Eine "Vor-Bundestagswahl-Party" in Second Life 
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Donnerstag, den 25. Juni 2009 um 07:26 Uhr
Politikland1Ähnlich wie RL-Unternehmen scheinen sich auch die meisten in SL engagierten Parteien und Politiker nach dem großen Hype um Second Life im Jahr 2007 wieder aus der bekannten virtuellen Welt zurückgezogen zu haben.
Nur in Wahlkampfzeiten schwappt manche Kampagne erfolgreich auch in das zweite Leben, wie z.B. zuletzt bei Barack Obama. Frank-Walter Steinmeiers Konterfei sieht man dagegen bisher nur einsam an der verwaisten SL-SPD-Zentrale hängen.

Das mag damit zusammenhängen, dass Steinmeier eben kein Obama ist, doch scheint der deutsche Politik-Bereich in SL auch insgesamt noch stärker einem Schrumpfungsprozess zu unterliegen als etwa der us-amerikanische. Ein bekannter SL-Event-Manager wollte sich diesem Trend nun entgegenstellen und hat mit einer "Vor-Bundestagswahl-Party" auf eine etwas unterhaltsamere Art auf die kommende Bundestagswahl aufmerksam gemacht.


Die Vor-Bundestagswahl-Party

Während man in Rom (gemeint ist vermutlich der Vatikan) einen Mann in Frauenkleidung an der Spitze habe, habe man hier in Deutschland mit Angela Merkel eben eine Frau in Männerklamotten als Kanzlerin, witzelt der DJ. Und überhaupt, er gebe die Hoffnung nicht auf, dass Frau Merkel eines Tages ihre Perücke abnehmen würde und Herpe Kerkeling käme zum Vorschein. Mit diesen und ähnlichen Kalauern beginnt die "erste Vor-Bundestagswahl-Party in Second Life".

"Sexy Tänzerinnen und Tänzer repräsentieren die Parteien und können vom Publikum 'gewählt' werden" heißt es in einer Pressemitteilung vom Veranstalter Kerntraining (Kerntraining Pressemitteilung, 17/06/09). Hinter Kerntraining steht Enrico A. Kern, der als "Brunello Burns" in Second Life Owner von "Event Island" auf der Odessa Prestigious Sim ist und hier eine breite Palette von Veranstaltungen anbietet.

In der Pressemitteilung wird eingeräumt, dass es sich um eine "nicht ganz ernst gemeinte und auch nicht repräsentative 'Wahlparty'" handelt. Gleichzeitig habe die Veranstaltung aber durchaus auch einen "tieferen Sinn", es gehe darum auf "unsere wichtigste Bürgerpflicht" hinzuweisen. Gemeint ist der Gang zur Wahlurne bei der kommenden Bundestagswahl im September.

BundespartyUnd so können die Partygäste nicht nur ihre Wunschpartei schon mal im zweiten Leben wählen, sondern im Vorfeld die "sexy Tänzerinnen und Tänzer" auch nach den Positionen der Parteien befragen, die sie jeweils an diesem Abend repräsentieren. Welcher Animateur für welche Partei zuständig ist, lässt sich an einem entsprechenden Titel-Tag erkennen. Doch die Konversation mit den Repräsentanten gestaltet sich etwas schwierig.

Die Repräsentantin der Linken bittet bei der Frage wie sich denn 10 Euro Mindestlohn finanzieren lassen sollen um Geduld, sie habe im Moment zu viele IMs. Eine knappe Stunde später steht ihre Antwort immer noch aus und so viele Gäste waren auf der Veranstaltung dann nun auch nicht.

Etwas agiler ist da schon ihre Kollegin die die Piratenpartei vertritt. Ob es für die Piraten nicht sehr riskant sei sich den ehemaligen SPD-Abgeordneten Jörg Tauss ins Boot zu holen (zum Hintergrund siehe VWI, 23/06/09)? Da sehe sie kein Problem, bewiesen sei ja noch nichts und Tauss wolle zudem auf eine erneute Kandidatur verzichten und die Piraten nur unterstützen; diese würden mit Tauss einen erfahrenen Politiker gewinnen.

