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Lookism in Second Life
Geschrieben von Koks Koolhoven   
Samstag, 30. Mai 2009
LookismWährend der Weg den durch Medien normierten Schönheitsidealen zu entsprechen, in der realen Welt für viele Menschen oft mit massiven Hindernissen verbunden ist, braucht es in Second Life oft nur wenige Handgriffe, um dem eigenen Avatar einen perfekt austarierten Körper zu verpassen.

Eine kritische Reflexion über diese 1:1 Übernahme von Schönheitsnormen aus dem Real Life findet nicht statt, die Chance diese Normen wirklich hinter sich zu lassen, wird nur von einer Minderheit wahr genommen.

Second Life, eine Welt ohne Bierbäuche und Hängebrüste

In den USA leidet inzwischen knapp ein Drittel der Bevölkerung an Fettleibigkeit (Adipositas), in Deutschland sind laut aktuellen Untersuchungen 37 Millionen Erwachsene übergewichtig oder adipös (Wikipedia). Nun bilden SL-Nutzer vielleicht nicht unbedingt einen Querschnitt der Bevölkerung, dennoch würde man vermuten, dass sich diese Körpermaße wenigstens halbwegs auch im zweiten Leben widerspiegeln, wenn die Mehrheit der SL-Residenten wirklich bemüht wäre, das virtuelle Erscheinungsbild wahrheitsgetreu dem realen anzupassen.

Doch das gilt natürlich nicht als erstrebenswert. Selbst jemand der darauf besteht, er würde keine großen Unterschiede zwischen virtueller und realer Sphäre machen, der sich in beiden Welten gleich gibt, wird dabei in der Regel nicht soweit gehen, unvorteilhafte RL-Körpermerkmale für seinen Avatar zu übernehmen.

"Schönheit liegt im Auge des Betrachters"
, sagt man. Und die meisten SL-Nutzer nehmen für sich sicherlich in Anspruch, ihren Avatar ganz individuell nach ihrem persönlichen Schönheitsbegriff zu gestalten. Es kann jedoch kaum ein Zufall sein, dass diese "Schönheit" dann auffällig oft (nicht immer) den Körpernormen entspricht, wie sie einem im Real Life im Fernsehen, auf Werbeplakaten und aus Zeitschriften entgegenschlägt. Offenbar ist das, was man als "individuell" deklariert dann doch von einer kollektiven Norm abgeleitet.

Es gibt weibliche Avatar mit normalen und übergroß wirkenden Brüsten in Second Life, aber wann sieht man hier schon mal einen Hängebusen oder nicht völlig symmetrisch geformte Brüste? Die kommen ungefähr so selten vor wie männliche Avatare mit einem Bierbauch oder einer Halbglatze.

Nun bietet Second Life die Möglichkeit die verschiedensten Avatare zu kreieren, viele von ihnen scheinen im wahrsten Sinne des Wortes nicht von dieser Welt zu sein. Der Kreativität sind scheinbar keine Grenze gesetzt und doch wirken selbst Körperbilder die auf den ersten Blick gängige Schönheitsnormen zu sprengen scheinen, diesen auf den zweiten Blick doch wieder recht nah.

So gibt es viele zottelige Furrys, aber nach einem mit einer echten Plauze muss man schon länger suchen. Es gibt Vampire mit entsprechend blasser Haut, aber keine die unter Akne leiden. Science-Fiction-Rollenspieler laufen in engen Fantasie-Unformen und mit einer klingonischen Runzelstirn umher, doch die Körpermaße wirken insgesamt auch hier wieder auffällig oft bekannt, eben wohlproportioniert schlank bis athletisch. Wirkliche Ausnahmen bilden in der Regel nur nicht-humanoide Avatare.

"Fashion and Style", die eigentliche Leitkultur in Second Life?

"Kleider machen Leute" , nicht nur im Real Life sondern besonders auch im zweiten Leben. Denn noch mehr Zeit als in den Körper investieren sehr viele RL-Residenten in die darüber liegende Kleidung.

