Politik in SL (2): Tote Hose im Politik-Land 
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Sonntag, den 27. Juli 2008 um 12:00 Uhr
SPD in SLPolitik in Second Life, es gibt sie. Teil 2 der Serie um deutsche Politinstanzen in der virtuellen Welt.

In der Schule haben wir es einmal gelernt: Politik leitet sich von den griechischen Wort polis ab, was sinngemäß das Stadtzentrum oder den Marktplatz bezeichnet, das heißt den Platz wo man sich im alten Griechenland traf, um miteinander zu diskutieren und die Dinge zu entscheiden, die für den Bürger wichtig waren. Standpunkte zu vertreten, anderen Bürgern zuzuhören, Entscheidungen zu treffen, Demokratie eben im ursprünglichsten Sinn.
Second Life Bewohner aufgepasst, jetzt kommt eine provokative Frage: Waren die alten Griechen in dieser Beziehung - gemeint ist unsere politische Selbstorganisation - eigentlich weiter als wir in Second Life heute?

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, besuchte VWI an aufeinander folgenden Tagen das Politik-Land in Second Life.

Da ist ja absolut tote Hose dort! Es sieht dermaßen entvölkert aus wie NewYork City nach dem Atomschlag in Roland Emmerichs Film "The Day After". Im Politik-Land ist es also sowas von wüst und leer, das glaubt niemand, der es nicht selbst gesehen hat! Obwohl wüst eigentlich nicht der richtige Begriff ist, denn die Erbauer haben eine Menge architektonisch interessanter Gebäude hingestellt. Auch findet sich der neue Besucher, der in die große Empfangshalle einfliegt, durch ein sternförmig angelegtes System breiter Straßen sehr gut zurecht. Mehrere Repräsentanzen der politischen Parteien bieten eine Menge Information.
 
Diverse Themenparks und Eventcenter zeigen Diashows, überall stehen TV- Screens zur freien Verfügung, an jeder Ecke haben die Parteien Infostände und Multimediashows aufgebaut.Aber es ist niemand da, der sie sich ansehen will, das ganze aufwendigeund teure Angebot, das größtenteils im Sommer 2007 erstellt wurde, wird vom SL-Publikum offenbar nicht im Mindesten angenommen.Das ganze Areal macht den Eindruck, als ob gerade die Profis, also die politischen Parteien, nicht so richtig an SL glauben. Wie anders ist zu verstehen, dass auch die offiziellen Repräsentanzen der Parteien leer stehen als sei immer noch Weihnachtspause? Auch die Einrichtungen der Parteienhäuser lässt zu wünschen übrig.
 
Im Haus der FDP, farblich sehr schön parteitypisch blau-gelb gehalten und mit vielen Politikerfotos an den Wänden, gibt es zum Beispiel keinTeleporter-System, man fliegt also von außen in die verschiedenen Stockwerke ein und hüpft ganz locker vom obersten Stockwerk wieder aufdie Strasse hinunter, wenn man wieder gehen möchte. Das Haus der SPD ist in roter Farbe gehalten und macht bautechnisch und ausstattungsmäßig noch den besten Eindruck, alle Aufzüge funktionieren, alle Kommunikationstechnik ist vorhanden, nur:auch hier ist niemand am Empfang, niemand im Büro, niemand im Casino, niemand da, nicht mal ein verirrter Besucher auf dem Klo.
Von den Grünen ist zu berichten, dass ihr Gebäude im Rohbausteht, aber noch auf den Innenausbau wartet. Zwei weitere leere Gebäude stehen im Gelände herum, eines davon ist blau angemalt. Sollte dieses die Parteirepräsentanz der CDU, der neuen Mitte, werden? Oder handelt es sich um eine Bauruine, die mal als CDU-Haus geplant war? Nähere Auskünfte bekommt man nur schwer bzw. überhaupt nicht. Von wem auch? - siehe oben: Niemand präsent in der so genannten Repräsentanz der Parteien.
 
Traurig aber wahr: Offenbar geht das Angebot der Politprofis am echten SL-Bedarf vorbei. Um hier weiterzukommen, hat VWI die Berliner Zentralen aller 5 Parteien im RL befragt, was eigentlich die Ziele Ihrer SL-Büros sind. Die Resultate dieser Interviews stellt VWI in einem der nächsten Artikel vor.
Unbeantwortet bleibt, wie die SL-Bürger die polis in Zukunft vernünftig organisieren wollen. Dazu fallen spontan eine Menge von offenen Fragen bzw. ungelöste Probleme ein, die hier gar nicht im Einzelnen auszuführen sind, nur beispielsweise als Schlagworte genannt seien der Jugendschutz oder der Schutz vor Kinderpornografie, oder sei es auch nur die ganz praktische Frage wie man die Geld-Konten von Avataren vor den Machenschaften betrügerischer Zeitgenossen im Netz schützen kann.
Bildlich gesprochen, lebt die weltweite SL- Community noch in vorgesetzlicher Zeit, quasi im Wilden Westen. Und Sheriff Wyatt Earp und seine Kollegen haben bis heute bestimmt noch nicht auf jeder Sim Ordnung schaffen können. Von den etablierten Parteien wird die Antwort auf jeden Fall nicht kommen, da kann man fast sicher sein. Ist eigentlich auch gar nicht ihre Aufgabe. Was die Second Life-User in dem Moment tun müssen, ist nichts anderes als sich  selbst zu organisieren.
 
Was bedeutet: Weitermachen mit den langen Gesprächen in den bestehenden Diskussionsgruppen, in den SL-Stammtischen, in den kleinen Gemeinschaften: Graswurzeldemokratie eben, nichts anderes. Ob aus diesen Gruppierungen von Gleichgesinnten oder politischen Stammtischen irgendwann mal eine arbeitsfähige demokratische Repräsentanz entstehen wird, die allgemeine Regeln setzt oder die z.B. als Interessenvertretung der Avatare der großen anonymen Linden-Geschäftsleitung gegenüber treten könnte, bleibt abzuwarten. Sicher ist jedenfalls, wer nicht lernt, sich selbst zu verwalten, wird (weiterhin) verwaltet.
 
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