Virtuelle vs. reale Konferenzen | Science in 3D - Interview Dr. Stieglitz 
Donnerstag, den 16. Juli 2009 um 04:20 Uhr
Science in 3D Das vom BMBF geförderte Projekt der Universität Potsdam "Science in 3D, die Ausbildung von Existenzgründern in Virtuellen Welten" hat am 18. Juni 2009 nach einjähriger Projektlaufzeit eine virtuelle Konferenz zum Thema "Lehre und Geschäftsmodelle in Virtuellen Welten" auf der Second Life Insel der Universität Potsdam veranstaltet.

Die Teilnahme und das Erleben dieser und anderer Konferenzen im virtuellen Raum gab VWI Anlass, diese Veranstaltungsform genauer zu betrachten und mit der Parallelform in physischer Umgebung zu vergleichen.

Science in 3D ist ein Gemeinschaftsprojekt innerhalb der Universität Potsdam zwischen der Juniorprofessur für Corporate Governance und E-Commerce (Prof. Lattemann) und dem Lehrstuhl für Molekularbiologie (Prof. Müller-Röber) mit einer Laufzeit von 2 Jahren.
Entsprechend dieser Projektkooperation wurden in der Konferenz "Lehre und Geschäftsmodelle in Virtuellen Welten" zwei Themenbereiche beleuchtet:

Einsatzmöglichkeiten Virtueller Welten in der Aus- und Weiterbildung
und Geschäftsmodelle in Virtuellen Welten.

In vier Stunden präsentierten die Veranstalter neun Vorträge. Diese gaben Einblick in absolvierte Projekte, Erfahrungen, warfen Fragen auf, die (noch) nicht immer abschließend beantwortet werden können und stellten in Folge Thesen auf, die teilweise Grundlage für weitere Projekte sind. 

Inhaltlich wird VWI die Ergebnisse dieser Konferenz in einem weiteren Beitrag beschreiben.
Zunächst, ungeachtet der gebotenen Themenvielfalt, interessierte VWI besonders die Veranstaltungsform und befragte dazu Projektkoordinator Dr. Stefan Stieglitz von der Universität Potsdam.


Interview Dr. Stieglitz

VWI: Wie würden Sie den Erfolg der Konferenz beschreiben?

Science in 3D LogoStieglitz: Die Veranstaltung war sehr erfolgreich. Es ist gelungen eine Reihe sehr interessanter und fachkundiger Referenten und Beiträge zu gewinnen. Die nachfolgenden Diskussionen waren ebenfalls von hoher Qualität. Insgesamt ist für die Teilnehmer sowie das BMBF-Projekt Science-in-3D ein hoher Nutzen entstanden. Diese Meinung spiegelt sich auch in dem Feedback der Referenten und der beteiligten Kollegen wieder. Die aufgebauten Kontakte sollen genutzt werden um ein dauerhaftes Expertennetzwerk im Bereich Virtueller Welten aufzubauen.


VWI: Welche Aspekte würden Sie nach der Veranstaltung nennen, wenn Sie gefragt werden, warum Sie diese in einer virtuellen Umgebung durchgeführt haben und nicht real?

Stieglitz: Natürlich sind die deutlich geringeren Reisekosten, der verminderteorganisatorische Aufwand und Zeitersparnis wesentliche Faktoren, die für eine virtuelle Veranstaltung sprechen. Darüber hinaus sind hinsichtlich ihrer Funktionalitäten die Präsentationstechnologien mit Settings in klassischen Vorlesungsräumen durchaus vergleichbar. Das immersive Gefühl, zusammen mit anderen Fachleuten in einem gemeinsamen Raum zu sein und zu diskutieren, intensiviert darüber hinaus das Erlebnis und fördert den Aufbau sozialer Kontakte. In diesem Zusammenhang sind Virtuelle Welten Alternativtechnologien wie Skype überlegen, dem realen Treffen jedoch natürlich weiterhin unterlegen.


VWI: Wie hoch würden Sie den organisatorischen Aufwand für diese Konferenz benennen? War er quantitativ höher oder geringer als bei einer gleichwertigen realen Konferenz und gab es qualitative Unterschiede?

Stieglitz: Der organisatorische Aufwand umfasste in erster Linie die Anbahnung und Pflege von Kontakten zu den Referenten sowie die Durchführung eines Sound-Tests, der sicher stellt, dass die Tonqualität für die Vorträge durchgängig hoch ist.
Geringer Aufwand ist darüber hinaus durch die Technik, wie etwa das Einstellen der Vortragsfolien, entstanden. Alle notwendigen technischen Komponenten waren bereits auf der Potsdam-Insel vorhanden.
Inhaltlich wurden interessante und abwechslungsreiche Beiträge ausgewählt und reine Vorträge mit solchen abgewechselt, die den Besuchern einen "Erlebnischarakter" bieten (bspw. der Besuch anderer Inseln). Insgesamt war der Aufwand deutlich geringer, als dies bei einer vergleichbaren realen Veranstaltung der Fall gewesen wäre.


Science in 3DVWI: Können Sie im Nachhinein feststellen, wie groß das Interesse an der Veranstaltung war?

Stieglitz: Insgesamt haben 10 Referenten und etwa 90 Besucher an der vierstündigen Veranstaltung teilgenommen. Alle Rückmeldungen im Nachgang der Konferenz waren sehr positiv.


VWI: Gab es zwischenzeitlich auffällige Fluktuationen bzw. neue Besucher/-innen?

