Kirchen in Second Life (2): Pater Holmer lässt St. Gonzo aufleben 
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Freitag, den 05. September 2008 um 12:00 Uhr
08-0905-pater_holmer_002Seiner katholischen Amtskirche, die ihn offiziell bis heute noch erfolgreich ignoriert, hat er wegen seines unkonventionellen Umgangs mit geistlichen Symbolen und Amtstiteln bestimmt schon ein paar Sorgen gemacht, der selbsternannte „SL-Bischof“ Pater Holmer, bis zu 4 Stunden täglich in Second Life unterwegs als Prediger im Auftrag des Herrn.

Irgendwann, nach ersten tastenden Schritten in SL Anfang 2007, fühlte sich der 48 Jahre alte gläubige Christ, im realen Leben Familienvater und katholischer Kirchenangestellter aus dem Ruhrgebiet, einfach zu Höherem berufen. Also beschloss er, es war im März 2007, in SL das Wort Gottes zu verkünden, indem er eine freie Kirchengemeinde gründete, St. Sixtus, später St. Gonzo Juran.

Denn „um das Wort Gottes zu verkünden, muss man kein geweihter Priester sein“, sagt der Pater, der auch Bischof ist, und beruft sich auf die ersten urchristlichen Gemeinden im alten Rom. Und wie einer dieser damaligen ersten Gläubigen missioniert und predigt auch er tagein, tagaus im Sumpf der viel zu vielen Ungläubigen, die Second Life bevölkern. Es gibt viel zu tun für den selbsternannten Priester, aber er macht seinen Gottesdienst routiniert und mit viel Freude an der Sache. Das Lob wehrt er bescheiden ab, er sei schon von Kindesbeinen an immer in der Kirche gewesen, da kriege man es eben drauf, das Predigen.

Bis zu 60 Besucher kommen in die Kirchen, in denen er abwechselnd predigt, im Mittel seien es so um die 15 Besucher, die zum Gottesdienst kommen. Man ist überrascht, wie viele dieser Kirchen, Kapellen und Kathedralen sich im deutschsprachigen Raum finden. Man konnte Pater Holmer schon in Norddeutschland und in München predigen hören, irgendwie beeindruckt der Mann seine Zuhörer, allein schon wegen der Ruhe und Selbstsicherheit, die er bei seiner Predigt, die er im Chat hält, und später im Gespräch ausstrahlt.

08-0905-pater_holmer_001Gottesdienst in St.Gonzo Juran
Drei Reihen zu 6 Plätzen hat das kleine Kirchlein St. Gonzo, und 18 Besucher sind anwesend, als der Pater um 21.00 Uhr anfängt. Viele Frauen sind unter den Zuhörern, ein paar italienische Namen, offenbar katholische Gläubige, ein paar Hippies, ein Stadtindianer, zwei, drei Rocker und Tätowierte, ein Mädel mit einem Schild: Freedom for Tibet. Es fällt auf, dass der Pater seine Gemeinde siezt, so schafft er Distanz und unterstreicht die Ernsthaftigkeit seines Tuns. Nach 30 Minuten ist er mit seiner Predigt und den Gleichnissen durch und ruft zum stillen Gebet auf. Der Mann beherrscht sein Handwerk, ganz klar. Er lässt die Gemeinde aufstehen und wieder hinsetzen, er lässt Teile des Sermons nachsprechen und das Vaterunser beten. Und manche tun es sogar.

Des Paters Credo ist simpel: Er ist ein gläubiger Christ, und für ihn hat das nichts mit katholisch oder evangelisch zu tun. Seine Kirche ist eine freie Kirche, das heißt unabhängig von den Amtskirchen, er will diejenigen erreichen, die im wahren Leben nicht mehr in die Kirche gehen, und solche gibt es ja viele. Ob der Amtskirche sein Tun gefällt oder missfällt, weiß er nicht, und es ist ihm auch nicht wichtig. Offenbar ruht er fest in sich selbst. Kleinere Provokationen aus dem Publikum kommen schon vor, aber die steckt er weg. Entweder locker ignorieren oder später mit dem Störenfried sprechen.

„Ich will den Menschen helfen," sagt er einfach. Und er hilft so, wie er es kann. Er tut das, was er von Kindesbeinen an als Kirchgänger mitbekommen hat: Er predigt. Und dies quasi freihändig, aber deutlich angelehnt an die katholische Liturgie. Wenn die reale Kirche im echten Leben diese Predigten „eine Gotteslästerung“ nennt (was offenbar schon des öfteren vorgekommen ist), so kümmert das den Pater Holmer nicht, denn er hat sich ein Hintertürchen offengehalten. Er gibt ja nicht die Sakramente aus, und nicht die Kommunion. Er kopiert nicht die katholischen Riten, er lehnt sich nur an diese an.

Ob alle seine Zuhörer den feinen Unterschied wahrnehmen? Für Pater Holmer ist die Frage nicht wichtig. „Mein Eindruck ist, dass die Menschen eine christliche Präsenz im SL wollen,“ sagt er und weist auf seine zehn Mitstreiter hin, die ihn bei seiner Aufgabe unterstützen. Ein (echter) katholischer Priester ist angeblich auch dabei. Seelsorge machen sie auch, ja. Erst kürzlich hätten sie eine Selbstmörderin von ihrem Vorhaben abgehalten und einer psychologischen Hilfe im RL zugewiesen. Spätestens hier hat der Pater alle Sympathien auf seiner Seite. Es sei schon ein gehöriger psychischer Stress manchmal, stellt er seufzend fest, aber ein „schöner Stress“. Dass ihm sein Job Freude und Erfüllung bedeutet, merkt man dem großen Mann in der schwarzen Soutane an, fast meint man, seine Augen blitzen zu sehen hinter der Nickelbrille und über dem mächtigen schwarzen Bart.

Ob er auch auf Gegner oder Feinde treffe im SL? Ja, sagt er, es geht schon manchmal etwas sehr wild zu im zweiten Leben. Satanisten stören offenbar häufig seine Gottesdienste. Er weiß sich zu helfen, indem er mit den Leuten redet, aber „manche sind leider unbelehrbar“. Er sei auch schon gebannt worden im letzten Jahr, und zwar von einer Gruppe von Vampiren, „stellen Sie sich vor“.

Dieser Artikel entstand während eines Gespräches mit Pater Holmer spätabends eine gute Stunde vor Mitternacht und er ist pünktlich. Als wir 40 Minuten später fertig sind, bedanke ich mich und meine es ehrlich. Nicht, weil ich plötzlich religiös geworden wäre. Gut, man mag Pater Holmer für einen Einzelgänger oder Sonderling halten, aber sein Engagement ist ehrlich, er steht für seine Sache.


 
 

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