SL-Finanzwelt als first mover des realen Wirtschaftscrashs 
Wirtschaft & Recht
Mittwoch, den 25. Februar 2009 um 18:38 Uhr
Virtuelle Finanzwelt als first mover des realen Finanzcrash25. Februar, das ist Aschermittwoch. An der Universität Wien läuft eine mehrtägige Konferenz zu Themen der Wirtschaftsinformatik.

VWI hat vorab schon einmal ein wenig im Programm der Konferenz gestöbert und einen hoch interessanten Vortrag entdeckt, der von dem österreichischen Ingenieurbüro BEKO stammt und einen realistischen Erfahrungsbericht über die inzwischen mehr als zweijährigen Aktivitäten der Firma in Second Life darstellt.


Thema des Vortrags war die Grundsatz-Frage: Virtuelle Welten-Top oder Flop? Offenbar hat die Firma innerhalb SL schon beides kennen gelernt, und der Tenor des Erfahrungsberichts (der uns auszugsweise vorlag) ist dann auch so, dass man versucht ist zu glauben, dass Termin und Datum des Vortrags nicht ganz zufällig gewählt wurden.

Wer ist bitte BEKO?

Im realen Leben ist die BEKO AG eines der führenden österreichischen Ingenieurbüros, das die zwei Geschäftsfelder Engineering und IT-Technologie abdeckt und an 6 Standorten (Wien, St.Pölten, Linz, Salzburg, Graz und Klagenfurt) über 800 meist hochqualifizierte Mitarbeiter beschäftigt. Die Ingenieure und Konstrukteure dieses Dienstleisters arbeiten europaweit vor allem in den Branchen Maschinen- und Anlagenbau, sowie in der klassischen Elektrotechnik, aber auch auf neuen Technologiefeldern wie z.B. CAE- und CAD-Entwicklung, Anwendungs-consulting, und im Projektmanagement vor Ort.
Die Firma ist an der Frankfurter Börse notiert und kann mit Fug und Recht als kleiner, aber feiner Vertreter der europäischen High-Tech-Branche bezeichnet werden, auf die unsere EU-Politiker heute so stolz sind.

BEKO Islands in Second Life hoffnungsvoll gestartet

Virtuelle Finanzwelt als first mover des realen FinanzcrashAls futuristische Hightech-Schmiede war BEKO bereits im Januar 2007 in SL mit einer eigenen Sim (BEKO-Island) präsent und hat dort viel Arbeit und Zeit investiert, um Gebäude, Anlagen, Modelle usw. zu erstellen. Diese Informationsarbeit ist aller Ehren wert, denn es wird nicht nur das Arbeitsfeld des beratenden Ingenieurs visualisiert, sondern auch Aufklärung betrieben über Second Life an sich.

So finden sich im ersten Stock der SL-Repräsentanz auch heute noch zahlreiche Infoboards, wo dem Besucher Grundsätzliches über das virtuelle Zweitleben und seine Avatare beigebracht wird, man erfährt z.B. etwas über virtuelles Geld, über Landerwerb, über das Bauen und Scripten.

Detailliert wird erklärt, wie sich Avatare fortbewegen, interessanterweise vor allem im schwarzen Lamborghini, der auf dem Hof steht, sowie im BEKO Airship. Das Ganze wirkt alles in allem zwar gut gemeint, aber aus heutiger Sicht doch bereits recht alt und etwas angestaubt. Irgendwie bemerkt man es an allen Ecken und Enden: Die BEKO-Insel wird heute offenbar nur noch relativ selten besucht.

SL für die Ingenieure eine Erfolgsstory, aber mit Einschränkungen

In der Rückschau auf die letzten beiden SL-Jahre spricht die Firma heute vom medialen Hype, was ja wohl nichts anderes heißt, als daß man damals die Möglichkeiten Second Lifes überschätzte. 
Die Ernüchterung betrifft weniger die klassische Konstruktionsarbeit des Ingenieurs, denn hier wurden die Erwartungen weitgehend erfüllt. Ein Objekt, das in SL gebaut wird, kann von jedem Beteiligten zu jeder Projektphase eingesehen werden. SL bietet auch die Möglichkeit der ständigen Kommunikation und der dreidimensionalen Visualisierung, was es möglich macht, Ideen des Konstrukteurs wie auch Änderungswünsche des Kunden rasch zu realisieren. Hier war SL absolut hilfreich, denn alle Projektmitarbeiter können gleichzeitig "kollaborativ" an einem Teil konstruieren, obwohl sie im realen Leben weitgehend verstreut vom eigenen PC aus arbeiten. Die Ingenieure charakterisieren diesen Vorgang mit dem Begriff "Rapid Prototyping"
oder mit dem Bild einer "virtuellen Werkbank". In diesem Bereich wird SL durchaus eine positive Zukunft zugeschrieben.

Virtual Banking ging daneben

Eine volle Bauchlandung hat die Firma dagegen mit dem (gewagten) Versuch hingelegt, sich am Finanzleben innerhalb Second Lifes zu beteiligen. Die 2007 von BEKO gegründete First National Second Life Bank (FNSL) geriet gleich nach dem Start in Turbulenzen, die das allgemeine SL-Finanzleben Ende 2007 erschütterten, und mußte in der Folge im Sommer 2008 völlig eingestellt werden.
Die Ursache dafür wird heute so interpretiert, daß der Finanzcrash des SL Ende 2007, der damals zum generellen Bankenverbot durch Linden Lab führte, quasi ein Vorläufer der realen Banken- und Finanzkrise gewesen sei, welche die Welt heute beschäftigt. Diese Stichhaltigkeit der Behauptung ist allerdings nicht überprüfbar, auf jeden Fall aber mußte BEKO diese eigene SL-Bank dann sogleich wieder schließen, nachdem es nicht möglich war, den Zulassungsnachweis als Bank bei Linden Lab vorzulegen. Nach Aussage von BEKO waren die Gründe für den allgemeinen Finanzkollaps des SL (dem der des eigenen Instituts folgte) eine fehlende Bankenaufsicht, sowie Betrugsfälle diverser Geldhäuser, außerdem als Auslöser eine Hacker-Attacke auf die SL World Stock Exchange. Die Parallelen zum wirklichen Leben sind aktueller denn je. 

Noch kein Silberstreifen am Horizont

BEKO resümiert seine Second Life-Erfahrungen der letzten beiden Jahre mit einem Bekenntnis zu SL, jedoch quasi unter Vorbehalt, weil einerseits das neue Medium im Bereich der klassischen Ingenieursarbeit eindeutige praktische Vorteile brachte, andererseits es sehr unwahrscheinlich ist, dass die aktuelle Krise vor dem SL  halt machen wird. So werden Parallelen zwischen SL und RL auch darin gesehen, dass schon die SL-Finanzkrise die Zweitwirtschaft schädigte und Avatare um ihren Job brachte. Ebenso unbestreitbar scheint es, dass zahlreiche RL-Firmen das SL inzwischen verlassen haben, weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass sich ihre Produkte und Dienstleistungen dort nur schwer verkaufen lassen.


Weiterführende Links:

Offizielle (aktuelle) Pressemitteilung zur Konferenz
www.beko.at

 

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