ArminasX Saiman veröffentlichte in seinem Blog vor kurzem eine Liste mit den beliebtesten Second Life Blogs (Who's The Biggest? Redux, secondeffects.com, 20/03/09). Grundlage war das Ranking der Blog-Suchmaschine Technorati, das Saiman aber um nicht mehr aktive Blogs bereinigte. Übrig blieben 585 SL-Blogs, bei deren Sichtung die relativ hohe Anzahl von jenen auffällt, auf denen es ausschließlich um das Thema Mode geht. Nicht, dass es keine Blogs gäbe, auf denen auch andere kulturelle und soziale Fragestellungen erörtert würden, aber "Fashion and Style" ist zweifellos eines wenn nicht sogar das Top-Thema, das im Kontext von Second Life durch seine Nutzer diskutiert wird.

Es ist daher auch wenig verwunderlich, dass der Mode-Branche in Second Life eine enorme ökonomische Bedeutung zukommt. Neuesten Erhebungen zufolge verdient ein SL-Modedesigner im Durchschnitt 850 US-Dollar im Monat (und gehört damit zu den Besserverdienenden), die Branche gilt als die wachstumsstärkste in SL (How Profitable is the Second Life Fashion Game?, secondlifeherald.com, 30/04/09). Entsprechend wird die kreative wie technische Gestaltung der Kleidung auch immer aufwendiger und qualitativ hochwertiger (Die Zukunft virtueller Mode, VWI, 07/05/09).

Wer seinen Avatar optisch nicht aufmotzt und an bestehende Normen anpasst, wird nicht für voll genommen

"Na und", könnte man nun fragen, "wo ist hier das Problem?". Wer will schon häßliche Avatare sehen? Wenn viele Menschen in ihrem Real Life nicht an verbreitete Schönheitsnormen heran reichen und sich z.B. Haute Couture Kleidung nicht leisten können, sollte man es ihnen doch einfach gönnen, dass sie das dann wenigstens in ihrem zweiten Leben tun können.

Die Problematik besteht darin, dass mit der Übernahme dieser Schönheitsnormen aus dem Real Life auch negative gesellschaftliche Entwicklungen, die mit diesen Normen verknüpft sind, ins zweite Leben transferiert werden. Zu nennen wäre hier z.B. die Tendenz seine Mitmenschen wenn auch nicht völlig so doch zu nicht unerheblichen Teilen auf das zu reduzieren, was sie Äußerlich darstellen.

In der Sozialpsychologie hat sich dafür der englische Begriff "Lookism" etabliert: "Lookism ist die Annahme, dass das Aussehen ein Indikator für den Wert einer Person ist. Sie bezieht sich auf die gesellschaftliche Konstruktion einer Schönheits- oder Attraktivitätsnorm und die Unterdrückung durch Stereotypen und Verallgemeinerungen über Menschen, die diesen Normen entsprechen und über diejenigen, die ihnen nicht entsprechen" (zitiert nach Browne / Giampetro-Meyer: Many Paths To Justice: The Glass Ceiling, the Looking Glass, and Strategies for Getting to the Other Side; Übersetzung aus der Wikipedia).

Ein klassischer Fall aus dem Real Life wäre z.B. eine Diskriminierung bei der Vergabe eines Arbeitsplatzes: Eine Person die eher gängigen Attraktivitätsnormen entspricht wird gegenüber einem gleichqualifizierten aber weniger attraktiv wirkenden Mitbewerber bevorzugt. Nun stellt sich dieses Problem in Second Life in dieser Form nicht, u.a. weil hier jeder mit relativ wenig Aufwand seinem Avatar dem vorherrschenden Schönheitsideal anpassen kann, um Akzeptanz zu finden.

Bereits das ist aber schon problematisch. Denn wenn man optischen Normen hinterlaufen muss, um irgendwo Akzeptanz zu finden, kündet dies von einem doch sehr auf Oberflächlichkeiten basierenden Gesellschaftsmodell. Klar kann man sich dem widersetzen, erfährt dann aber eben nicht selten Ausgrenzung.

