Augmentation und Immersion - Teil 1: Einführung 
Samstag, den 28. Februar 2009 um 09:00 Uhr
Immersion/AugmentationEs ist die in den letzten drei Jahren am intensivsten geführte Theorie-Debatte in englischsprachigen Second Life Blogs: Augmentation vs. Immersion, also das Aufeinanderprallen zweier verschiedener "Lebensphilosophien" in virtuellen 3D-Welten, bei denen die eine Gruppe ihr virtuelles Leben mit dem realen zu verknüpfen versucht, während die andere eine möglichst strikte Trennung der beiden Sphären forciert. Dieser Artikel soll eine Einführung in diese im deutschsprachigen SL bisher eher wenig beachtete Debatte bieten.


Als das bis heute wichtigste Essay zur Debatte gilt "Augmentation vs. Immersion" von Henrik Bennetsen (Bennetsen 2006). Bennetsen ist zur Zeit am Stanford Humanities Lab (SHL) der Stanford University tätig, wo man sich mit der Erforschung und Entwicklung von innovativen Szenarien für eine zukünftige Wissensproduktion und -reproduktion in den Bereichen "arts" und "humanities" befasst (im Detail: shl.stanford.edu).

Bennetsen war nicht der erste, der sich Gedanken über den Gegensatz von Immersion und Augmentation in 3D-Welten gemacht hat, sein Essay systematisierte das Thema aber zum ersten Mal stärker, fand dann schnell Verbreitung und wird heute in der Regel an erster Stelle zitiert, wenn sich jemand grundsätzlich mit dem Sachverhalt befasst. Dennoch gibt es natürlich inzwischen auch andere Beiträge, die den Gegensatz etwas kompakter zusammenfassen (z.B. Talamasca 2006).

Immersion

Immersion bedeutet nach Bennetsen, dass man Second Life (oder eine andere vergleichbare 3D-Welt) und die Realität, das Real Life, als voneinander unabhängige Sphären wahrnimmt. SL ist eine in sich geschlossene Welt, die durch nichts von außen "verunreinigt" werden sollte. Das heißt, wenn ein Nutzer sich in die virtuelle Welt begibt, taucht er zur Gänze in diese ein und lässt die reale Welt vollständig hinter sich.

Ein klassisches Beispiel wäre zum Beispiel ein Fantasy-Rollenspieler, der sich in Second Life einen Elf als Figur erstellt hat und sich nur auf entsprechenden RP-Sims aufhält. Er geht so in seinem Rollenspiel auf, dass er gar kein Interesse daran hat, zum Beispiel etwas darüber zu erfahren, was seine Mitspieler im echten Leben machen. Er weiß nichts über ihr Real Life und sie nichts über seines. Wenn er sich in SL einloggt, lässt er seine reale Identität hinter sich und ist dann nur noch der von ihm konstruierte Charakter mit einer dazu gehörigen konstruierten zweiten Identität.

Etwas problematisch ist sicherlich die in der Debatte allgegenwärtige Gleichsetzung der Begriffe "Immersion" und "Immersionismus" (eng. Immersionism). Denn Immersion "ist ein Bewusstseinszustand, bei dem der Betroffene auf Grund einer fesselnden und anspruchsvollen (künstlichen) Umgebung eine Verminderung der Wahrnehmung seiner eigenen Person erlebt" (Wikipedia).

Immersionismus bedeutet dann darüber hinaus die bewusste Entscheidung, reales und virtuelles Leben soweit wie nur möglich voneinander zu trennen, unter anderem, um dadurch den Prozess der Immersion zu verstärken (wobei ein Augmentionist diesen Kausalzusammenhang in Abrede stellt). Diese gleichsetzende Terminologie-Verwendung ist durchaus Gegenstand von Kritik (Kimban 2008a), aber in der Debatte immer noch vorherrschend und wird daher hier im Folgenden auch beibehalten. Das heißt, die Begriffe Immersion und Immersionismus werden auch in diesem Artikel synonym verwendet.