Der Dialog verläuft etwas schleppend, was zum einen daran liegt, dass die Repräsentantin zusammen mit ihren Kollegen und Kolleginnen zwischenzeitlich immer wieder ihrem "Zweitjob" an diesem Abend nachgeht und im öffentlichen Chat die Partygäste mit Gestures animiert und mit allgemeineren Informationen versorgt ("Umwelteinstellungen auf Mitternacht, um die Show genießen zu können"). Zum anderen merkt man im Gespräch natürlich schnell, dass die Repräsentanten offensichtlich nicht wirklich Mitglied in der jeweiligen Partei sind und sich hier nun bemühen Positionen wiederzugeben, mit denen sie sich zuvor zumindest nicht detaillierter beschäftigt zu haben scheinen.


Erkenntnisse

Politikland SLDem an Informationen wirklich interessierten Besucher drängt sich daher die Frage auf, ob es nicht besser gewesen wäre, echte Repräsentanten für ein solches Event zu gewinnen, also echte Parteipolitiker die dann auch tatsächlich ihre eigenen Positionen vertreten. Brunello Burns zeigte sich dieser Idee aufgeschlossen und gab gegenüber VWI an, er habe auch bereits an alle Parteien eine Anfrage geschickt, geantwortet habe aber bisher nur ein Abgeordneter, und der habe betont, man würde sich für "schnelle Internetverbindungen und DSL-Anschlüsse überall" einsetzen. Zu SL habe er dagegen keinen Bezug genommen. Auch in Second Life würden sich Politiker rar machen, auf der "Politik Land" Sim würde seit 2007 nicht mehr allzu viel passieren. Tatsächlich gibt es dort einige Umbauten, aber offenbar keine Veranstaltungen oder andere Aktivitäten mehr.

Die Erkenntnis ist natürlich nicht neu, Burkhard Schröder stellte bereits im Oktober 2007 fest, dass die virtuellen Repräsentanzen der Parteien nach dem Ende des großen SL-Medien-Hypes weitgehend verwaist sind und den "architektonischen Chic von Eisenhüttenstadt" versprühen würden (Telepolis, 11/10/07). Optisch wurde die Sim inzwischen etwas überarbeitet, menschenleer ist sie nach wie vor.

Knapp ein Jahr später hält VWI-Autor Gaffer Strom fest: "Diverse Themenparks und Eventcenter zeigen Diashows, überall stehen TV-Screens zur freien Verfügung, an jeder Ecke haben die Parteien Ihre Infostände und Multimediashows aufgebaut. Aber es ist niemand da, der sie sich ansehen will, das ganze aufwendig und teure Angebot, das größtenteils im Sommer 2007 erstellt wurde, wird vom SL-Publikum offenbar nicht im mindesten angenommen" (VWI, 27/07/08). Es scheint sich also schon seit längerem nicht mehr allzu viel zu tun, was die Präsenz deutscher Parteien in Second Life angeht. Man stellt zwar Informationen auf einer Sim bereit, viel mehr passiert aber nicht.

Bezeichnend ist z.B., dass man auf dem Blog der SPDsl, der SPD-Gruppe in Second Life, zwar durchaus diverse aktuelle Informationen über RL-Aktivitäten der SPD erhält, aber nichts über ihr derzeitiges Engagement in der zweiten Welt (siehe spdsl.de). Hier scheint es schon länger keine Veranstaltungen oder Aktionen mehr zu geben, die letzte unter "Media" angeführte Diskussionsrunde in SL fand demnach im Juni 2007 statt. Auch auf der Website von politik.de zu deren "Politik Land"-Sim finden sich nur Beiträge, die aktuell sind aber keinen unmittelbaren SL-Bezug haben (d.h. nicht auf inworld-Aktivitäten verweisen) und solche die diesen Bezug herstellen, aber noch aus dem Jahr 2007 stammen (siehe politik.de).

Politikland SLDennoch gibt es vermutlich immer noch einige Politiker / Partei-Mitglieder die in SL aktiv sind und daher vielleicht auch bereit wären, im Vorfeld der Bundestagswahl an einer Diskussionsrunde teilzunehmen bzw. Fragen von SL-Residenten zu Programmen und Positionen zu beantworten. Als Veranstalter müsste man diese "sl-affinen" Partei-Angehörigen dann aber zunächst ausfindig machen und gezielt anschreiben (z.B. Benjamin Erik Burau (SPD), Michael Gläser (Die Linke), Anna Lührmann (Bündnis90/Die Grünen), etc.).
Die Frage wäre dann, wer von jenen in Second Life überhaupt noch aktiv ist und Zeit für ein solches Event hätte, selbst mit nur zwei Vertretern ließe sich aber schon eine Diskussionsrunde durchführen. Wie viele Residenten zu so einer Diskussionsrunde kommen würden, wäre dann natürlich die nächste Frage. Wenn das Event richtig und intensiv beworben würde, kämen aber sicherlich schon einige Interessierte zusammen.