Kristina Simon setzt sich in einem sarkastischen Blogeintrag mit den Problemen auseinander, die man als Frau in SL bisweilen beim Versuch hat, mit Männern gemeinsam shoppen zu gehen. Dabei teilt sie die männlichen Shopper in verschiedene Typen ein. Zum Typus des "Verweigerers" heißt es: "Die härteste Nuss die Frau zu knacken hat (Oder auch nicht!) ist der Verweigerer. Ja es ist wirklich irgendwo selbst in SL megapeinlich manchmal mit ihm aufzulaufen, vor allem wenn der eigene Avatar noch bis in die Wimpern durchgestyled ist. Da steht dann also Miss Glamour neben so einem Müllhäuflein und man muss schon viel Liebe aufbringen um ihn dann zu gesellschaftlichen Großereignissen in dem Zustand mitzuschleppen. Ich komm mir dann immer vor wie mit einem Mischlingshund auf einer Rassezuchtschau" (Männershopping... oder das Leiden der Kristina S. Eine Analyse, slinsiders.wordpress.com, 10/10/08).

Das ist natürlich bewusst überspitzt formuliert, bringt aber den in SL dominanten gesellschaftlichen Habitus ganz gut auf den Punkt: Wer nicht auf sein Äußeres achtet, stellt nicht viel dar, auf den darf herabgesehen werden. Wer nach einem halben Jahr in Second Life immer noch in seinen Newbie-Klamotten rumläuft (oder mit Freebies die zu sehr nach Freebies aussehen) wird im besten Fall einfach nur belächelt, muss sich aber ansonsten blöde Kommentare anhören oder wird einfach weitgehend ignoriert.

Mit Oberflächlichkeit ist es wie mit allen negativen menschlichen Eigenschaften, sie trifft im Zweifelsfall immer nur auf die anderen zu, nie auf einen selbst. Die meisten SL-Residenten würden vermutlich entschieden von sich weisen, dass sie den Kontakt zu anderen SL-Nutzern allein deshalb meiden oder sich eine abschätzige Meinung von ihnen bilden, weil diese sich gängigen, in der Regel aus dem Real Life übernommenen Schönheits- und Ästhetiknormen verweigern.

Die Realität ist eine andere, wer daran zweifelt sollte sich einfach mal einen Alt registrieren und mit diesem ein paar Monate mit einem 08/15-Avatar durch Second Life bewegen. Insbesondere an Treffpunkten, bei denen man auf ganze Gruppen trifft (Clubs, Infopoints, etc.) wird man dann in der Regel oft fest stellen, dass man nicht für voll genommen wird, auch wenn man sich etwa durch die rege Beteiligung an Konversationen zu integrieren versucht.

Resümee

Second Life ist eine virtuelle 3D-Welt die entscheidend von visuellen Reizen lebt, die auch von den Avataren ausgehen sollten. Die Vorstellung, dass hier alle Avatare völlig identische körperliche Merkmale haben und dazu alle dieselbe Kleidung tragen, kann natürlich nicht erstrebenswert sein. Kein Nutzer möchte sich in einer virtuellen Welt aufhalten, in der er sich wie in einer Klonfabrik fühlt. Da könnte man sich genauso gut gleich wieder in reine Text-Chats zurückziehen.

Und dennoch fällt auf, dass obwohl die Möglichkeiten den eigenen Körper ganz individuell zu gestalten riesig sind, auffällig viele Avatare in der einen oder anderen Form doch dem aus dem Real Life bekannten Schönheitsidealen sehr ähneln (austrainierte bis schlanke Körper, wohlproportioniert ohne erkennbaren Makel). Und damit ähneln sich sich dann auch gleichzeitig untereinander sehr stark, was den proklamierten Individualitäts-Anspruch hinsichtlich des eigenen Erscheinugsbildes zu konterkarieren scheint. Die darauf aufbauende Mode ist dann zwar scheinbar wesentlich vielseitiger, insgesamt aber eben auch nur wieder auf die "Einheitskörper" zugeschnitten.