Augmentation

Augmentation, auch Augmentismus (eng. Augmentism), bedeutet demgegenüber, dass das reale Leben nie vom virtuellen, "Zweiten" Leben getrennt gesehen werden kann, dass beide Sphären ineinander greifen, sich wechselseitig beeinflussen. Wobei das virtuelle Dasein in der Regel als eine Art Erweiterung oder Ergänzung des realen Daseins betrachtet wird.

Der typische Augmentionist ist jemand, der mit Personen, die er in Second Life besser kennt, auch real verkehrt, zum Beispiel auf Conventions oder im privaten Bereich. Man erzählt dem anderen über das eigene Real Life, kommuniziert dann über SL-Voice oder Skype (kennt also die Stimme des anderen), tauscht irgendwann reale Kontaktdaten aus und trifft sich am Ende eben auch mal auf ein Bier, wenn die geographische Distanz nicht zu groß ist.

Natürlich lässt der Augmentionist in der Regel nicht jede Person an seinem Real Life teilhaben, die ihm in Second Life über den Weg läuft. Grundsätzlich hat er aber nichts gegen ein Ausdehnen des virtuellen Kontakts auf das reale Leben, wenn man sich gut versteht oder dies aus geschäftlichen Gründen Sinn macht. Dabei gibt sich der Augmentionist nach Möglichkeit in SL genauso wie im RL, er möchte sich keine zweite Identität schaffen, die stark von seiner ersten abweicht.

Daraus folgt aber nicht, dass der Augmentionist per se kein Interesse an der Immersion hat. Denn auch er will natürlich Spaß haben und in die virtuelle Sphäre eintauchen. Anders als der Immersionist glaubt er aber nicht daran, dass man dafür die reale und die virtuelle Existenz kategorisch voneinander trennen muss oder überhaupt trennen kann (siehe dazu auch oben den Absatz über den Unterschied zwischen "Immersion" und "Immersionismus").

Ablehnung einer Schwarz-Weiß-Sicht

Um diesen Gegensatz von Immersion und Augmentation ist in den letzten drei Jahren eine Vielzahl von Diskussionen entstanden. Exemplarisch sei hier die These ausgeführt, dass die Immersion gerade dadurch eingeschränkt sei, dass physische Gesetze aus der Realität in SL nicht gelten würden. In der realen Welt kann man eben nicht ohne Hilfsmittel fliegen oder den Stand der Sonne beliebig ändern. Erst ein noch stärkeres Angleichen der Virtualität an die Realität würde die Grenzen verschwimmen lassen und dann die eigentliche Immersion beim Betreten von SL ermöglichen (Cassini 2008). Die immersionistische Gegenposition ist demgegenüber natürlich, dass es für einen hohen Grad an Immersion keineswegs eine solche Angleichung an die reale Welt braucht (Kimban 2008b).

Einige SL-Blogger bekennen sich klar zu einem Lager (exemplarisch Stenvaag 2008), andere halten es für schwierig, sich festzulegen und leben dann zum Beispiel ein virtuelles Doppelleben mit einem eher immersionistisch und einem weiteren eher augmentionistisch angelegten Avatar (Traveler 2008).

Bereits Bennetsen hat in seinem ursprünglichen Essay Augmentation und Immersion bewusst als zwei gegensätzliche Extreme beschrieben, dabei aber natürlich auch darauf verwiesen, dass zwischen schwarz und weiß noch viele Grautöne existieren. So etwas wie "reine Immersionisten" oder "reine Augmentionisten" gibt es gar nicht (Llewelyn 2009). Denn die meisten SL-Nutzer zeigen in ihrem Verhaltensmuster sowohl augmentionistische als auch immersionisitische Züge.

Selbst der immersionistische Rollenspieler, der seinen Elf völlig frei von seiner realen Existenz entwerfen will, lässt natürlich, ob er will oder nicht, Teile seiner realen Persönlichkeit in seine konstruierte Figur und ihr virtuelles Handeln einfließen (Faktoren wie durch Sozialisation bedingte Verhaltensmuster können nie vollständig kaschiert werden), was es anderen Rollenspielern in begrenztem Maß ermöglicht, Rückschlüsse auf das ganz reale Wesen des Elfs zu ziehen.

