Fünf Fragen an: Peter Stindberg (Babel Translation) 
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Sonntag, den 08. November 2009 um 14:03 Uhr
Peter StindbergDas sonntägliche 5-Fragen Interview richtete dieses Mal seine Fragen an Peter Stindberg, Unternehmer in real und Second Life.

Viele versuchen sich in Second Life als Unternehmer. Möglichkeiten dafür gibt es in den verschiedensten Bereichen. Nur wenige schaffen es jedoch, dabei wirklich und vor allem langfristig erfolgreich zu sein. Peter Stindberg, im realen Leben 42 Jahre alt, wohnhaft in Nordrhein-Westfalen und mit über 20 Jahren Erfahrung im internationalen High-Tech Produktmarketing ausgerüstet, ist einer von ihnen.

Im Juni 2007 gründete er das SL-Dienstleistungsunternehmen Babel Translations and Text Creation, mit dem er bis heute überaus erfolgreich auf dem internationalen SL-Markt existiert.
VWI stellte ihm fünf neugierige Fragen auf der Suche nach dem Geheimnis seines Erfolges.

VWI: Peter, man kann Dich ohne Zweifel zu den langfristig erfolgreichsten Unternehmern in Second Life zählen. Dein Übersetzerservice Babel Translations ist einer der größten Anbieter in diesem Bereich. Wie funktioniert Dein Service und wer sind Deine Kunden?

Stindberg: Wo Babel genau steht, kann ich nicht mit Sicherheit sagen, da im SL-Wirtschaftssystem die Transparenz fehlt. Fest steht aber, dass Babel der älteste Anbieter von Text-Dienstleistungen ist, nachdem ich in 2009 und 2008 jeweils einen älteren Mitbewerber übernommen habe. Meine Kunden kommen aus ganz verschiedenen Bereichen, überwiegend natürlich Designer und Unternehmer in SL, aber auch Privatpersonen.

Babel TranslationsDer schönste Job bislang war die Übersetzung eines Liebesliedes aus dem Französischen ins Deutsche für ein SL-Paar, das bislang ausschließlich auf English kommunizierte. Der Großteil der Kunden kommt aus dem Fashion-Bereich, was nicht weiter verwunderlich ist, da dies ja auch der größte Bereich in SL selbst ist. Adam'n'Eve, Calla oder die "Hair Fair 2009" wären typische Beispiele, aber auch Kunden wie Botanical (bekannt von der Straylight Sim) oder das TMC Storecard System wären zu nennen.

Grundsätzlich steht mein Service jedem offen. In der Regel hat der Kunde schon einen Text, und ich berate ihn in der Auswahl der zu übersetzenden Sprachen. Weniger bekannt ist, dass Babel auch Texte erstellt oder bestehende Texte überarbeitet. In SL sind viele Unternehmen Einzelkämpfer. Jemand, der Kleidung oder Skins designt, ist nicht unbedingt genauso talentiert im Erstellen von effektiven Werbetexten oder Anleitungen - all das können wir leisten, bis hin zu kniffligen Texten wie Covenants oder Linzenzvereinbarungen.

Bin ich mit dem Kunden über den Umfang und den Preis des Projekts einig geworden und hat der Kunde eine 50% Anzahlung geleistet, dann verteile ich die Aufgaben an die Übersetzer in meinem Netzwerk. Grundsätzlich werden alle Texte von Menschen bearbeitet - nicht etwa maschinell. Ich habe ein großes Netzwerk von Übersetzern, die alle entsprechend qualifiziert sind - die allermeisten sind RL-Übersetzer oder arbeiten professionell mit Texten. Nachdem die Resultate von mir geprüft wurden, liefere ich an den Kunden und die zweite Rate wird fällig. Dieses System hat sich bewährt, verteilt das Risiko gerecht und wurde bislang nur ein einziges Mal ausgenutzt.

 

VWI: Babel Translations ist nicht Dein einziges Unternehmen. Welche anderen Projekte betreibst Du in SL?

Stindberg: Der kreative Geist in SL ist ansteckend, und die schier endlosen Möglichkeiten üben auch im dritten Jahr immer noch eine große Faszination auf mich aus. Vor allem dass man alles ausprobieren kann, ist befreiend. So kam es auch, dass ich im Frühjahr 2008 mit einer Freundin aus den USA unser Unternehmen GREENE concept gegründet habe. Wir haben eine kleine, aber sehr feine Kollektion von Möbeln in SL. Ivanova und mich vereint dabei der absolute Qualitätsanspruch - wir gehen dutzende Male an Texturen ran, achten auf die kleinsten Details, und es findet sich kein Prim zu viel an unseren Objekten. Das ist Segen und Fluch zugleich, denn es ist der Grund für unser größtes Hemmnis: neue Releases sind sehr selten.