Die Übernahme von ästhetischen Normen aus dem Real Life führt dann leider auch zu bekannten negativen Folgeerscheinungen in der virtuellen Sphäre. Im Neudeutschen spricht man von "Lookism ", wenn Menschen auf ihr Äußeres reduziert werden oder auf Grund ihres Aussehens ausgegrenzt werden. In Second Life äußert sich dies in der Geringschätzung von Personen, die bewusst versuchen, die bekannten Schönheitsnormen zu durchbrechen oder dem optischen Erscheinungsbild ihres Avatars grundsätzlich wenig bis keine Beachtung schenken.

Neben der Idee dass das zweite Leben letztlich immer ein Spiegelbild des ersten Lebens ist oder präziser ein Spiegelbild realer, durch Normierung erzeugter Sehnsüchte und Träume ("Endlich mal selber aussehen können, wie das angehende Model bei Heidi Klum"), existiert auch noch die theoretische Möglichkeit sich im Virtuellen eine bessere Gesellschaftsstruktur zu schaffen, in die dann z.B. eben nicht einfach bekannte Schönheitsnormen und eine starke Aufwertung von Äußerlichkeiten aus dem Real Life übernommen werden, sondern bewusst in die entgegengesetzte Richtung gewiesen wird, den berühmt berüchtigten "inneren Werten" mehr Raum gegeben und eine von der Norm abweichende optionale Ästhetik entwickelt und akzeptiert wird. Doch diese Vision scheint von der Mehrheit der SL-Residenten nicht ernsthaft gewollt zu sein.

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Pia Paiggio  - Super Artikel!   |10-06-2009 10:56
Super, lieber Koks, dass Du Dich diesem längst überfälligen Thema einmal angenommen hast. Ein klasse Artikel, sehr facettenreich und umfassend! Diese Intoleranz gegenüber Avis, die den Dress- und Stylingcode nicht übernehmen, kriege ich als Pia auch oft zu spüren.

Aber so richtig peinlich wird das ganze virtuelle Gehabe dann, wenn man hinter den coolsten Avis die hässlichsten und unförmigsten Menschen entdeckt...

Kommentar editiert
Violetta Miles   |10-06-2009 10:57
Das Schlimme ist ja dabei, dass sich mit solch piefigen Wertevorstellungen viele die Chance auf ein kreatives, entspanntes Second Life verderben und anderen gleich mit. Da liegt der Verdacht nahe, dass es manch einem nur noch darum geht, ein Second Real Life zu gestalten, mit exakt den gleichen piefigen Reglementierungen in jedem Bereich.

Ich erfreu mich natürlich auch gerne an schönen Klamotten für meinen "Biggie-Avatar". Aber die echten Menschen hinter den Pixelfiguren sind mir um ein Vielfaches wichtiger als das, was Sie in SL zu sein versuchen.

Ein schönes kleines Beispiel, wie es sein kann, wenn man in SL nicht nur von Toleranz redet, sondern sie auch lebt, ist das Video, das Freunde von mir gedreht haben:

