Der Konflikt um die Openspace Sims - Tendenz, Hintergrund und Resümee 
Wirtschaft & Recht
Dienstag, den 11. November 2008 um 07:22 Uhr
08-1111-os-sims Wie auf VWI bereits an anderer Stelle berichtet, hatte Linden Lab (LL) Ende Oktober angekündigt, die Preise für so genannte Openspace Sims um 66% zu erhöhen. Ab dem kommenden Januar soll man für eine Openspace-Sim statt wie bisher US$ 250 zukünftig US$ 375 zahlen. Die monatliche Gebühr sollte von US$ 75 auf US$ 125 steigen (OSLB, 27/10/08). Diese Erhöhung würde für viele Projekte in Second Life das Aus bedeuten, ensprechend massiv fiel dann auch der Protest aus. Die Lindens haben inzwischen darauf reagiert und eingelenkt - ein bisschen.
 
Was ist eine Openspace Sim?
Die Openspace Sim ist ein von Linden Lab im März 2008 eingeführter neuer Typ von Region, der deutlich kostengünstiger ist als eine Full-Sim, dafür aber auch mit einigen Einschränkungen verbunden ist.

Während eine normale Full-Sim ihren eigenen Prozessor (CPU) hat, teilen sich vier Openspace Sims einen CPU. Auch muss man zunächst einmal eine normale Sim haben, bevor man dann eine oder mehrere Openspace Sims erwerben kann. Weiterhin ist die Anzahl der Prims auf einer Openspace-Sim auf 3750 begrenzt, weshalb dieser Typ Sim im SL-Jargon manchmal auch "Low Prim Sim" genannt wird.

Die wichtigste Einschränkung - die nun auch zum Streitpunkt wurde - lautet aber, dass die Openspace Sims nur für die “leichte Nutzung” gedacht sind (SLKB (a)). D.h., die SL-Residenten sollen hier z.B. offene Wasserflächen zum Bootfahren oder malerisch schöne Wälder einrichten. Bauen, leben, mieten oder Events veranstalten soll auf diesen “verbilligten” Sims dagegen unterbleiben, da ansonsten Performance-Probleme bei vier Sims auf einem CPU zu befürchten sind.

Die Begründung für die Preiserhöhung
Trotz der Einschränkungen stieg die Nachfrage nach diesen günstigeren Openspace Sims rasant an. Gab es im Frühling diesen Jahres als die Opensims eingeführt wurden insgesamt rund 14.600 Islands, soll deren Anzahl Ende Oktober auf ungefähr 27.000 Sims gestiegen sein. SL-Kenner schätzen, dass von den 12.400 neuen Islands 10.000 Opensims waren (SLH, 08/11/08). Auch wenn diese geschätzten Zahlen mit Vorsicht zu genießen sind, unbestritten ist, dass die Opensims ein sehr beliebtes Produkt wurden.

Allerdings hielt sich offenbar kaum jemand an die zentrale Nutzungsbeschränkung: Die Besitzer verwendeten die Openspace Sims wie normale Sims, bauten also Häuser die sie vermieteten, veranstalteten Events, etc. Um mit eben diesem Missbrauch begründete LL jetzt die Preiserhöhung für die Openspace Sims (OSLB, 27/10/08).

Die Konsequenzen der Preiserhöhung
Als Konsequenz der Preiserhöhung müssen viele Sim-Betreiber ihre Projekte aufgeben. Viele von ihnen konnten sich bisher nur eben so den Erhalt ihrer Openspace-Sim leisten (die sie von jemand anderem mieteten, der dann auch die benötigte Full-Sim hatte), für eine 66-prozentige Preiserhöhung haben sie in keinem Fall die Mittel.