Umgekehrt wird auch der Augmentionist seinen Avatar in der Regel nicht unbedingt nach seinem Ebenbild gestalten (es gibt Ausnahmen), die ganz reale Bierwampe verschwindet dann beim virtuellen Avatar. Auch wird er im Regelfall sehr selektiv sein, was die Herausgabe von RL-Informationen angeht.

Aus dem Gegensatz zwischen Immersion und Augmentation eine "Wir-gegen-die" Auseinandersetzung, einen "Kampf der Kulturen" herzuleiten, halten etliche Autoren daher für abwegig (Nino 2007). Besser wäre es wohl zu sagen, dass einige Nutzer in der Virtualität "eher immersionistisch" und andere "eher augmentionisch" auftreten.

Wenn also im folgenden weiterhin von "den Immersionisten" die Rede ist, so meint dies Nutzer, die sich eher immersionistisch verhalten. "Die Augmentionisten" sind dann analog jene, die eher augmentionistisch orientiert sind.

Motive für Immersionismus

Was sind nun aber die Motive der beiden Gruppen? Die Augmentionisten sehen wie ausgeführt die virtuelle Welt nur als eine Art Erweiterung ihrer realen Welt, hier klar zu trennen, ist aus ihrer Sicht schlicht absurd. Ausführlicher wird dies im zweiten Teil dieser Artikelserie im Kontext einer anwachsenden Dominanz des Augmentismus erörtert.

An dieser Stelle geht es aber zunächst um die Motive der Immersionisten. Wie dargelegt, versuchen sie den Prozess der Immersion zu verstärken, indem sie ihre reale Existenz soweit wie möglich ausklammern. Die These lautet also: Je konsequenter man seine reale Identität abstreift, desto tiefer kann man in die virtuelle 3D-Welt abtauchen und desto intensiver wird dann die Immersionserfahrung.

Daneben gibt es natürlich auch psychologische Motive, an erster Stelle wäre hier Eskapismus zu nennen: "Als Eskapismus, Realitätsflucht oder Wirklichkeitsflucht bezeichnet man die Flucht aus beziehungsweise vor der realen Welt und das Meiden derselben mit all ihren Anforderungen zugunsten einer Scheinwirklichkeit (imaginären Wirklichkeit)" (Wikipedia).

Für etliche Immersionisten stellen 3D-Welten demnach einen Fluchtpunkt dar. Sie wollen ihrem Real Life, in welchem sie ihr Glück nicht finden können, entfliehen, die dort vorhandenen Probleme verdrängen - und sei es auch nur für ein paar Stunden am Tag. Entsprechend haben sie kein Interesse daran, ihr virtuelles Dasein mit ihrem realen zu verknüpfen.

Dies bedeutet aber nicht, dass alle Immersionisten kein soziales Leben in der Realität haben. Immersionisten, denen von Augmentionisten manchmal unterstellt wird, sie seien doch nur deswegen so fokussiert auf eine RL-SL-Trennung, weil sie damit kaschieren wollen, wie jämmerlich ihre reale Existenz aussieht, reagieren auf solch eine Pauschalisierung in der Regel aggressiv. Dies wäre dann ein klassisches Beispiel für eine Konfliktsituation zwischen Immersionisten und Augmentionisten.

Ein weiteres Dogma, nach dem viele Immersionisten leben, lautet - abgeleitet von einem Hugh Hefner Zitat - "Was in Second Life passiert, bleibt in Second Life". 3D-Welten wie SL werden hier also als Chance gesehen, eine Seite von sich auszuleben, die man in der realen Welt nicht so ohne weiteres ausleben kann.

Ein Beispiel wäre ein Familienmensch, der im Real Life in einem sehr religiösen, biederen Umfeld mit einer konservativen Sexualmoral lebt und seine sexuellen BDSM-Fantasien dann nur in SL auslebt, wenn er sich hier etwa durch eine Domina auspeitschen lässt. Das kann man als bigott kritisieren, tatsächlich leben viele Menschen aber im realen Leben in Verhältnissen, die es ihnen kaum erlauben, ihre "andere Seite" auszuleben. Dies beschränkt sich keineswegs nur auf eine sexuelle Ebene, viele Menschen tun in Second Life, wozu sie aus unterschiedlichsten Gründen in der realen Welt nicht in der Lage sind.

