Stille Tage in Misfits Cove 
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Dienstag, den 09. September 2008 um 12:00 Uhr

08-0909-misfits-001Misfits Cove und Neva Naughty sind die SIMs für die Unangepassten unter den Avataren. Ein Rückzugsraum für Eigenbrötler, für die Schwierigen, die Ausgeflippten, Maniacs und andere seltsame Figuren. Und wer wollte leugnen, dass es sie gäbe, auch in der zweiten Welt? Der Name Misfits lehnt sich an einen Hollywood-Film aus den 50er-Jahren an. Damals, in den USA der zweiten Eisenhower-Regierung, es war das Jahr 1957, schrieb der amerikanische Dramatiker Arthur Miller für seine damalige Frau Marilyn Monroe das Drehbuch zu dem Film Misfits: Nicht gesellschaftsfähig. Beide, der Schriftsteller und die Diva, waren keine ganz einfachen Menschen, und wie bekannt ist, wurde die Ehe  noch während der Dreharbeiten zu dem Film bereits wieder geschieden.

Misfits Cove blieb auch 50 Jahre später in Second Life der Rückzugsraum für die nicht Gesellschaftsfähigen, für die Individualisten und sogenannten „Spinner“ aller Länder. Irgendwie geriet ich als Newbie mal dorthin, irgendwie blieb ich dort hängen, und was soll ich sagen, es wurde schnell mein Lieblingsort in SL. Kein Ort, wo man die guten Bürger trifft. Irgendwann stellte man fest, dass immer die gleichen Gestalten dort auf den Bänken herumhingen, die Linden netterweise dort aufgebaut hatte, zum Beispiel Liv, der weibliche Clown, oft im strengen schwarzen Sado-Outfit. Oder Penny, die Asphaltschwalbe. Oder Leo, das blonde, aber nicht blöde Escort Girl und Gaffer, der damals meistens arbeitslose Schriftsteller. Getroffen haben wir uns eigentlich nur an dieser Ecke. Irgendwann vermissten wir einander, wenn mal einer fehlte, und irgendwann waren wir Freunde.  

08-0909-misfits-002Misfits Cove war so konsequent düster und hässlich, dass man es direkt schon wieder mögen mußte. Misfits Cove war schmutzig und unmoralisch. So dreckig und verkommen kann es nur in den Hinterhöfen von Chicago, Detroit oder in Downtown Manhattan ausgesehen haben, bevor Bürgermeister Rudy Giuliani dort aufräumte. Wer hat sich eigentlich dieses herrlich echte Stückchen SL ausgedacht? Der Designer dieses Fleckchens  SL ist ein Genie. Er muß seinen Jack Kerouac und seinen Allen Ginsberg gelesen haben, bei der Arbeit am Design dieser SIM war er bestimmt halb zugedröhnt, und im Hintergrund lief eine alte Platte von Bob Dylan oder von Pattie Smith. Oder hatte er einen Film mit dem jungen Dennis Hopper und Peter Fonda auf seinem Viedorecorder laufen? Vielleicht Easy Rider?  Misfits Cove beamt uns geradewegs zurück in diese vergangene wilde Zeit. Wir waren ganz jung damals. Was haben wir die Bücher von William S. Burroughs verschlungen, die Beat Generation der 60er Jahre, das waren wir.

Das Misfits Cove war in der SL-Anfangszeit der richtig große Hit für Newbies. Die SIM war so überlaufen, weil es sich um einen bekannten Rotlichtbezirk handelte, in direkter Nachbarschaft zu einem Freebie-Warenhaus. Die Escort-Girls suchten ihre Kundschaft direkt neben der Einflughalle für die ankommenden Avis, obwohl die Ordnungsmacht sie ständig von dort vertrieb. Die Anfliegenden mussten den Landeplatz sofort verlassen, damit es nicht zu Stockungen kam. Mehrfach in der Woche musste Misfits damals wegen Überfüllung zumachen. Große Schilder wiesen den Weg ins nächste Bordell, das wegen des großen Andrangs praktischerweise als gigantische offene Orgien-Halle ausgebildet war: Free Sex Orgy Room. Wetten, dass viele der Leser die betreffenden Locations in Misfits oder Neva Naughty kennen und dort den ersten Ruckel-Sex probiert haben? Der Andrang war so stark, dass die Linden-Leute schließlich die Halle zumauerten und überall Hindernisse aufstellten, um die Interessenten zurückzudrängen, und das mit Erfolg.

08-0909-misfits-003Was ist geworden aus den Typen von damals? Noch meint man, sie hinter jeder Ecke stehen zu sehen. Doch wo sind sie hin? Das Misfits Cove von heute ist leer. Nur noch wenige verirren sich hierher. Misfits ist still geworden. Geblieben sind die hässlichen Backsteinbauten mit eingeschlagenen Fensterscheiben, die Schrottplätze, ist die zwielichtige Atmosphäre und das halbseidene Angebot. Geblieben ist das Pornokino mit den herrlich plüschigen roten Sesseln, aber das Filmprogramm hat schon damals nicht richtig funktioniert. Geblieben ist das heruntergekommene Hotel mit den schmutzigen Tapeten, dessen Mobiliar geradewegs aus dem Sperrmüll zu kommen schien. Geblieben auch das amerikanische Diner mit dem gelben Checker-Taxi davor und die sogenannte Kirche der komischen Heiligen der letzten Tage. Geblieben ist auch das seltsame Gesundheitsamt mit dem verrückten Doktor. Aber fast alle Einrichtungen sind heute mehr oder weniger leer, man sieht fast nirgendwo noch einen Menschen. Geblieben der Schmutz, die in den Hinterhöfen herumliegenden Bierdosen, die Grafitti an jeder Hausecke  und die an den Strassenecken im Wind herumwirbelnden alten Zeitungen. 

Aus unerfindlichen Gründen konnte man in Misfits auch nie fliegen. Die SIM ist heute so langsam geworden, dass auch die Fortbewegung zu Fuß dort kaum möglich ist. Praktischerweise kann man dafür heute aber an jeder Ecke kostenlose Mofas mieten und damit durch die Gegend düsen. Außerdem gibt es ein Teleportersystem, das einen zwischen den einzelnen Locations hin- und herbeamt. Aber weil das Publikum weitgehend fehlt, ist Misfits heute eigentlich nicht mehr das, was es einmal war, höchstens noch eine Reminiszenz an vergangene Zeiten.

SLurl 

 

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