Auf Openspaces konnte man billig mieten, mit einem immer noch akzeptablen Primlimit. Eine vergleichbare Fläche auf Fullsims zu vermieten wurde in einer solchen Situation zunehmend schwieriger, weshalb viele "Großgrundbesitzer" - also SL-Unternehmer die eine Vielzahl von Sims betreiben - für nicht unbeträchtliche Gebühren viele ihrer normalen Full-Sims in Openspace-Sims transferieren ließen. Verschärfend kam dann hinzu, dass es neben der Konkurrenz durch Openspace Sims parallel auch noch einen allgemeinen Preisverfall beim Land gab (exemplarisch: SL Insiders, 28/10/08). Die jetzt geplante Preiserhöhung sprengt die Kalkulationen der Sim-Betreiber endgültig und führt dann auch zur Einstellung größerer Sim-Projekte.

Als Beispiel kann man das German Newbie Center (GNC) von New Simland anführen, das eines der ambitionierteren Projekte im deutschsprachigen Second Life war, nun aber eingestellt werden muss (trotz der inzwischen etwas revidierten Preiserhöhung, dazu gleich mehr). Auf dem bekannten Portal SLinside.com gibt es im Forum einen Thread mit dem Titel "Open Space Preiserhöhung - welche Projekte sterben?" der erahnen lässt, wie drastisch sich diese Maßnahme von Linden Lab auf Second Life auswirken wird.

Massiver Protest gegen Linden Labs Ankündigung
Angesichts dieser für viele SL-Vorhaben existenzbedrohenden Preiserhöhung formierte sich ein breiter Protest, wie es ihn in der an Protestbewegungen sicherlich nicht armen SL-Historie noch nicht gegeben hat.

Von zentraler Bedeutung ist hier eine Gruppe namens -SOS- (Save Our (Open)Sims) die innerhalb von drei oder vier Tagen über 3.000 Mitglieder verbuchen konnte und deren Protest-Schilder und -Flaggen zur Zeit überall zu sehen sind. Als die Gruppe nach einem internen Zwist wieder aufgelöst wurde, schlossen sich der Nachfolge-Group +SOS+ bereits innerhalb der ersten 24 Stunden auch wieder 1755 SL-Residenten an (SLH, 30/10/08).

Diese und andere Gruppen organisierten täglich mehrere Demonstrationen auf diversen Sims. Zuerst waren dies Linden-Sims wie z.B. "Linden Estate Services” oder auch die neuen Nautilus-Sims. Von letzteren stürzte eine wegen der reinen Anzahl der Demonstranten angeblich sogar ab (SLH, 28/10/08). Dann konzentrierte man sich auf die SL-Repräsentanzen von RL-Unternehmen wie Sony, IBM oder Dell - vermutlich in der Hoffnung, so auf Umwegen Druck auf LL (Linden Lab) ausüben zu können. Und schließlich waren es dann auch "Welcome Areas", auf denen besonders viele Newbies anzutreffen sind und ohnehin immer viel Traffic herrscht (SLH, 04/11/08).

Die Forderung der Demonstranten lautete, statt der Preiserhöhung eine andere Lösung zu finden. Wie eine solche Lösung aussehen könnte, war unter den Protestierenden umstritten. Ein Vorschlag war, dass die Nutzung von Openspace Sims reguliert werden könnte, um einem Missbrauch des Angebots zukünftig vorzubeugen. Einigen wollten (und wollen) aber LL nicht "entgegenkommen" und forderten eine Beibehaltung der jetzigen Nutzungsmöglichkeiten bei gleichbleibenden Preisen.

Linden Lab knickt ein - halbwegs
Neben den Protesten in Second Life gab es dann auch im offiziellen Forum eine Diskussion zwischen SL-Residenten und Linden Lab Mitarbeitern. Dort wurden neben Unmutsäußerungen auch diverse Anregungen und Kompromissvorschläge erörtert.

