Der Fiskus und Second Life 
Wirtschaft & Recht
Sonntag, den 07. September 2008 um 17:04 Uhr
08-0907_steuernSo langsam hat es sich herumgesprochen: Second Life ist KEIN Online-Spiel, sondern eine benutzerdefinierte 3D Welt.
 
Man kann dort ein Geschäft eröffnen, ein Unternehmen gründen, Land kaufen, einfach nur shoppen gehen oder sogar jobben. So verschieden diese aufgezählten Aktivitäten sind, haben sie dennoch eine Sache gemeinsam.
 
Es findet ein Austausch von Gütern statt, der über den Linden Dollar abgewickelt wird. Der Linden Dollar stellt dabei eine eigene Mikrowährung für die Transaktionen im Grid dar.
 
Wo Geld fließt, werden normalerweise auch Steuern fällig.
Hier soll es jedoch nicht um die eventuellen Steuerabgaben an Linden Lab gehen, sondern um jene an den deutschen Fiskus.
 
Fragen an den Fachmann 

Herr Dr. Andreas Koch schrieb im Jahre 2002 seine Doktorarbeit zum Thema „Umsatzbesteuerung grenzüberschreitender Dienstleistungen“. Jetzt ist er Mitinhaber der Kanzlei Grün & Meirer in Worms und stellte sich für ein Gespräch zur Verfügung.

VWI: Guten Tag, Herr Dr. Koch. Mit dem Boom des Internets kommt Ihrer in 2002 verfassten Arbeit immer mehr Interesse zu. Kennen Sie Second Life?

Dr. Koch: Von Zeit zu Zeit lese ich darüber in der Presse und habe auch einige Texte von Pia Piaggio gelesen. Insofern habe ich schon eine Vorstellung davon, auch wenn ich es selbst noch nicht besucht habe.

Stichwort Mikrowährung

VWI: Second Life hat eine eigene Mikrowährung. Welche Vorteile sehen Sie darin?

Dr. Koch: Second Life ist eine eigenständige Welt, in der Menschen auf vielfältigste Art und Weise miteinander interagieren, wozu auch der Austausch von Leistungen gehört. Dass dafür eine einheitliche Währung genutzt wird, ist sinnvoll, weil es den Tausch deutlich erleichtert. Aus diesem Grund wurde schließlich auch der Euro als einheitliche Währung für Europa (bzw. für die daran teilnehmenden europäischen Länder) eingeführt.

Das bemerkenswerte an Second Life ist, dass durch die Umtauschbarkeit der Währung eine Verknüpfung zwischen realer und virtueller Welt geschaffen wurde, so dass – zumindest geschäftlich –  in Second Life reales Leben stattfindet. Natürlich mit anderen Möglichkeiten und in einer anderen Dimension. 

VWI: Es gibt andere virtuelle Welten, die zwar ein internes Währungssystem haben, das aber keinen externen Tauschwert zu einer realen Währung darstellt. Das Geld verbleibt also inworld und demnach stellt es auch keine Mikrowährung dar. Welche Nachteile hat das?

Dr. Koch: Wenn die virtuelle Währung nicht getauscht werden kann in eine reale Währung, so hat diese virtuelle Welt eindeutig den Charakter eines Online-Spiels. Denn wenn die oben angesprochene Verknüpfung zwischen realer und virtueller Welt fehlt, so kann jede geschäftliche Aktion in der virtuellen Welt keine Auswirkungen auf die reale Welt haben.

Handel mit Bits und Bytes

VWI: Sobald Handel entsteht, werden normalerweise Steuern fällig. Sehen wir einmal ab von den eventuellen Steuerpflichten gegenüber dem Betreiber Linden Lab. Welche Steuerpflichten bestehen denn gegenüber der Bundesrepublik Deutschland?

Dr. Koch: Grundsätzlich können in Deutschland Ertragsteuern, wie Einkommen-, Körperschaft- und Gewerbesteuer, und Umsatzsteuer anfallen. Verkehrssteuer- und Verbrauchssteuern können theoretisch auch anfallen.

Und da sind wir bereits an einem wichtigen Punkt: Kann es im Second Life Lieferungen beziehungsweise Warenbewegungen geben und können Güter verbraucht werden? Diese Fragen sind entscheidend für die Beurteilung von Leistungen bei der Umsatzsteuer als auch bei den Verbrauchssteuern, wie zum Beispiel Bier-, Sekt- und Tabaksteuer.

Die Antwort hängt sehr von der Sichtweise auf Second Life ab. Wer in Second Life „lebt“, der kann tatsächlich Güter verbrauchen und erhält „Gegenstände“ geliefert, im Tausch für Geld. Wird Second Life ausschließlich als virtuelle Plattform von außen betrachtet, so wird nichts verbraucht und kann nichts geliefert werden, weil außer Bits und Bytes nichts vorhanden ist.

