Kirchen in Second Life (1): Eine Bestandsaufnahme 
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Dienstag, den 02. September 2008 um 02:00 Uhr
08-0902-kirche2-teil1Der Gedanke, dass Avatare als solche auch mal einen Pfarrer brauchen, scheint zunächst etwas weit hergeholt zu sein, beantwortet sich jedoch bei etwas weiterem Nachdenken recht schnell: Warum eigentlich nicht?

Avatare brauchen, je nach Standpunkt, zumindest genauso viel oder genauso wenig einen Pfarrer oder eine Kirche, wie das für Menschen im realen Leben der Fall ist. Avatare auf der Suche nach spiritueller Hilfe: Es scheint sie also zu geben.

Die etablierten Kirchen beginnen, den Gedanken nachzuvollziehen und deshalb hat sich auch in Second Life, zumindest in Ansätzen, so etwas wie kirchliches Leben entwickelt und zwar sowohl auf Seiten der beiden christlichen Konfessionen, wie auch bei anderen Glaubensrichtungen. Und dies nicht nur im deutschsprachigen Raum.

Überall sind prächtige Kirchengebäude entstanden. Zum Beispiel hat dieEvangelische Kirche Deutschlands die Berliner Marienkirche eins zu eins nachgebaut und ins SL gestellt. Sie steht in New Berlin in der Karl-Liebknecht-Strasse. Ein imposanter Backsteinbau, norddeutsche Gothik, mit einem modern ausgestatteten Bürotrakt im Anbauteil, geöffnet zu allen Tageszeiten für jedermann.

Den spirituellen Bedarf ausloten. Der Avatar Yves Augenblick ist ein jugendlich wirkender geistlicher Herr mit blondem, leicht angegrautem Haar und  schwarzer Soutane mit weißem Kragen. Ohne weiteres nimmt man ihm den evangelischen Pfarrer ab. In seinem von der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) ausgestatteten modernen Büro in der Berliner Marienkirche beantwortet er freundlich und geduldig alle Fragen. Nein, eine wirkliche Marienkirchengemeinde in Second Life existiert noch nicht, wohl aber ein schönes Kirchengebäude innerhalb dieser von ihm betreuten SL-Repräsentanz. Ja, im wirklichen Leben ist er ein evangelischer Vikar, und zwar in Hannover. Was sein Auftrag ist? Er will den spirituellen Bedarf der SL-Avatare ausloten. Dafür macht er den ganzen Tag über zahlreiche intensive Interviews mit Avataren, die er aktiv in Second Life anspricht, jeden Tag seit Anfang August. Das heißt, Yves fertigt gewissermaßen eine qualitative Marktstudie an. Er will wissen, was für seine Kirche drin ist, in diesem Second Life. Ja, die EKD unterstützt sein Projekt, indem sie ihm diese Repräsentanz aufgebaut und finanziert hat, „aber bitte beachten Sie genau: Es handelt sich hier keinesfalls um eine offizielle SL-Aktivität der evangelischen Kirche“. Für Yves Augenblick ist es eine wissenschaftliche Arbeit, für seine Kirchen-Oberen bisher wahrscheinlich eher eine Art Versuchsballon.

08-0902-kirche1-teil1Gottesdienste und seelsorgerische Arbeiten.
Nein, Gottesdienste werden noch keine in dieser Kirche abgehalten, soweit will man hier bei den Evangelischen nicht gehen. Die katholische Konkurrenz ist da weniger erschrocken, hier hält man schon regelmäßige Gottesdienste ab, diese sind deutlich angelehnt an die römische Liturgie, sogar mit lateinischen Einsprengseln. Nein, sagt Yves Augenblick, wir Protestanten sind da nüchterner, wir sehen das eher als ein Ziel oder eine Aufgabe, die Seelen der Avatare zu gewinnen, auf Showelemente legen wir dabei weniger Wert, das unterscheidet uns.

Im Gespräch mit Yves Augenblick bemerkt man ein großes  Engagement und einen fast missionarischen Eifer. Ganz kann er den evangelischen Vikar nicht ablegen, bei aller wissenschaftlichen Neutralität, der er mit seiner Explorations-Arbeit ja verpflichtet ist. Immer wieder taucht der Begriff der Seelsorge in seinen Sätzen auf. Sehr deutlich meint er in vielen Interviews, die er mit Avataren in Second Life führt, ein Bedürfnis nach geistlicher Hilfe zu erkennen. Manchmal handelt es sich um echte Probleme, und da bräuchte es eigentlich schon den ausgebildeten Telefonseelsorger, solche Gespräche können manchmal in echten Stress ausarten. Offenbar gibt es nicht wenige solcher Gespräche. Yves macht sich Sorgen, ob alle seine Mitarbeiter, Freiwillige wie er selbst, dieser Aufgabe gewachsen sind: „Hobby-Seelsorger können wir dafür nicht gebrauchen“.

Protestanten, Katholiken, Evangelikale Freikirchen und andere
Yves, der Protestant und Realist, weiß genau, dass seine Kirche auch in Second Life im Wettbewerb steht: „Ja, wir müssen aufholen, das ist richtig“. Er kennt seinen Markt, und er kennt seine Wettbewerber. Dabei denkt er weniger an die katholische Konkurrenz, sondern eher an die ganzen sektenartigen Gruppierungen, die SL bevölkern. Es existieren auch in SL bereits viele kleine Gruppen mit spirituellen Zielen, die nichts mit den Amtskirchen zu tun haben und diese zum Teil sogar aktiv bekämpfen. Yves erzählt, dass erst vor kurzem eine Gruppe von Satanisten die Eröffnungsfeier seiner Marienkirche gestört hätte. Die Atheisten hätten es halt leichter, gerade mit jüngeren Menschen, „aber sie bieten eigentlich nichts außer der Provokation“.

Bei einem anderen Kirchenbesuch (VWI wird noch darüber berichten), passierte es tatsächlich, dass sich mitten in der Predigt ein Mädchen nackt auszog und dem Pastor anbot, „ihm einen zu blasen“ (Zitat). Dieser jedoch blieb cool und versprach, für ihre Seele zu beten.

Noch keine offiziellen SL-Auftritte der Kirchen
Man sieht also wieder einmal, SL ist so bunt wie das Leben. Gläubige und Ungläubige jeder Couleur beginnen, sich in der Zweitwelt zu gruppieren. Viele darunter sind spirituell auf der Suche nach irgendetwas, das sie ausfüllt und das sie in den Amtskirchen heute nicht finden. Ob diese Leute jetzt Gläubige sind oder bereits zu den Verirrten gerechnet werden müssen, mag jeder für sich selbst entscheiden. Jedenfalls wird klar, dass die offiziellen Amtskirchen in SL bisher noch nicht in Erscheinung treten, denn alle bisherigen Auftritte, Gruppierungen und Aktionen werden von Privatpersonen getragen, meistens handelt es sich um engagierte Laien, manchmal um Kirchenmitarbeiter, manchmal um Studenten theologischer Fächer. Teilweise sind die Akteure getrieben oder motiviert von einem seelsorgerischen Impetus, teilweise, so wie bei Yves Augenlicht, durch eigene wissenschaftliche Ziele. Wie auch in der realen Welt gehen also die Aktivsten voran, und die Organisationen werden (vielleicht) irgendwann einmal nachfolgen. Sicherlich wird es aber noch seine Zeit dauern, denn um die Basis für ein normales Gemeindeleben abzugeben, ist SL als Medium heute wahrscheinlich technisch noch nicht weit genug entwickelt.


 
 

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