Schließlich entschloss sich LL dann tatsächlich zu einem Kompromiss. Demnach bleiben Openspaces zum alten Preis (US$ 250 / US$ 75) erhalten, sind aber jetzt mit deutlichen Einschränkungen versehen:
1) Es dürfen sich nur 10 Avatare zeitgleich auf der Sim aufhalten,
2) das Sim-Primlimit ist auf 750 beschränkt,
3) Events und Classifieds sind nicht erlaubt (was Auswirkungen bei der Such-Funktion in SL hat),
4) es wird unter Umständen auch Script-Limits geben, die noch nicht bekannt sind.
Damit soll sichergestellt werden, dass die Openspaces zukünftig wirklich nur noch als "Landschafts-Sims" verwendet werden (SLKB (b)).

Wer etwas mehr will, für den stellt LL ein neues Produkt namens "Homesteads" ab dem 5. Januar bereit. Die Regeln:
1) Nur 20 Avatare auf der Sim,
2) Limit bei 3750 Prims,
3) Events und Classifieds sind hier erlaubt,
4) möglicherweise auch Script-Limits.
Diese Sims kosten US$ 375 Einrichtungsgebühr und dann ab Januar US$ 95 bzw. ab März US$ 125 Monatsgebühr. Hier findet sich also die Preiserhöhung die LL eigentlich bei den Openspaces durchführen wollte wieder.

Eine Full-Sim erlaubt dagegen wie bisher: 15.000 Prims, 100 Avatare und keine Script-Limits bei US$ 1.000 Einrichtungs- und US$ 295 Monatsgebühr

Wer oder was brachte Linden Lab zum Einlenken?
Die Frage was LL zur Überarbeitung der angekündigten Preisänderungen brachte wird zur Zeit heiß diskutiert. Anzunehmen ist, dass es nicht ein zentraler Faktor war, sondern diverse  zusammenkamen.

Erstens ist da natürlich der Protest in Second Life selbst. Dieser war zwar massiv, allerdings nicht so stark, dass er den Betrieb von SL wirklich nachhaltig hätte stören können. Dennoch haben die "Ich werde Second Life verlassen" Drohungen sicherlich nicht völlig ihre Wirkung verfehlt. Zweitens haben die Protestierenden wie erwähnt nicht nur demonstriert, sondern auch konstruktive, brauchbare Vorschläge im SL Forum eingebracht. Drittens hätte eine solche Preiserhöhung Auswirkungen auf die gesamte SL-Wirtschaft, weil sie nach "unten" weitergegeben wird.

Viertens herrscht zur Zeit gerade eine Rezession (besonders in den USA), was LL ebenfalls dazu bewegt haben dürfte, etwas vorsichtiger zu sein (Silicon Alley Insider, 05/11/08). Fünftens war von einer erstaunlichen Zunahme der Accounts bei OpenSim-Anbietern (wie z.B. OSGrid) zu lesen (NPIRL, 29/10/08). OpenSim (begrifflich nicht zu verwechseln mit Openspace Sim) ist eine Opensource-Plattform zum Entwickeln von virtuellen Welten. Umstritten bleibt aber, ob diese Zunahme wirklich so stark war, dass sie LL ernsthaft unruhig werden ließ (GigaOM, 30/10/08).

Die zentrale Gegenthese dazu ist natürlich: Linden Lab ist nie eingeknickt, sondern hat die Preiserhöhung nur besser getarnt.

Ist Linden Lab überhaupt eingeknickt?
Viele SL-Residenten sind mit dem neuen Kompromiss von Linden Lab durchaus zufrieden (NWN, 07/11/08). Die Nutzungsmöglichkeiten bei den neuen Openspace-Sims wurden zwar eingeschränkt, doch war das ja eigentlich von LL von Anfang so intendiert. Daher, so die Position der Befürworter, sei der Kompromiss fair.