Weiterhin ist zu beachten, dass (zumindest im Moment) nur natürliche und juristische Personen besteuert werden. Deshalb ist die Frage, ob jemand in Deutschland steuerpflichtig ist, auch davon abhängig, wo dieser Mensch lebt bzw. die Gesellschaft ihren Sitz hat.

Schließlich gibt es weitere Möglichkeiten, dass jemand nicht in Deutschland lebt, aber dennoch hier steuerpflichtig wird, weil er sogenannte inländische Einkünfte erzielt. Dies hängt wiederum auch von der oben gestellten Frage ab. Auch ist zu prüfen, ob eine Leistung an ein Unternehmen oder an eine  Privatperson erbracht wird. Konkret lässt sich das nur im Einzelfall sicher beurteilen.

Virtuelle Steuerproblematik

VWI: Aus fachmännischer Sicht betrachtet, gestaltet sich also die externe Steuersituation ausgesprochen differenziert, wie mir scheint. Und offenbar kommen Aspekte hinzu, mit denen das Steuerwesen bislang noch gar nicht konfrontiert war. Dabei beziehe ich mich auf Ihre Aussage zu den Gütern, die allein aus Bits und Bytes bestehen.

Dr. Koch: Durch die Verknüpfung der realen und virtuellen Welt über eine konvertierbare Währung wird – wirtschaftlich betrachtet – Second Life zu einem Markt. Hier werden Umsätze gemacht und Gewinne und Verluste erzielt. Ein Gewinn kann entweder wieder in Second Life eingesetzt werden oder er wird in eine reale Währung umgetauscht, und damit wird dann zum Beispiel beim Bäcker ein reales Brötchen gekauft. Somit wird in Second Life ein Wert in der realen Welt geschaffen, an den das Steuerrecht anknüpfen kann. Zu klären ist aber, wie dieser Wert steuerlich einzustufen ist. Aus der externen Sicht stellt das Wirtschaftsleben in Second Life einen reinen Rechenprozess dar. Deshalb wird zum Beispiel bereits jetzt der Download eines Programms nicht als Lieferung sondern als Dienstleistung angesehen. Aus steuerlicher, externer Sicht werden Bits und Bytes nicht geliefert.

Anhand des folgenden Beispiels möchte ich eine weitere Problematik veranschaulichen: In der realen Welt gibt ein in Griechenland lebender Musiker in Deutschland ein Konzert. Die Einnahmen aus diesem Konzert muss der Musiker in Deutschland versteuern, weil das Konzert dort stattfand. Jetzt gibt der gleiche Musiker bzw. sein Avatar ein Konzert in Second Life, das Hunderte Avatare, deren Pendants in der realen Welt in Deutschland leben, besuchen. Deutschland kann die Einnahmen aus diesem Konzert nur besteuern, wenn das Konzert in Deutschland stattgefunden hat. Aber wo ist das Second Life? Kommt es darauf an, wo der Server seht? Die letzte Frage wurde bereits in einem anderen Zusammenhang verneint, dass der Standort eines Servers nicht entscheidend ist für das Besteuerungsrecht eines Landes.

An diesem Beispiel zeigt sich sehr gut, welche neuen Anforderung Second Life an das Steuerrecht stellt. Manches wird mit dem bestehenden Recht nicht zufriedenstellend zu lösen sein. Es wird Neuerungen und Änderungen geben. In welche Richtung diese gehen, hängt von der Politik ab, denn es geht um Geld. Deshalb ist Steuerrecht auch kompliziert.

Hier noch eine kleine Anmerkung: Diese Frage kann bei verschiedenen Steuerarten, zum Beispiel Einkommen- und Umsatzsteuer, unterschiedlich beantworten werden.

Thema: Einkommenssteuer

VWI: Lassen Sie uns mal den Punkt „Einkommensteuer“ konkretisieren. Es gibt ja derzeit schon einige Jobs, mit denen man im Second Life Geld verdienen kann. Unterliegen diese Einkünfte der Einkommenssteuerpflicht?

Dr. Koch: Grundsätzlich ja. Es hängt natürlich davon ab, wo der Mensch lebt und welches Land somit das Besteuerungsrecht hat. Allerdings kann auch eine Person, die in den USA lebt, in Deutschland Einkommensteuer zahlen müssen, wie ich es im Beispiel zu Frage „Virtuelle Steuerpolitik“ beschrieben habe.

