Psychologische Beratung - Versuch der Hochschule Neubrandenburg in SL 
Dienstag, den 07. Juli 2009 um 13:12 Uhr
Beratungsambulanz - Szenario "Büro"Am 30. Juni 2009 wurde in den virtuellen Räumlichkeiten der Hochschule Neubrandenburg in Second Life erstmalig eine psychologische Beratungsstunde angeboten.

Erforscht werden sollen dabei die Möglichkeiten webbasierter Beratungsangebote für den psychosozialen Bereich.

Zwar befindet sich das Projekt noch in einem sehr frühen Entwicklungsstadium, doch erste Erkenntnisse und Eindrücke konnten die Initiatoren, Prof. Dr. Barbara Bräutigam und Projektkoordinator Daniel Herz, bereits gewinnen.
Knapp eine Woche nach dem ersten Testdurchlauf beantwortete Daniel Herz auch schon einige Fragen gegenüber VWI.

VWI: Wie wurde die Veranstaltung aufgenommen? Kamen tatsächlich Besucher, die das Angebot einer virtuellen psychologischen Beratung angenommen haben?

Daniel Herz: Die Zielgruppe für diesen ersten "Testdurchlauf" war klar vorgegeben, insofern war nicht mit einem Besuch anderer SL-User zu rechnen. Es gab auch keine Personen aus der Zielgruppe der Studierenden aus Neubrandenburg, Greifswald und Stralsund, die das Angebot angenommen haben. Dennoch konnte aus dem Kreis der Seminarteilnehmer, die das Projekt im Rahmen einer Lehrveranstaltung begleitet haben, jemand gefunden werden, der Interesse an dieser Form der Beratung zeigte. Insofern ließ sich dann doch noch eine virtuelle Beratungssituation simulieren, wenngleich wichtige Faktoren, wie zum Beispiel Anonymität, natürlich nicht gegeben waren.

 

VWI: Wie darf man sich den Ablauf einer solchen virtuellen psychologischen Beratung vorstellen?

Beratungsambulanz - Szenario "Japanischer Garten"Herz: Die Beratungsambulanz besteht aus zwei großen Bereichen: Zum Einen gibt es die Informationsebene, die auf der Insel für jedermann zugänglich ist und zum Anderen die Beratungsebene, die sich in einer Skybox befindet und in der dann die Beratung stattfindet. Dieser Bereich ist den Beratenden und den Klienten vorbehalten.
Es können durch die Klienten drei verschiedene Beratungssettings gewählt werden: eine Bürosituation, ein japanischer Garten oder eine Waldumgebung mit Wasserlauf. Die zu Beratenden werden im Informationsbereich empfangen und können dann aus den drei Möglichkeiten auswählen. Anschließend beamt man sich gemeinsam via Teleporter auf die Beratungsebene. Dort findet die ca. 30-minütige Beratung mittels IM-Chat statt. Etwas vorstellbarer  wird dies vielleicht beim Rundgang Ende Juli. Dann werden wir uns auch den Fragen der interessierten SL-Öffentlichkeit stellen.

 

VWI: Wie zufrieden sind Sie mit dem Ergebnis?

Herz: Sehr zufrieden, was den ersten Erkenntnisgewinn betrifft; allerdings hätten wir uns natürlich gefreut, wenn sich Studenten aus Neubrandenburg, Greifswald oder Stralsund bereits zu diesem ersten Termin gemeldet hätten. Insbesondere die aufgetretenen technischen Hürden, angefangen von der Avartarbedienung über den störenden AFK-Modus im Gespräch bis hin zur Qualität des Voice-Chats haben erste Erkenntnisse und Konsequenzen für den zweiten "Durchlauf" gebracht. Aber auch die generelle Realisierbarkeit von Beratung im virtuellen Kontext konnte bestätigt werden. Denn wenn auch nicht wie in angedachter Form, es kam zu einem vertieften Beratungsgespräch, in dem sich sowohl die Beraterin als auch die Klientin aufeinander einlassen konnten und ernsthafte Problembearbeitung stattfinden konnte.

 

VWI: Welche Erkenntnisse können Sie heute schon daraus ziehen und wie wirkt sich das auf die zweite geplante Beratungsstunde im Herbst aus?