Dafür muss man nicht notwendigerweise das erste und das zweite Leben konsequent voneinander trennen, es bietet sich aber in vielen Fällen an. Viele Immersionisten wollen nicht, dass andere Menschen aus ihrem Real Life mitbekommen, was sie in Second Life treiben, weshalb sie beide Sphären klar zu trennen versuchen. Ein Mann, der in Second Life einen weiblichen Avatar hat, wird dies in vielen Fällen seinem realen Freundeskreis zum Beispiel nicht unbedingt erörtern wollen. Umgekehrt will er meistens auch nicht, dass jemand in SL erfährt, dass er real ein Mann ist, dies würde die mühsam aufgebaute Illusion eines anderen Ichs zerstören.

Auch hier sollte man mit Verallgemeinerungen aber vorsichtig sein, viele Immersionisten hätten theoretisch durchaus die Möglichkeit, ihre andere Seite auch in der physischen Welt auszuleben, tun dies aber aus Bequemlichkeit nicht. Sein Geschlecht für einen begrenzten Zeitraum zum Schein zu wechseln, ist auch in der realen Welt möglich, in der Regel aber schwieriger glaubwürdig zu realisieren.

Resümee

Immersion (Immersionismus) und Augmentation (Augmentismus) sind zwei sich gegenüberstehende Philosophieansätze, bei denen es darum geht, wie Personen das Verhältnis von realer zu virtueller Welt für sich begreifen. Während Immersionisten Real Life und Virtual Life möglichst deutlich voneinander trennen möchten, sehen Augmentionisten die virtuelle Sphäre als Erweiterung der realen.

Diese Grundunterscheidung existiert nicht erst, seit es Multi User Virtual Environments (MUVEs) gibt, sie wird aber im Zuge der Verbreitung von 3D-Welten wie Second Life zunehmend breiter und ausdifferenzierter diskutiert.

Tatsächlich gibt es jedoch kaum wirklich "eindeutige Augmentionisten" oder "eindeutige Immersionisten", viel mehr dominieren Mischformen, bei denen einige Nutzer eher immersionistische und andere eher augmentionistische Standpunkte vertreten. Die Gründe, mehr zu der einen denn zu der anderen Seite zu tendieren, sind vielfältig, was hier beispielhaft an immersionistischen Motiven veranschaulicht wurde.

Viele Autoren halten es für übertrieben bis falsch, hier ein Gegeneinander zweier Gruppen mit unterschiedlicher Sichtweise ausmachen zu wollen. Und zwar gerade weil in den meisten Fällen keine saubere Trennlinie gezogen werden kann. Dass es dennoch zu nicht unerheblichen Spannungen zwischen den beiden Fraktionen kommen kann, wird unter anderem Gegenstand des zweiten Teils dieser Artikelserie sein.

Literaturverweise
Bennetsen, Henrik (2006): Immersion vs. Augmentation, slcreativity.org
Cassini, Roy (2008): A 3D struggle: immersion vs. Usability, digado.nl
Kimban, Dandellion (2008a): What Are Immersion And Augmentation, metaverse.acidzen.org
Kimban, Dandellion (2008b): Realism Doesn’t Make A Good Immersion, metaverse.acidzen.org
Llewelyn, Gwyneth (2009): Post-immersionism, gwynethllewelyn.net
Nino, Tateru (2007): Immersion versus Augmentation, secondlifeinsider.com
Stenvaag, Sophrosyne (2008): An Open Letter To My Augmentationist Friends, sophrosyne-sl.livejournal.com
Talamasca, Akela (2006): Immersionist or Augmentationist?, secondlifeinsider.com
Traveler, CyFishy (2008): The Continuum of Self, cyfishy.livejournal.com

 

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