http://www.youtube.com/watch?v=2-Y_cGc2Zkc

Liebe Grüße
Vio

Kommentar editiert
GaiusJulius Drut  - Lesenswerter Artikel   |31-05-2009 14:21
Klasse!
Gaby Benkwitz  - Oberflächlichkeit und Geringschätzung zu kurz gegr     |01-06-2009 13:33
Du hast hier ein paar sehr wichtige Punkte aufgriffen und erklärt, die ich auch aus eigener Erfahrung bestätigen kann (sowohl als Bewertete als auch als wertende Person). Deine Annahme, dass die einzigen Gründe für die negative Wahrnehmung eines Avatars wie z.B. der Pia Piaggios oberflächliche Schönheitsideale sind, ist zu kurz gegriffen. Der Grad der Immersion steigt für die meisten Menschen mit dem Grad des optischen Realismus, mit dem Grad der scheinbaren Echtheit der virtuellen Umgebung. Pia Piaggio (sorry, du bist so ein perfektes Beispiel!) und andere Avatare, die nicht einmal eine Haut oder halbwegs realistisch aussehende Haare (Fell, Flügel, Fühler...) haben, zerstören diesen Eindruck des Realismus. Tot und flach aussehende Avatare machen einfach im Moment ihres Auftretens das immersive Erlebnis kaputt und katapultieren uns zurück in die eine Zeit, in der die technischen Limitationen so ein Aussehen erzwangen. Das kann man auch als Rücksichtslosigkeit gegenüber denen nehmen, die gerne mit allen Sinnen in eine virtuelle Welt eintauchen. Du sprichst von einer 1:1 Übertragung von Schönheitsnormen. Man kann aber nunmal nicht 1:1 die Normen übertragen, da es sich um ein anderes Medium handelt; in diesem Fall entspricht ein pixeliger, unechter Avatar mit Entengang einem Gast, der zu deiner Party mit ungewaschenen Haaren, stinkend und mit Jogginghose auftaucht. Er passt einfach nicht ins Bild und missachtet den sozialen Kontext - das finden die andern Gäste unangenehm. Das gilt jedoch natürlich auch andersherum, wenn man in SL aufgemotzt im sexy Abendkleid zum Business-Meeting kommt. Ebenfalls Missachtung des sozialen Kontextes. Aber auf jeden Fall ein interessantes Thema
Kalle  - Schuluniformen   |01-06-2009 22:24
... ja, sehr interessant das Thema.
Statt nur die negative Aspekte zu diskutieren, kann man in der Tat auch mal die positiven Aspekte der Anonymität betrachten.
In vielen Schulen werden Schuluniformen auch nicht ohne Grund verwendet.

Der soziale Status im Real Life beeinflußt die Diskussionspartner maßgeblich, non-verbale Kommunikationselemente sind leider oft wichtiger als inhaltliche Aspekte.

Daher bietet aus dieser Sicht eine "Einheitlichkeit" auch Vorteile sich eben gerade auf die körperlosen Charakterzüge der Menschen hinten den Avataren zu konzentrieren, gerade weil alle in SL Models sind und keine Vorurteile im Vordergrund stehen...
Koks Koolhoven  - re: Oberflächlichkeit und Geringschätzung zu kurz   |02-06-2009 14:31
avatar
Zitat:
Der Grad der Immersion steigt für die meisten Menschen mit dem Grad des optischen Realismus, mit dem Grad der scheinbaren Echtheit der virtuellen Umgebung. Pia Piaggio (sorry, du bist so ein perfektes Beispiel!) und andere Avatare, die nicht einmal eine Haut oder halbwegs realistisch aussehende Haare (Fell, Flügel, Fühler...) haben, zerstören diesen Eindruck des Realismus. Tot und flach aussehende Avatare machen einfach im Moment ihres Auftretens das immersive Erlebnis kaputt und katapultieren uns zurück in die eine Zeit, in der die technischen Limitationen so ein Aussehen erzwangen.

Aber was hat es denn mit "optischem Realismus" oder "Echtheit" zu tun, wenn alle in Second Life einen perfekten Köprer haben, wie man ihn im Real Life "real" so nur selten zu sehen bekommt? Es ist eben gerade nicht realistisch ein nur aus den RL-Medien bekanntes Körperbild für SL zu übernehmen.

Deiner Argumentation zufolge muss sich Second Life dem Real Life möglichst weit anpassen, um ein möglichst intensives Immersionsgefühl zu gewährleisten (was man auch anders sehen kann, aber gut, nehmen wir es hier mal als Prämisse). Was dann eben z.B. auch bedeuten müsste, dass wenn im Real Life ein Drittel der Bevölkerung Übergewicht hat, sich dies im Second Life auch widerspiegeln sollte - was aber eben nicht der Fall ist.

Wenn man in Second Life an einen Strand geht und dort haben 90% der Männer einen Sixpack-Bauch während es im wahren Leben an einem echten Strand vielleicht 5% sind, dann kann man das natürlich optisch begrüßenswert finden (als eine Art virtuelle Verbesserung der Realität), man kann aber auch den Eindruck bekommen, es ist zu künstlich, einfach zu glatt, zu einheitlich.