Herz: Neben einigen technischen Schwächen, die sich im ersten "Testlauf" zeigten, ist es vor allem die Bestätigung der anfänglichen Vermutung, dass die virtuelle Identität in dreidimensionalen Welten, wie Second Life, noch kein Massenphänomen ist. Demzufolge scheint auch die Bereitschaft von Ratsuchenden noch nicht groß genug zu sein, um sich eigens für eine Beratung den technischen Herausforderungen einer SL-Identität zu stellen.
Insofern bleibt als Konsequenz für den zweiten Durchlauf im Prinzip nur die Möglichkeit, das Angebot für den Kreis der jetzt schon aktiven SL-User zu öffnen, will man denn den Bereich virtueller psychologischer Beratung in all seinen Facetten erforschen. Allerdings würde für diesen Fall die Möglichkeit, bei Bedarf eine Anschlussmaßnahme im RL anbieten zu können, weg fallen.


Beratungsambulanz Szenario "Wald"VWI: Können auch Interessierte von dem Angebot Gebrauch machen, die nicht an der Hochschule Neubrandenburg studieren?

Herz: Ja, aber mit dem deutlichen Hinweis, dass es sich ausschließlich um eine psychologische Beratung und keine Therapie handelt und dass keine Anschlussmaßnahmen vermittelt werden können.

 

VWI: Finden auf Ihrer virtuellen Repräsentanz auch andere "Events" statt?

Herz: Ja, Lehrveranstaltungen, Projektseminare und am 28.07.09 um 20 Uhr die Präsentation der Erfahrungen aus dem ersten "Testdurchlauf", Rundgang über das Gelände mit Erläuterungen und anschließende Diskussion/Beantwortung von Fragen.


VWI: Welches Potential haben virtuelle Welten für den Bereich der psychologischen Beratung Ihrer Meinung nach? Wo sind die Vorteile, wo die Nachteile gegenüber einem real stattfindenden Gespräch?

Herz: Ein Potential sehen wir im niedrigschwelligen Angebot für Erstkontakt/Erstberatung. Denkbar wäre dieser Weg auch als Reflexionsmöglichkeit für Klienten, die ihre Situation/Zweifel/Bedenken mit einer unabhängigen Stelle bearbeiten wollen und sich bereits im beraterischen/therapeutischen Kontext befinden. Es kann auch als Beratungsmöglichkeit für Klienten in unterversorgten Gebieten des Real Life dienen oder als Inworld-Angebot für spezifische Inworld-Probleme adäquat zu Angeboten im Real Life.
Zu den Vorteilen gehören die Anonymität, die räumliche Ungebundenheit, das Fehlen vordefinierter Machtverhältnisse in der Berater-Klienten-Beziehung durch Neutralität des virtuellen Raumes, flexibel einsetzbare Kommunikationsmöglichkeiten (Text-, Voicechat), der schnelle und parallele Zugriff auf das Informationsmedium Internet und die einfachen Dokumentationsmöglichkeiten des Beratungsgespräches/-verlaufs.
Nachteile gibt es aber auch, zum Beispiel die technischen Inworld-Hürden (Avartarbedienung, Steuerung), die hohen Leistungsanforderungen an Verbindungsgeschwindigkeit und PC-Ressourcen, die wechselnde akustische Gesprächsqualität und die fehlende unbewusste Körpersprache. Auch die sichere Verifizierung des Anbieters der Beratung und des Beraters ist vielleicht noch nicht ausreichend gestaltet.


VWI: Können Sie sich vorstellen, dass sich diese Form der Beratung eines Tages sogar durchsetzen wird? Wenn ja, für welchen Bereich?

Inworld-Beratungsambulanz der Hochschule NeubrandenburgHerz: Durchsetzen? Im Moment ein klares Nein, aber als ergänzende Beratungsform im bestimmten Kontext? Ja, insbesondere für alle Fragen, Probleme und Konflikte, die vordergründig inworldbezogen sind.
Ja für Personenkreise mit zu großen Schwellen- oder Stigmatisierungsängsten für eine Real-Life-Beratung. Ja für den Personenkreis, der auf keine oder nur schwer zugängliche Real-Life-Angebote (Zeit- und Fahrt-, Kostenfaktoren, große Entfernung zur nächstgelegenen Beratungsmöglichkeit)  zurückgreifen kann.
Neu zu bewerten ist diese Frage, wenn die technischen Möglichkeiten (Unabhängigkeit von Eingabegeräten, Darstellung von Körpersprache, etc.) und die damit verbundene Usability von virtuellen Welten steigen sollten, was ja langfristig gesehen anzunehmen ist.

Ein Folgetermin der virtuellen psychologischen Beratung ist für Oktober 2009 geplant. Interessierte sind herzlich eingeladen, an dem Informationsabend am 28. Juli 2009 um 20 Uhr teilzunehmen.

Links:
Hochschule Neubrandenburg - Fachbereich Soziale Arbeit, Bildung und Erziehung
SLurl - Hochschule Neubrandenburg in SL

 

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