Ein weiteres Beispiel soll die Komplexität veranschaulichen: Eine in Indonesien lebende Journalistin schreibt einen Kommentar für eine deutsche Tageszeitung. Mit ihrem Honorar, das sie von dem Verlag erhält, ist sie in Deutschland steuerpflichtig, weil ihre Leistung dort verwertet wird. Nun unterhält der selbe deutsche Verlag eine Dependance in Second Life und der Kommentar der indonesischen Schriftstellerin wird ausschließlich in einer virtuellen Zeitung innerhalb Second Lifes veröffentlicht. Hat Deutschland jetzt das Recht, Steuern zu erheben? Wird die Leistung der Journalistin immer noch dort ausgewertet, weil der Verlag in der realen Welt in Deutschland sitzt?

VWI: Sie werfen da durchaus delikate Fragen auf, Herr Dr. Koch. Ehrlich gesagt hätte ich nicht vermutet, dass sich dieses Thema so kompliziert und feingliedrig gestaltet. Zusammenfassend lässt sich jedoch sagen, dass jegliche Einkünfte oder Gewinne in Second Life in der jährlichen Steuererklärung angegeben werden müssen?

Dr. Koch: Ja. Wenn die Einkünfte in Deutschland steuerpflichtig sind, insbesondere weil diejenige Person, die sie bezieht, in Deutschland lebt, dann auf jeden Fall.

Linden Dollar und Rechnungsstellung

VWI: Das bedeutet natürlich, dass die Einkünfte durch Rechnungen belegt werden müssen. Die Zahlungen werden gemeinhin jedoch in Linden Dollar realisiert. Wie wird das in Euro umgerechnet?

Dr. Koch: Jede Einnahme und Ausgabe, die in einer anderen als der Landeswährung erfolgt, ist zum jeweiligen Tageskurs umzurechnen. In manchen Fällen ist es möglich, die Umrechnung anhand eines durchschnittlichen Monatskurses vorzunehmen.

VWI: Also wenn ich das richtig verstehe, stellt man die Rechnung in einer realen Währungseinheit. In Deutschland zum Beispiel in Euro.

Dr. Koch: Für die Besteuerung muss der Rechnungsbetrag in die reale Währung des jeweiligen Landes umgerechnet werden. Diese Umrechnung kann bereits beim Schreiben der Rechnung geschehen; die Rechnung wird dann zum Beispiel in Euro gestellt. Die Rechnung kann aber auch in Linden-Dollar ausgestellt sein oder in irgendeiner anderen Währung. In der Steuererklärung wird der Betrag dann umgerechnet.

VWI: Innerhalb von 24 Stunden werden in Second Life durchschnittlich 1,4 Millionen US Dollar umgesetzt. Halten Sie das für eine bemerkenswerte Größenordung?

Dr. Koch: Allerdings.

Virtuelle Investitionen

VWI: Sehe ich es richtig, dass die genannten Summen dem realen Geldmarkt im Prinzip entzogen werden? Sie also quasi nur noch virtuell beziehungsweise innerhalb Second Lifes zu Verfügung stehen?

Dr. Koch: Second Life ist zwar aus Sicht der realen Welt lediglich ein virtueller Raum, aber wegen der Konvertierbarkeit der Währung ist es ein Teil des realen Wirtschaftslebens. Deshalb ist das Geld, das dort im Umlauf ist, auch nach wie vor im realen Geldmarkt vorhanden.

Anders ist es, wenn die Frage lautet, ob davon der reale Güter- und Leistungsaustausch betroffen ist. Das ist natürlich der Fall. Denn das Geld, das jemand zur Verfügung hat, ist beschränkt und er oder sie entscheidet jeden Tag aufs Neue, wofür das vorhandene Geld eingesetzt wird. Fällt die Entscheidung zugunsten einer Leistung in Second Life, so kann hierfür keine Leistung mehr im realen Leben bezogen werden.

VWI: Kann dieser Umstand aus Ihrer Sicht zu einer echten Gefahr des realen Geldmarktes werden?

Dr. Koch: Nein. Es findet eine Verschiebung statt. Hierauf müssen sich die Marktteilnehmer einstellen. Wer das nicht tut, verliert. Das war schon immer so. Und Konkurrenz belebt das Geschäft.

VWI: Könnten Sie sich vorstellen, eine Kanzlei in Second Life zu eröffnen und dort den Residents ihre Dienstleistungen als Steuerfachmann zur Verfügung zu stellen?

Dr. Koch: Ja.

VWI: Na prima, das würde mich sehr freuen! Herr Dr. Koch, vielen Dank für dieses Interview. Ich befürchte, es gibt einiges zu tun, um das Steuerrecht auf den virtuellen Stand zu bringen.

 

Kontakt:

Dr. Andreas Koch  -  Steuerberater, Geschäftsführender Gesellschafter 

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