Andere halten die jetzige Lösung nur für Fassade und vertreten die Position, der vermeintliche Kompromiss sei nur ein PR-Coup. Denn faktisch hat LL einfach nur ein neues Produkt "Homesteads" eingeführt, das die ursprünglich geplante Preiserhöhung umsetzt. Die jetzigen Openspaces werden automatisch zu teureren Homesteads - solange der Kunde nicht manuell festlegt, dass er auch weiterhin im (neuen) Openspaces-Tarif bleiben will. Letzterer ist jedoch soweit abgespeckt, dass er kaum attraktiv für bisherige Openspace-Besitzer sein dürfte.

Linden Labs Ziel
Die Frage ist, was genau sollen die Sim-Betreiber eigentlich mit einer Openspace Sim auf der nur 750 Prims verbaut werden dürfen und nur 10 Gäste zeitgleich sein dürfen anfangen? Wie von LL von Anfang an angedacht kann man dort tatsächlich z.B. eine Wasser- oder Wald-Umgebung erstellen. Doch wer lässt sich so etwas wirklich US$ 75 im Monat kosten? Eine solche Sim zu finanzieren gestaltet sich schwierig, wenn man dort nichts vermieten oder veranstalten und so gut wie nichts verkaufen kann. Ein Modell wäre natürlich eine Finanzierung über eine angeschlossene Full-Sim anzustreben (auf der dann z.B. eine große Mall mit vielen Kunden steht, oder Wohnhäuser die vermietet werden). Nur diese Full-Sim müsste dann eben nicht nur sich selbst, sondern auch noch die Openspace Sim tragen.

Während die alten Openspace Sims keine Limits bei den Avataren (und Scripts) hatten, werden sowohl die neuen Openspaces wie die Homesteads hier deutliche Einschränkungen vorweisen. Bei den neuen Openspaces kommt ein sehr stark reduziertes Primlimit hinzu, während die Homesteads das Limit der alten Openspaces haben. Vermutlich wird die Nachfrage nach diesen Produkten daher insgesamt schwächer sein, als bei den alten Openspaces.
 
Das ist durchaus im Sinne von LL, wenn zeitgleich wieder mehr Kunden auf Full-Sims umsteigen, da sie nicht mit den Einschränkungen leben wollen. Selbst wenn sich dann einige Openspace-Betreiber das nicht leisten können und komplett aussteigen - die Profitmargen sind bei dem Full-Sim-Produkt deutlich höher und würden einen solchen Verlust mit hoher Wahrscheinlichkeit mehr als kompensieren (SLH, 08/11/08).

Geht das Kalkül der Lindens auf, erreichen sie also im Idealfall, was sie von Anfang an mit dieser Produktpolitik offensichtlich auch geplant hatten: Eine wieder stärker anziehende Nachfrage nach den teureren Full-Sims. Im zweitbesten Fall satteln die Kunden vielleicht nicht auf eine Fullsim um, finden sich aber damit ab entweder mehr für weniger Möglichkeiten (Homestead Sims) oder gleich viel wie bisher für noch weniger Möglichkeiten (neue Openspace Sims) zu zahlen. Im schlechtesten Fall geben die Besitzer ihre bisherigen Openspace Sims ersatzlos auf. Wobei sie natürlich zunächst versuchen würden sie zu verkaufen, womit dann einfach nur ein anderer die Monatsgebühr an Linden Lab zahlen würde.

Resümee
Insgesamt lässt sich festhalten, dass es Linden Lab mit der im zweiten Anlauf etwas veränderten Preiserhöhung gelungen ist, die Protestwogen deutlich zu glätten - ohne dabei die ursprünglich Zielsetzung aus den Augen zu verlieren. Es mögen einige Nutzer SL den Rücken kehren (oder zumindest ihre Sims aufgeben), doch am Ende werden die Lindens auch diesmal wieder mit ihrer Produktpolitik durchkommen, da genügend SL-Residenten verbleiben, die bereit sind, höhere Preise zu zahlen oder eben die neuen Einschränkungen zu akzeptieren.
 
 

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