstecktenNazismus hinter der vordergründigen Bürgerlichkeit dieser Zeit auf. Ererfährt von Wiener Ärzten, die führend an Euthanasieprogrammen derNazis mitgearbeitet haben, er ist zutiefst empört.

Sein jugendlichesRevoluzzertum geht soweit, dass er prompt von der Schule verwiesen wird.Damit hat er sein künstlerisches Lebensthema im Grunde bereitsgefunden: Das Spannungsfeld zwischen der verlogenen Ideologie einerangeblich heilen Welt und der realen Brutalität draußen im wirklichenLeben. Er versteht den Satz: Homo homini lupus. Der Mensch ist desMenschen Wolf.Später wird er dann sagen, er hätte von Donald Duck und Micky Maus mehrgelernt als in der Schule. Zunächst absolviert er zwischen 1965 und1973 ein Kunststudium in Wien, ständig unterbrochen durchPolit-Aktionen, die ihn aber auch im Ausland bekannt machen. DieProteste gegen den Vietnam-Krieg der Amerikaner fallen in diese Zeit,er bewundert den jungen Muhammad Ali, der damals seinenEinberufungsbescheid als Soldat nach Vietnam öffentlich verbrannte, unddem deshalb sein WM-Titel als Boxer aberkannt wird. Später wird ereines seiner Kinder nach Ali nennen.

Helnwein beherrscht die klassischen malerischen Techniken, doch seinewichtigsten Stilmittel werden, dem Polit-Künstler der siebziger,achtziger Jahre angemessen, das Plakat, die Fotografie, dasnachbearbeitete Foto. Stets sind die Szenen der Bilder arrangiert, diedargestellten Menschen stecken in Uniformen und Verkleidungen allerArt, stets wird ein Spannungsfeld erzeugt, das anklagt und denBetrachter direkt anspricht.
 
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Lebensunwertes Leben 
Den ganzen unteren Stock des VMOA nehmen Bilder aus dieser weltweitgezeigten Ausstellung Helnweins über „lebenunwertes Leben“ein. Er klagtdamit das gleichnamige verbrecherische Programm der Nazis an. Zu sehensind großformatige Bilder von Embryonen im Einmachglas, für denunvorbereiteten Besucher bedeuten diese Bilder zunächst einmal einengroßen Schrecken, der Anblick ist bestimmt nichts für schwache Nerven.Und doch führt uns der Künstler mit dieser „Provokation“ ganzunmittelbar vor Augen, was dieses Unwort „Euthanasie“ im Grundebedeutet. 1979, als dieser Zyklus entstand, war diese schlimme Zeit inDeutschland und Österreich gerade mal etwas mehr als dreißig Jahrevorbei.  
 
Pop Art, Donald Duck und Museum of Tolerance
Der Helnwein der 80er und 90er Jahre hat das Thema Nazismus thematischweitgehend abgearbeitet, er beginnt sich künstlerisch mehr und mehrnach Westen zu orientieren, er lernt die amerikanische Hippie-Szenekennen, macht Bekanntschaft mit Charles Bukowski, demAnarcho-Schriftsteller und Norman Mailer, einem der führendenAnti-Kriegs-Literaten dieser Zeit. Er lernt die Rolling Stones kennen.Durch die Freundschaft mit Andy Warhol nimmt er auch Stilmittel der PopArt und der Comics auf, Micky-Mäuse und Donald Duck-Figuren bevölkernjetzt seine Bilder. Doch auch diese Bilder sind nicht etwa niedlichoder kindlich und keinesfalls witzig. Die Szenerien wirken seltsamfremd und geheimnisvoll. Oft sind Kinder zusammen mit Comicfigurendagestellt. Aber die Kinder sind stets sehr klein und hilflos, oftschlafend, die Comicfigur aber riesig und mit aufgerissenen Augenstarrend. Insofern ist Helnwein durchaus bei seinem alten Thema ThemaAngst, Hilflosigkeit, Terror geblieben. 

Gottfried Helnwein hält es Ende der 90er Jahre nicht mehr in derAlpenrepublik, er wohnt und arbeitet zuerst in einer alten Burg amRhein und zieht später dann weiter nach Irland, dessenStaatsangehörigkeit er auch annimmt. Oft ist er in Kalifornien, wo er2003 in San Francisco ein Museum für Toleranz gründet, was für eingroßartiges und ehrenvolles Projekt

Er wird heute weltweit ausgestellt und ist sicherlich einer derwichtigsten deutschsprachigen Künstler des vergangenen 20.Jahrhunderts, dessen Werk stets versuchte die Brüche und politischenKatastrophen seiner Zeit künstlerisch zu verarbeiten. Er war stetsverletzt und in seiner künstlerischen Ausdrucksweise stets verletzend.Er berührt, er ist menschlich. Schaut Euch die Ausstellung im SL an,solange sie noch geöffnet ist.
 
Slurl Link zum Virtual Museum of Art: (Apfelland%20VMOA/136/58/22)
 
 
 

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