Das Babel TeamMit Rika Watanabe habe ich einige Projekte realisiert, von denen das Bekannteste wohl das "Designer Showcase Network" (DSN) sein dürfte. Rika ist zwar Soziologin von Beruf, aber eine begnadete Scripterin. Wir ergänzen uns sehr gut und es gibt einige andere Projekte, die auch meine Handschrift tragen. Derzeit arbeiten wir an einem sehr großen Projekt, das aber dieses Jahr nicht mehr fertig wird.

 

VWI: Als Du zu Second Life kamst, war Dein erster Gedanke, hier als Unternehmer erfolgreich zu werden und Geld zu verdienen?

Stindberg: (lacht) Ja und Nein. Ich habe einen beruflichen Hintergrund in 3D Grafik und habe SL tatsächlich unter dem Aspekt ausprobiert, zu sehen, was in diesem Bereich kommerziell möglich ist. Ich war aber geschockt, wie primitiv die Werkzeuge sind.

Im Vergleich zu einem kommerziellen 3D Entwicklungspaket wie Maya ist SL Steinzeit. Ich habe aber schon vorher auch den sozialen Aspekt von SL gesehen, und nachdem meine kommerziellen Ideen schnell begraben waren, hat mich der kommunikative Aspekt von SL sehr stark fasziniert. Ich benutze seit 1989 internetbasierte Kommunikationssysteme, so dass SL für mich die folgerichtige Entwicklung war. Insofern bin ich dank dieses Aspektes geblieben, und letztendlich kommerziell erfolgreich in einem ganz anderen Bereich als ursprünglich gedacht.


VWI: Welche Bedeutung hat Second Life für Dich mittlerweile? Ist es für Dich noch eine Form der kreativen Freizeitbeschäftigung oder siehst Du das Ganze angesichts Deiner sicher zeitraubenden Unternehmen eher von der professionellen Seite?

Stindberg: Mein Anspruch an meine SL-Unternehmungen ist professionell, aber es ist kein RL Job. Babel ermöglicht mir einen angenehmen SLifestyle, ist aber nichts, womit ich den RL-Kühlschrank füllen kann. Bis zum heutigen Tag habe ich noch keinen einzigen Euro aus SL rausgeholt. Will ich aber auch nicht - auch wenn mein Anspruch an meine SL-Firmen professionell ist, so ist es doch eher ein Hobby für mich. Naja, Hobby trifft es auch nicht ganz. SL ist quasi eine Erweiterung der Realität für mich. Genauso wie ich mich mit RL Freunden im Kino treffe, treffe ich mich mit SL Freunden in einer tollen Sim. Genauso wie ich in RL ein Buch lese, besuche ich Musik- oder Literatur-Events in SL. Meine SL-Unternehmungen finanzieren mir das, und ich nehme sie sehr ernst und liefere meinen Kunden den bestmöglichen Service. Aber das, was finanziell dabei rauskommt ist - in RL Maßstäben - Liebhaberei.

 

Welche Sprachen in SL gesprochen werdenVWI: Wenn Dir eine (Pixel-)Fee drei Wünsche innerhalb von Second Life gewähren würde, welche wären das in Deinem Fall?

Stindberg: Wie, nur drei? Ach herrje... schwierig, schwierig. Ich habe mich etwas mit OpenSim beschäftigt und dabei erst mal gemerkt, wie gut und problemlos SL eigentlich funktioniert. OK, drei Wünsche... also, zum einen würde ich mir ein besseres Avatar-Mesh wünschen. Wir alle kennen die Verzerrungen, die es gibt, insbesondere in der "Problemregion" der Lenden. Vernünftige Kleidung in den Verzerrungsbereichen zu entwerfen, ist nahezu aussichtslos. Das Avatar-Mesh bedarf also dringend einer Aktualisierung. Als zweiten Wunsch hätte ich die Nachrüstung der seit Jahren gewünschten, dringend benötigten LSL-Funktionen, insbesondere einer vernünftigen transaktionssicheren llGiveInventory-Alternative. Und zuletzt würde ich mir wünschen, dass Linden Lab eine klare, kommunizierte Strategie und Roadmap für die nächsten 5 Jahre hat, die auch die Belange der Inworld-Geschäftsleute und der sozialen Gemeinschaften in SL berücksichtigt. Ich glaube fast, dass Linden Lab gar nicht weiß, was für ein tolles System sie da entwickelt haben. Ich habe den Eindruck, Linden Lab läuft verzweifelt der industriellen/kommerziellen Anwendung von SL hinterher, und da sehe ich die Zukunft von SL überhaupt nicht.

VWI: Vielen Dank für das Gespräch!

Links:
SLurl - Babel Translations
Peter Stindberg Blog
Peter Stindberg Fotostream auf Flickr.com

 

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