Kulturstaatsminister Naumann vergibt deutschen Computerspielpreis 
Dienstag, den 10. März 2009 um 07:41 Uhr
BMW-Welt Seit langem gibt der deutsche Computerspiel-Markt ein seltsam gespaltenes Bild ab. Einerseits nimmt die Zahl der zumeist jugendlichen Käufer und Spieler laufend zu und die quantitativen Indikatoren des Marktes stehen weitestgehend auf Grün. Andererseits hatten in Deutschland Computerspiele an sich seit eh und je mit pauschalen Imageproblemen zu kämpfen, das heißt die Außenwirkung des Produkts war nie unumstritten, und eine positive gesellschaftliche Akzeptanz der Gesamtbranche war keinesfalls gegeben.

Jetzt scheinen sich allerdings die Macher selbst ans berühmte Messer zu liefern. Fragwürdige "Spiele" findet man in der Liste der Nominierten, andere - haushoch gesehene - Spiele wiederum wurden nicht zugelassen. Offensichtlich geht es hierbei noch um Killerspiele und nicht schon um Technische Innovation... Der Computerspielpreis 2009 wird am 31.März 2009 in München verliehen werden.

Gegenmaßnahmen der Branche

Die heftigste Kritik an der Branche und ihren Produkten  kam stets überwiegend aus der Ecke der Nichtgamer, oft vorgetragen von engagierten Pädagogen und Jugendschützern, aber auch von politischen, kirchlichen oder anderen Gruppen, die sich um den „Werteverfall“ unserer Gesellschaft sorgen. Brancheninsider mahnen deshalb nicht erst seit gestern Maßnahmen an, um die Außenwirkung, das Bild der Branche in der Öffentlichkeit zu verbessern. Das Games-Imperium schlug nun zwar nicht zurück, sondern bediente sich quasi einer Kriegslist, indem man einen von der Politik unterstützten und mit 600.000 Euro dotierten Preis stiftete, der in verschiedenen Kategorien an Entwickler und zukünftige Stars der Branche ausgelobt wird und mit dessen Hilfe die dringend benötigte öffentliche Image- Aufwertung der Produkte an sich, aber auch der ganzen Branche gelingen soll.

Der Staat als Verbündeter 

Kulturstaatsminister Bernd NaumannWeil tatsächlich eine ganze Menge deutscher Arbeitsplätze an Entwicklung und Verkauf von Computerspielen dranhängen, ließ sich auch der Staat in Person von Kulturstaatsminister Bernd Naumann schnell von der Sinnhaftigkeit dieser Initiative überzeugen und übernahm einen Teil der Finanzierung des Preises. Und so feiert am 31. März 2009 in der BMW Welt München der Deutsche Computerspielpreis seine Premiere. Andere Sponsoren und Medienpartner aus Industrie und Branchenhandel sind unter anderem das Fachmagazin GamesMarkt sowie die Branchenverbände und Vereine G.A.M.E,  BVDW, BIU und BITKOM. Der Preis soll zukünftig regelmäßig im Jahresturnus an Branchentalente vergeben werden, und zwar abwechselnd in München und Berlin, den beiden deutschen Zentren der Branche.


„Computerspiele haben sich zu einem Leitmedium für viele Kinder und Jugendliche entwickelt“, sagte Naumann anlässlich der Vorstellung des Preises vor der Presse,  den er einen „Meilenstein für die Förderung qualitativ hochwertiger Computerspiele“ nennt. Damit spricht er auch ein Hauptziel der Veranstaltung an, nämlich das Angebot an qualitativ guten,  innovativen und pädagogisch wertvollen Computer- und Videospielen aus Deutschland zu unterstützen und damit gleichzeitig den Standort Deutschland für diese Branche zu stärken.


Vorurteile gegenüber der Branche abbauen 

Ein weiteres Ziel der Veranstaltung sei es, unberechtigte oder pauschalisierte Vorurteile der Spielebranche gegenüber abzubauen, indem man Informationslücken schließt und einfach besser nach draußen gegenüber der Politik, den Medien, aber auch gegenüber der Wissenschaft und Pädagogik kommuniziert, was gute Unterhaltungssoftware oder Schulungssoftware („edutainment“) heute darstellt und sein kann. Die Chancen eines Teilnehmers vergrößern sich, wenn das eingereichte Softwareprodukt einen „deutschen oder europäischen kulturellen Hintergrund hat“.