Stieglitz: Es gab durchgängig Fluktuationen jedoch keine besonders auffälligen. Aufgrund der Länge der Veranstaltung nahm die Besucherzahl im Verlauf tendenziell eher ab. Zum Ende waren noch etwa 30 Teilnehmer anwesend.


VWI: Messen Sie die Zugriffszahlen auf die von Ihnen zur Verfügung gestellten Materialien über die Vorträge (Videos, Präsentationen) - und falls ja, in welchem Verhältnis stehen sie zur "realen" Teilnehmerzahl zum Zeitpunkt der Konferenz?

Stieglitz: Diese Daten haben wir nicht erhoben.


Fazit

Das Ergebnis dieser Konferenz wird von den Veranstaltern als sehr erfolgreich bewertet. Dieser Erfolg begründet sich auf das eigene Empfinden bezogen auf die Organisation, die Durchführung, den Verlauf und die Ergebnissicherung sowie auf das Feedback, das die Teilnehmer der Konferenz gegeben haben.

Konstatiert werden kann, dass es wesentliche Gemeinsamkeiten und grundsätzliche Unterschiede zwischen der Organisation, der Durchführung und dem Verlauf von virtuellen und realen Konferenzen gibt.


Anlehnung an Vertrautes

Virtuelle Konferenzen dieser Art werden bewusst an die gängige Form realer Veranstaltungen angelehnt (wie Ablauf, Raumgestaltung, Präsentationstechniken), um dem Besucher das Gefühl des Bekannten zu geben. Gewohnheit und Vertrautheit sollen die Basis geben. Das heißt, dass der kognitive Aufwand, den Inhalten der Veranstaltung zu folgen, gering gehalten wird, weil das Grundmuster bekannt ist.
Ein Teil der Aufmerksamkeit kann so einfacher auf die Nutzung zusätzlicher und eher ungewohnter Möglichkeiten, die virtuelle Welten bieten, fließen, ohne dass die Hauptkonzentration vom Thema abgezogen wird. Dazu gehören unter anderem die Steuerung und Beaufsichtigung des eigenen Avatars, die Nutzung von Kommunikationstools wie öffentlichen und privaten Chats zur synchronen parallelen Kommunikation, das Erstellen und Versenden von Notecards zur Archivierung, Aufzeichnung etc. - auch zur asynchronen Kommunikation und Weitergabe von Informationen -, Kontrolle der Audioeinstellungen, Steuerung der Kameraperspektive und so weiter.


Kommunikation und Verarbeitung der Inhalte

Science in 3D - Virtuelle KonferenzAndererseits kann die Aufmerksamkeit des Zuhörers direkter oder auch unmittelbarer auf die eigentlichen Inhalte gerichtet sein (wenn sie nicht von anderen Äußerlichkeiten abgelenkt wird), weil Kommunikationskomponenten der realen Kommunikation fehlen, wie z.B. Gesten, Mimik, Körpersprache, die dort einen hohen Stellenwert haben.

Das, was man von dem sprechendem Avatar sieht, ist in der Regel nicht identlisch mit dem, was man von der dahinter stehenden Person sehen würde, sähe man sie real. Der Redner wiederum ist sich dessen bewusst und passt den Redefluss – wie auch bei Radiosendungen und Podcastaufnahmen – diesen Voraussetzungen an.
Gemildert werden kann dieser "Mangel" mit Hilfe von gezielt eingesetzten Animationen und Gesten, die in Virtuellen Welten von Hause aus mitgegeben oder erworben werden können.


Last but not least

Virtuelle Konferenzen können sehr gut genutzt werden, um real schwer umzusetzende Konferenzen in alternativer Umgebung durchführen zu können.
Dank des immersiven Erlebens ermöglichen sie ein tieferes Auseinandersetzen mit Inhalten, als würden diese "nur" mit den Möglichkeiten des Internets präsentiert und diskutiert werden.

Der 3D-Raum bietet im wahrsten Sinne des Wortes einen Raum mit Menschen, die sich treffen, um sich einem Thema zu widmen. Der organisatorische und technische Aufwand wird als erheblich geringer beschrieben. Jedoch ist es, wie grundsätzlich mit der virtuellen Kommunikation, virtueller (getrennter) Gruppen- und Teamarbeit und Kooperationen: Virtuelle Welten haben einen hervorragenden und teilweise gleichen Wert wie äquivalente Veranstaltungsformen in physischen Umgebung, dauerhaft produktiv können sie aber nur funktionieren, wenn die Basis real bleibt.

Reale Treffen werden die Arbeitsergebnisse virtueller Teams und Netzwerke immer entscheidend lenken. Sie ergänzen reale Arbeit und deren Präsentation und bieten darüber hinaus Potentiale, die real nicht möglich wären.

Interessant bleibt es zu beobachten, wie bedeutsam die konventionelle Konferenzform in der Virtuellen Welt bleibt, wenn sie selbstverständlicher geworden ist. Ebenso wichtig ist es zu verfolgen, wie nachhaltig diese Veranstaltungen sowohl bei den Referenten als auch den Teilnehmern wirken – im Vergleich zu realen Veranstaltungen.


Links:
Projektseite Science in 3D
Ergebnispräsentation der Konferenz "Lehre und Geschäftsmodelle in virtuellen Welten"
Videoaufzeichnungen der Vorträge
Flyer der Veranstaltung mit Programm

 

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