Problematisch finde ich halt nur, dass SL-Residenten die letztere Position vertreten, die diesen Hype um Style und Fashion nicht mitmachen wollen oder die einfach ihre Prioritäten in SL anders setzen, ausgegrenzt werden. Nicht immer und überall vielleicht, aber zunehmend besonders an öffentlichen Plätzen (wo sich mehrere Personen versammeln).
Gaby Benkwitz  - Grafischer Realismus, nicht Kopie von RL     |02-06-2009 13:15
Da hab ich mich missverständlich ausgedrückt:
Ich meinte mit "Erhaltung eines Realismus" keineswegs 1:1 Kopien der stofflichen Welt und Physiognomie der Bevölkerung, denn dann bräuchten wir kein zweites Leben, wenn es nur das erste originalgetreu nachbildet (und wo ist der Fun?). Ich spreche von der optischen, grafischen Qualität einer Phantasiewelt, die zwar fantastisch und surreal, manchmal wie wahrgewordene Fantasy oder Sci-Fi aussieht, jedoch so echt wirkt, dass man denkt, man sei Unterwasser, im All, in den Tropen...und dann steht einem plötzlich eine Flat-Shading Puppe gegenüber, die die Illusion für einen Moment zerstört.

Ich wollte nur zu bedenken geben, dass Geringschätzung und Schönheitswahn nicht die einzigen Gründe sind, warum "Newbie" Avatare manhcmal negatives Feedback bekommen.
Dass solche Avis offenbar tatsächlich sozial "ausgegrenzt" werden in bestimmten Gegenden von SL, ist mir noch nicht passiert und hoffentlich ein Einzelfall.

Fettleibigkeit:
Warum allerdings irgendjemand seine Pickel, sein Übergewicht und sonstige Makel (wenn er/sie sie so wahrnimmt) mitnehmen sollte in ein Medium, dass den meisten zur Unterhaltung und sozialem Kontakt dient, ist mir unbegreiflich (höchsten für soziele Studien und Spaß). Diverse Studien zeigen ja, dass viele SL gerade dazu nutzen, mal (optisch) anders aufzutreten, als es ihnen im stofflichen Leben möglich ist, um eben auch mal zu erleben, wie es ist, rothaarig, groß und schlank zu sein, oder muskulös und grünhäutig. Oder 150 Kilo schwer - ich selbst laufe manchmal mit Fatsuit herum und habe übrigens in der fetten Form mehr Leute kennen gelernt als in meiner menschlichen schlanken Form.
Autisten lernen z.B. in SL neue soziale Verhaltensweisen leichter (als ersten Schritt), weil der als unangenehm wahrgenommene Körperkontakt entfällt.

Und ich teile Kalle's Erfahrungen, dass in SL noch mehr als in RL gilt: "Du bist dein Wort, du bist deine Taten". Denn immer, wenn es über Smalltalk hinausgeht, kannst du deine Persönlichkeit in SL genausowenig verstecken als in RL - die scheint schon nach ein paar Treffen durch.

Ob es allerdings bei einer ersten Begegnung zu einem Smalltalk kommt, hängt in SL wie in RL auch vom sog. Halo-Effekt ab (http://www.soft-skills.com/sozialkompetenz/menschenkenntnis/halo/effekt.php)
Ähnlich wie beim Lookism überstrahlt eine als positiv wahrgenommene Eigenschaft alle anderen (positiv): Man hält z.B. attraktive Menschen eher für kompetent (sogar ein wenig Lippenstift macht eine Frau kompetenter im Eindruck).

In fast 3 Jahren SL habe ich die Erfahrung gemacht, dass hier der erste Eindruck meist über das geschriebene Wort entsteht (z.B. schlechte Rechtschreibung hat einen negativ ausstrahlenden Effekt: er wirkt dumm) und einfache Dinge, wie z.B. ob jemand "Hallo" in die Runde sagt, sich nach Umrempeln entschuldigt usw. Man könnte ganze Bücher darüber schreiben...
Koks Koolhoven  - re: Grafischer Realismus, nicht Kopie von RL   |05-06-2009 08:06
avatar
Zitat:
Ich meinte mit "Erhaltung eines Realismus" keineswegs 1:1 Kopien der stofflichen Welt und Physiognomie der Bevölkerung, denn dann bräuchten wir kein zweites Leben, wenn es nur das erste originalgetreu nachbildet (und wo ist der Fun?). Ich spreche von der optischen, grafischen Qualität einer Phantasiewelt, die zwar fantastisch und surreal, manchmal wie wahrgewordene Fantasy oder Sci-Fi aussieht, jedoch so echt wirkt, dass man denkt, man sei Unterwasser, im All, in den Tropen...und dann steht einem plötzlich eine Flat-Shading Puppe gegenüber, die die Illusion für einen Moment zerstört.