Wo geht das Preisgeld hin? 

Die Preisgelder sollen nicht an Firmen gehen, sondern gezielt und ausschließlich an Personen. Im Fokus stehen dabei Spieleentwickler und -publisher, aber auch Studenten und Schüler deutscher Bildungsinstitute. Die Preise werden in insgesamt 10 Kategorien ausgeworfen, und zwar für die beste Innovation / das beste Serious Game / das beste Jugendspiel / das beste Kinderspiel / das beste mobile Spiel / das beste Browserspiel / das beste Konzept aus dem studentischen Bereich / Schülerbereich / das beste deutsche Spiel / das beste internationale Spiel. Die lange Aufstellung zeigt: Hier sollen wirklich Nägel mit Köpfen gemacht werden. Die Branche kleckert nicht, sie klotzt.


40 Akademiker und ein Gamer in der Jury 

Die Liste der für 2008 eingereichten Arbeiten ist noch nicht bekannt, soll aber in Kürze veröffentlicht werden. Bereits seit einiger Zeit arbeitet sich die Jury durch die eingereichten Bewerbungen. Das Preisgericht macht es sich nicht leicht, es diskutieren fast 40 hochrangige Branchenvertreter, Wissenschaftler, Pädagogen, Abgeordnete,  Journalisten und Publizisten, (darunter mit Rene Heubach auch ein echter Gamer).  Die Nennung der Sieger und die Preisvergabe selbst findet dann in cirka 4 Wochen in München statt. VWInfo wird darüber berichten.


Unter der kritischen Lupe betrachtet

Aktuelle Entwicklungen treffen jedoch eher auf Ungläubigkeit bis Kopfschütteln. Games, die zum Teil schon Jahre alt sind, wurden nominiert - dazu gegensätzlich wurden kommerziell erfolgreiche Spiele, die aber einstweilen als Killerspiele abgestempelt werden, mit zwielichtigen Argumenten nicht zugelassen.

Nach Meinung von Malte Behrmann, Geschäftsführer des Branchenverbandes Game, habe dies aber auch praktische Gründe. Auf den ersten Blick eignet sich etwa die Ego-Shooter-Reihe Crysis von Crytek für eine Nominierung. Das geht aber nicht, so Behrmann: "Crysis ist nicht 2008 erschienen, sondern nur Crysis Warhead. Und das wurde bei Crytek Budapest entwickelt."

So schreibt Golem.de zum Thema, dessen Chefredakteur Christian Klaß gleichsam in der Jury sitzt:

Da es jedoch um Innovation und somit auch um Technik geht, hätte die in Deutschland entwickelte und für Crysis Warhead verbesserte 3D-Engine von Crytek durchaus berücksichtigt werden können. Auch wäre es möglich gewesen, auf Nominierungen für den Innovationspreis zu verzichten.

Crysis Warhead als auch GTA4 wurden in für den internationalen Award als Spiele ab 18 eingereicht, beide warten mit innovativen Techniken und Engines auf und haben aufgrund der Tendenzen der Entwicklung keinerlei Chancen. Den Millionen Spielern zum Trotz, die auch nach dem Alter von 18 Jahren noch von Computerspielen fasziniert sind.

Man kann somit nur wiederholen, dass die Ausrichter sich in diesem Jahr nicht mit Ruhm bekleckern, scheint es doch so, dass Herrn Seehofer Peinlichkeiten erspart bleiben sollen, den Computerspielpreis 2009 an ein beliebtes Spiel, das Waffen beinhaltet, zu vergeben.

"Bestimmte Marktsegmente, die nicht ganz unbedeutend sind, sind ausgeblendet", sagte Andreas Lange, Chef des Computerspielemuseums Berlin. Stattdessen möge Seehofer den Preis besser an Entwickler harmloser Spiele vergeben. Hart in der Diskussion steht hierbei auch, dass Titel wie "Wii Fit" nominiert sind, obgleich dies nur schwerlich als Spiel angesehen werden kann.

Links:

Deutscher Computerspielpreis
GamesMarkt.de


Bildquellen:
Bernd Naumann - ©REGIERUNGonline Kugler
BMW-Welt - © Mariocopa@ PIXELIO

 

 

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