Politik in SL (4): Auch die Grünen fassen nicht Fuß in Second Life 
Freitag, den 24. Oktober 2008 um 19:44 Uhr

08-1024-politik-diegruenen002Mit viel Brimborium und Getöse waren sie damals in der Anfangszeit von Second Life  gestartet, die deutschen Bundestagsparteien.

Alle, von der CDU über die SPD und die Grünen bis hin zur Linkspartei hatten sie prächtige SL-Dependancen oder sogenannte Bürgerbüros eingerichtet und sich die schönsten Pläne zurechtgelegt, wie sie auch die Avatare der Zweitwelt mit ihren politischen Botschaften überzeugen wollten. Heute, nachdem SL erwachsen geworden ist, zeigt sich eines aber bereits sehr deutlich: Die Politik kommt dort überhaupt nicht aus den Startlöchern.


Jüngstes Beispiel ist das Scheitern des SL-Bürgerbüros der Grünen, von denen man eigentlich hätte annehmen könnte, dass sie ein jüngeres Publikum besonders ansprechen und deshalb in einem neuen Medium wie Second Life besonders reüssieren. Nichts da, alles ganz anders. Im Politik-Land erzählt uns Greena Shilova, grüner Avatar und  virtuelles "zweites Ich" der grünen Bundestagsabgeordneten Anna Lührmann, von ihren Erfahrungen als Politikerin in Second Life.

Greena ist kein normaler Avatar, sondern grün eingefärbt von Kopf bis Fuß, und Frau Lührmann ist ebenfalls alles andere als alltäglich. Schon 2002 wurde sie als Neunzehnjährige ins Berliner Parlament gewählt, und heute mit fast 25 ist sie immer noch die Jüngste im Plenarsaal. Neben den klassischen grünen Themen ist die Haushaltspolitik einer ihrer Arbeitsschwerpunkte, das heißt, sie ist Mitglied im Haushaltsausschuss, und als solche hat sie die Aufgabe, über die Art und Höhe der deutschen Staatsausgaben mit zu entscheiden.

08-1024-politik-diegruenen001Daneben fand sie bis vor kurzem noch die Zeit, ein grünes Bürgerbüro in Second Life zu betreuen, das heißt, sie bot dort Sprechstunden für Avatare an. Was wollte man erreichen?
"Greena haben wir in die Welt gesetzt, um für die Partei und die grünen Ideen zu werben. Greena sollte hier mit Bürgerinnen und Bürgern sprechen, die zum Beispiel keine Motivation haben, auf politische Veranstaltungen im realen Leben zu gehen. Also Leute, die man sonst weniger oder gar nicht erreicht mit politischen Themen."

Hat das funktioniert? Konnte Greena die Unpolitischen in SL ansprechen? Wieder aFrau Lührmann:

"Es hat leider überhaupt nicht funktioniert. Wir müssen heute ehrlich eingestehen, dass wir mit Greena unsere diesbezüglichen Ziele nicht erreicht haben. Den Grund dafür kann ich Ihnen nicht sagen. Aber man muss schon sehen, dass kaum jemand den Weg zu uns ins Politikland findet, trotz viel Werbung und großen Einführungsveranstaltungen, die wir noch im Jahr 2007 gemacht haben. Auch die ausgeschriebenen Ideenwettbewerbe waren ehrlich gesagt kein Renner. Die meisten Leute scheinen in Second Life die Unterhaltung zu suchen und nicht die inhaltliche Debatte. In diesem Terrain politische Themen zu transportieren, scheint wirklich schwierig zu sein."

Wo so viel Ablehnung oder antipolitische Stimmung ist, da mag sich auch die offizielle Parteispitze nicht deutlich engagieren. Es ist bis heute keine offizielle Stellungnahme der Grünen zu Second Life bekannt, und das neue Medium spielt auch in der innerparteilichen Diskussion und Meinungsbildung bisher noch keine Rolle. SL ist noch kein Thema für die Grünen, man wartet noch ab.

Wie steht die grüne Abgeordnete Lührmann persönlich zu Second Life? Ist sie privat auch mal online?

"Ich habe kein Zweitleben. Als Spiel benutze ich SL praktisch gar nicht, hauptsächlich wegen Zeitmangels. Trotzdem sehe ich viele positive Aspekte darin. Mir gefällt an SL zum Beispiel, dass es zwar virtuell ist, aber nicht so anonym wie ein Chat. Außerdem liegt es mir persönlich sehr, wenn ich beim Sprechen mein Gegenüber anschauen kann. Sehr gut finde ich auch die Versuche von Avataren, sich in Interessengruppen zu organisieren und demokratische Abläufe im virtuellen Zusammenleben auszuprobieren."


08-1024-politik-diegruenen003Gibt es auch Dinge in SL, die ihr nicht so gut gefallen?

"Dazu fallen mir spontan zwei Sachen ein: Erstens ist es ein ganz wesentliches Problem, dass diese Plattform eben nicht frei ist, sondern einer privaten Firma gehört, die nicht demokratisch kontrolliert wird. Daraus ergeben sich Missbrauchs-Möglichkeiten. Ich denke daran, dass Linden Lab zum Beispiel irgendwann einmal auf die Idee kommen könnte, bestimmten Usergruppen den Zugang zu sperren, zum Beispiel Leuten mit einer missliebigen politischen Ansicht. Die Gefahr ist keine reine Theorie, sondern durchaus im Bereich des Möglichen. Zweites Thema ist der nicht vorhandene Jugendschutz in SL. Diese Frage müsste für das gesamte Internet gestellt werden. Auch hier habe ich keine schnelle Antwort parat, jedoch halte ich bei diesem Thema prinzipiell nicht viel von repressiven Maßnahmen."


Wie wird es weitergehen mit SL?

"Schön wäre es, wenn sich Second Life technisch weiterentwickeln würde zu einem offenen Massenmedium für alle, zu einer Art öffentlichem Raum, wo sich jeder zu jedem Thema äußern kann und Meinungen abgeben oder einholen kann zu allem, was gerade öffentlich diskutiert wird. In solchen Formaten wie SL liegt die Chance, dass sich das Internet weiterentwickelt zu einem echten interaktiven Massenmedium."

Diese Reihe umfasst weitere Teile:

Politik in SL (1): 20 Gruppen tummeln sich in 3D-Welt, von CDU bis französische Linke
Politik in SL (2): Tote Hose im Politik-Land
Politik in SL (3): Linkspartei hofft auf SL-Zukunft

 

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