Googles Kollision mit dem deutschen Bundesdatenschutzgesetz 
IT-News
Dienstag, den 09. September 2008 um 03:23 Uhr
08-0909_google Mit einem Comic im Internet stellte der Branchenriese Google in der ersten Septemberwoche 2008 seinen neuen Internetbrowser Chrome der Öffentlichkeit im Beta-Stadium vor.
Die komischste Nummer zum Thema aber lieferte auch diesmal wieder ein deutscher Beamter:
Herr Matthias Gärtner vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik in Bonn fand heraus, dass das neue Produkt mit dem deutschen Bundesdatenschutzgesetz (BDSG) kollidiert und gab prompt eine Eil-Warnung an die Medien, die in ihrer Schärfe an die uns allen hinlänglich bekannten Warnungen vor dem Verzehr von Gammelfleisch erinnerte.
Die Bombe platzte dann auch mitten in der deutschen Tagesschau am Abend des 6. September, zur besten Sendezeit kurz nach 20.00 Uhr: „Bundesamt warnt vor Google Chrome“.
 
Eine schrillere Begleitmusik zur Markteinführung ihres neuen Chrome-Browsers hätte sich Google kaum vorstellen können.
 
Was war geschehen? Infiziert der Chrome-Browser unsere Geräte eventuell sogar mit neuen tödlichen Viren? War es ein Warnruf in letzter Minute?

Um die wahre Tiefe des Problems zu verstehen, muß man sich ein wenig mit dem BDSG beschäftigen. Das erste Bundesdatenschutzgesetz aus den 70er Jahren, quasi ein spätes Kind der 68er-Bewegung, hatte die „informationelle Selbstbestimmung“ zum Grundsatz erhoben. Der Begriff spricht eigentlich für sich selbst: Der Bürger sollte selbst bestimmen dürfen, welche Daten über ihn gesammelt werden. Nicht nur vom Staat, auch von der Wirtschaft. Juristisch läuft die Sache im wesentlichen darauf hinaus, dass das BDSG das Sammeln und Verwerten von personenbezogenen Daten über deutsche Bürger unter Strafandrohung stellt.
Es war also etwa ab Mitte der 70er Jahre nicht mehr erlaubt, solche z.B. in Umfragen gesammelten Daten zusammen mit dem Namen des Befragten zu erheben und auszuwerten. In späteren Novellierungen wurde das BDSG dann dahingehend noch verschärft, dass solche personenbezogenen Datenerhebungen überhaupt verboten wurden.
Strafbar war jetzt bereits, jemand zur Abgabe seiner persönlichen Daten (Namen, Identität) im Zusammenhang mit Befragungen aufzufordern.
 
Nutzerprotokolle, wie sie Google im Zusammenhang mit der Markteinführung von Chrome erhebt, sind aber Daten, und weil jeder Computer eine individuelle IP-Adresse hat, können diese auch personenbezogen zugeordnet werden.
„Sollen Sie doch auch“ wird der unbefangene Leser denken, „denn Google will diese Protokolle ja auch zugunsten des einzelnen Nutzers auswerten, damit sie z.B. bei einem Crash Report sinnvoll reagieren können“. Genau deshalb hat Google auf der ersten Seite seines Chrome-Downloads ein kleines Kästchen platziert, in das man seine Zustimmung zur Auswertung seiner Nutzerdaten mit dem neuen Chrome-Browser eintragen kann. Das heißt, wer hier kein Häkchen setzt, der darf zwar den Browser für sich testen, bleibt aber für Google anonym und bekommt deshalb auch keine Rückmeldung bei eventuellen Crashs.  

Doch genau hier liegt der Hase im Pfeffer
Die dürfen die User nämlich gar nicht nach der Zustimmung fragen, das ist bei uns verboten. Das Feld mit dem Häkchen ist in Deutschland illegal. Informationelle Selbstbestimmung ist nicht mehr nötig, lieber Computernutzer, denn inzwischen schützt Dich der Staat bereits im Vorfeld. Nicht mehr Du hast es zu entscheiden, ob eine Nutzerbefragung, wie hier bei Google Chrome gut oder schlecht für Dich ist, das macht alles der Große Bruder im Bonner BSI für dich.
Setzt hier der Datenschutz zum Overkill an?
Man könnte es wirklich meinen. Daß sich eine amerikanische Firma wie Google mit dem Verständnis derlei deutscher Gepflogenheiten schwer tut, wird man nachvollziehen können. Betaversionen sind Probeläufe, und Proben bedeutet in Wissenschaft und Technik zunächst ganz wertfrei Nutzer-Meinungen und Nutzer-Daten sammeln, nachprüfen, auswerten. Nur auf diese Weise sind eindeutige Rückschlüsse aus dem Markt möglich, und diese sind wiederum Grundvoraussetzung für die Optimierung eines Computerprogramms durch den Hersteller.
 
Klingt vielleicht banal und lehrerhaft, stimmt aber, und gilt auch im Fall von Google Chrome.  Als im Ausland lebender Journalist fragt man seinen Gegenüber schon gelegentlich, ob er etwas Deutsch spräche. Das Wort VERBOTEN gehört zu den deutschen Worten, die viele Ausländer verstehen oder schon mal gehört haben, selbst wenn sie sonst kaum unsere Sprache beherrschen. Der Chrome-Fall wird dazu beitragen, das unschöne deutsche Wort noch weiter zu verbreiten.

Es bleibt abzuwarten, ob die Kampagne des Bundesamtes dem Browser langfristig schaden kann, die Markteinführung scheint jedenfalls eindeutig verhagelt zu sein.

Im Gedächtnis ist bei älteren Lesern vielleicht noch der Fall des Nudelherstellers Birkel. Der hundertjährige schwäbische Spätzle-Spezialist musste damals allerdings für immer schließen, nachdem das Gesundheitsamt angeblich Keime in den Eiern entdeckt hatte, die die Firma zur Nudelherstellung benutzte. Die Sache selbst stellte sich später bei näherer Betrachtung zwar als Falschmeldung heraus (ein echtes Windei), doch Birkel war dann schon pleite.  
 
Links:
 
 

Bitte Einloggen oder Registrieren um Kommentare zu schreiben.

Panorama 

Neue Artikel:
rss-005

Metaversen 

Neue Artikel:
VWI RSS

IT / Tech 

Neue Artikel:
VWI RSS

Second Life 

Neue Artikel:
rss-005

Mitmach-News 

Neue Artikel:
rss-005