Resümee

Nach dem Ende des großen Presse-Hypes um Second Life ziehen sich neben RL-Unternehmen auch Politiker und Parteien sukzessive aus der bekannten virtuellen Welt zurück und kommen, wenn überhaupt, über das Plakatieren von Kandidaten-Konterfeis während einer Wahlkampagne meist nicht hinaus. Es gibt natürlich weiterhin SL-Repräsentanzen, doch diese wirken verwaist. Und es gibt natürlich auch SL-Residenten die in ihrem Real Life parteipolitisch aktiv sind, sie scheinen diesen Aktivismus aber nicht in einem nennenswerten Umfang nach Second Life zu tragen.

Dass es z.B. einen SL-Wahlkampf für Frank-Walter Steinmeier geben wird, ähnlich intensiv wie im letzten Jahr für Barack Obama, scheint doch sehr unwahrscheinlich (was natürlich auch aber eben nicht nur etwas damit zu tun hat, dass Steinmeier kein Obama ist). In dem Maße wie Second Life kein "Mainstream"-Thema mehr war, sank hierzulande auch das Interesse von Politikern, in der virtuellen Welt präsent zu sein.

Nicht wenige SL-Residenten begrüßen diese Entwicklung sogar, da sie mit "Politik" primär negative Assoziationen haben. Gerade im Vorfeld einer Bundestagswahl macht es aber vielleicht dennoch Sinn, sich über die Positionen der verschiedenen Parteien zu informieren. Und tatsächlich kann man in SL vielleicht einige Bürger erreichen, die man sonst nicht erreichen würde.

Das hier dokumentierte Konzept von "Event Island" ist insofern interessant, als dass es berücksichtigt, dass die meisten Residenten in SL sind, um Spaß zu haben. Die Idee ein entsprechendes Politik-Event etwas aufzulockern und vielleicht nicht ganz so bierernst zu strukturieren, ist daher sicherlich nicht so grundverkehrt. Natürlich profitiert der Event-Manager davon auch persönlich, wenn er sich so als Veranstalter ins Gespräch bringt. Nur das ist sicherlich vertretbar, wenn es ihm zeitgleich gelingt zumindest einige SL-Residenten für die Bundestagswahl zu sensibilisieren und allgemein Aufmerksamkeit für das Thema Wahlteilnahme als eine Grundform demokratischer Partizipation zu erzeugen.

Bei aller Notwendigkeit, dem Spaßfaktor genügend Raum zu geben, wäre es aber natürlich gut, wenn die so genannten "Repräsentanten" dann auch wirklich sehr profunde Kenntnisse über die jeweilige Partei haben, um dann ggf. auch ernstere Fragen von interessierten Event-Besuchern adäquat beantworten zu können. Noch besser wäre es natürlich, wenn die Repräsentanten tatsächlich Mitglieder der Parteien sind, für deren Positionen sie Rede und Antwort stehen sollen.

Dies setzt indes natürlich voraus, dass es noch genügend Partei-Mitarbeiter gibt, die auch nach dem Ende des großen Hypes von 2007 in SL parteipolitisch engagiert sind und sich für eine entsprechende Frage-und-Antwort-Runde zur Verfügung stellen würden. SL-Event-Manager, die eine solche Veranstaltung ausrichten möchten, würden sicherlich noch einige Engagierte finden, müssten diese dann aber direkt ansprechen, da man in den meisten offiziellen RL-Partei-Pressestellen mit dem Schlagwort "Second Life" vermutlich im Moment nicht mehr so viel anfangen kann.

Weiterführende Links:

Website von Kerntraining, dem Betreiber von "Event Island"
Website zu "Politik Land" beim Betreiber politik.de
Webseite der SPD-SL Gruppe

SLurl zum "Politik Land"
SLurl zur Repräsentanz von "Event Island"

 

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