Ja, natürlich kann die Lösung nicht darin bestehen, dass wir nun alle mit grob-pixeligen Avataren aus der grafischen Steinzeit rumlaufen, die dann vielleicht auch alle nur einheitliche Kleidung tragen. SL ist ein visuelles Medium das von visuellen Reizen lebt, die natürlich auch von den Avataren ausgehen müssen. Das räume ich im ersten Absatz meines Resümees oben im Artikel ja auch ein.

Es sollte aber auch umgekehrt nicht so sein, dass wir Personen allein deshalb ignorieren und nicht für voll nehmen, weil sie mit der Optik ihrer Avatare nicht dem Stand des technisch möglichen entsprechen.

Wenn ich mit jemandem ein interessantes Gespräch führe, ist es mir doch z.B. egal, dass er nur unrealistisch wirkendes Nicht-Prim-Hair auf seinem Kopf trägt. Das stört mein Immersionsgefühl nicht wirklich nachhaltig, da optische Reize nicht der einzige Faktor bei der Immersion sind. Nur diese Erfahrung kann ich natürlich nicht machen, wenn ich mich mit dieser Person nicht auf ein Gespräch einlasse, nur weil mich etwas an ihrer Optik stört.

Bezüglich deiner Erfahrung, dass der erste Eindruck meist über das geschriebene Wort entsteht wäre meine Gegenthese, dass es hier eine langsame Kehrtwende gibt: In dem Maße wie die optischen Reize immer intensiver werden (bedingt durch grafik-technische Weiterentwicklungen) tendieren die SL-Nutzer auch immer stärker dazu, ihr Gegenüber nach dem ersten optischen Eindruck zu bewerten, nicht nach der ersten Konversation.

Zitat:
IWarum allerdings irgendjemand seine Pickel, sein Übergewicht und sonstige Makel (wenn er/sie sie so wahrnimmt) mitnehmen sollte in ein Medium, dass den meisten zur Unterhaltung und sozialem Kontakt dient, ist mir unbegreiflich (höchsten für soziele Studien und Spaß).

Weil eine Welt ohne diese ganz realen "Makel" oft zu künstlich, zu unnatürlich wirkt. Man kann natürlich einwenden, dass es in der Natur von virtuellen Welt liegt, dass sie künstlich sind. Künstlich konstruierte Avatare in künstlich konstruierten Welten. Trotzdem hat das doch auch etwas fast schon gruseliges, wenn alle oder doch zumindest sehr viele SL-Residenten ihre Avatare auf diesen Idealmaßen aus dem Real Life aufbauen und sich so sehr ähneln.

Ich habe jedenfalls oft den Eindruck, dass die Vielseitigkeit bei der Konstruktion von Avataren nur eine scheinbare ist. Residenten investieren viel Geld und Zeit in einen möglichst individuellen Look ihres Avatars und am Ende sieht der dann der Masse an anderen Avataren doch sehr ähnlich. Und wenn man dann immer nur glatte, perfekte Gesichter sieht, empfindet man es irgendwann vielleicht sogar als angenehm anders, wenn sich mal jemand traut seinem Avatar eine ordentliche Narbe zu verpassen.

Die Frage ist nun, wie wird in SL mit Personen umgegangen, die sich dieser Norm bewusst widersetzen, ihren Avatar mit Merkmalen ausstatten die wohl sehr viele SL-Residenten als "häßlich" einstufen würden. Sie erfahren m.E. natürlich durchaus Ausgrenzung, weil das was sie möglicherweise Interessantes zu sagen haben hinter ihrer als negativ wahrgenommenen Optik zurücksteht.

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