Ein Ethnologe in Second Life - Auf der Suche nach der Online-Identität 
Bildung
Sonntag, den 27. März 2011 um 10:58 Uhr

Björn TheisWo immer Menschen zusammen kommen, kommunizieren sie und tauschen sich aus. Die virtuelle Welt Second Life bietet dabei seit einigen Jahren ganz neue Möglichkeiten, Menschen aus anderen Kulturen zu treffen.

Diese neuen Möglichkeiten untersucht der Ethnologe Björn Theis in seinem Dissertationsprojekt "Zur Konstruktion von Identität in digitalen Räumen: Eine interkulturelle Vergleichsstudie". Vor kurzem machte er auf sich und sein Projekt aufmerksam, indem er in mehreren deutschsprachigen Online-Communities zur Teilnahme an einer Online-Umfrage aufrief, die er für seine Forschungsarbeit entwickelt hat.

Mit VWI sprach Björn Theis über Ethnologie, Cyberanthropologie und die Ziele seiner Forschung.

 

VWI: Was genau versteht man unter Ethnologie?

Theis: Ethnologie ist die Wissenschaft, die sich mit Alltagskultur von Gemeinschaften auseinandersetzt. Nach der Definition der UNESCO kann Kultur im weitesten Sinne als die Gesamtheit der einzigartigen geistigen, materiellen, intellektuellen und emotionalen Aspekte angesehen werden, die eine Gesellschaft oder eine soziale Gruppe kennzeichnen. Dies schließt nicht nur Kunst und Literatur ein, sondern auch Lebensformen, die Grundrechte des Menschen, Wertesysteme, Traditionen und Glaubensrichtungen – all das sind Untersuchungsfelder der Ethnologie.

VWI: Was macht ein Ethnologe in SL?

Theis: SL ist für mich als Ethnologe interessant, da es sich um ein neues Artefakt, also eine Art menschgemachten Gegenstand handelt, der neue kommunikative Möglichkeiten eröffnet. Und diese neuen digitalen Angebote werden als Strategie zur Produktion von Lokalität, Kultur und Identität genutzt – alles Dinge, die für die Cyberanthropologie interessant sind.

VWI: Cyberanthropologie?

Theis: Oh, Entschuldigung. Cyberanthropologie ist der Teilbereich der Ethnologie, der sich mit der kulturellen Einbettung der Informations- und Kommunikationstechnologie und ihrer soziosymbolischen Konstruktionen innerhalb menschlicher Gesellschaften befasst. Im Fokus dieses Forschungszweiges stehen die kulturellen Ausprägungen der sozialen Kommunikations- und Interaktionsräume im Internet mit den jeweiligen soziokulturellen Kontexten.

VWI: Gibt es also eine Art "digitale" Kultur?

Theis: Man könnte sagen, dass die gerade genannte Definition auch alles Digitale umfasst. Möchte man aber die digitale Kultur definieren, kann man unter dem Begriff die Gesamtheit der computergestützten einzigartigen geistigen, materiellen, intellektuellen und emotionalen Aspekte ansehen, die eine Gesellschaft oder eine soziale Gruppe kennzeichnen. Dies schließt dann sowohl den Quellcode der Artefakte als auch die Interaktion in computervermittelten sozialen Kommunikationsräumen ein.

VWI: Bei all den digitalen Angeboten wie Facebook und Co. - warum ist Second Life als Untersuchungsfeld für Dich besonders interessant?

Theis: Weil mit SL ein grafischer, dreidimensionaler Kulturraum geschaffen worden ist. Hier können Menschen aus aller Welt zusammen kommen, miteinander kommunizieren, interagieren und kreieren. Gerade weil in Second Life neue Güter wie Kleidung, Skins und so weiter von den Nutzern entworfen werden können, entsteht ein transnationaler Platz des Kulturaustausches. Und mich interessiert, welchen Einfluss dies auf die kulturelle Identität der Nutzer hat. Bringen die SL-Nutzer ihre Real Life-Kultur mit nach Second Life? Und wenn ja, was und zu welchem Teil und was bringen sie mit, um ihre RL-Kultur zu repräsentieren?

VWI: Was ist die Fragestellung Deiner Forschung?

Theis: Ich habe einen ganzen Fragenkatalog: Wie wird Identität online konstruiert und kommuniziert? Über welche Potenziale zur Aufrechterhaltung und Bildung von sozialer Identität verfügen SL-Communities? Worin bestehen spezifische Freiheitsgrade, Qualitäten, Potenziale und Grenzen der Online-Kommunikation von Identität? Worin besteht das Interesse von Gruppen, Identität online zu kommunizieren? Inwieweit sind die Ziele solcher Repräsentationen bei verschiedenen ethnischen Gruppen identisch? Und wie werden die Freiheitsräume von Second Life für soziale Kategorisierung und Differenzierung genutzt?

Arthus TomorrowVWI: Was war zuerst da: dein SL-Account "Arthus Tomorrow" oder die Idee, über ein SL-Thema eine Doktorarbeit zu schreiben?

Theis: Es ging fast zeitgleich. Während meiner Studienzeit hörte ich von Second Llife und es begann mich direkt aus einer ethnologischen Perspektive für den "Cyberspace" zu interessieren. Zeitgleich machte ich mir meinen SL-Account.

VWI: Wie hat Dein Doktorvater auf das Thema Deiner Doktorarbeit reagiert? Fand er das Thema nicht etwas zu exotisch?

Theis: Nein, da hatte ich sehr viel Glück. Es stimmt schon, dass zumindest in Deutschland für viele Ethnologen das Thema Internet und Cyberanthropology noch ein Buch mit sieben Siegeln ist. Die Forschungslandschaft ist hierzulande ziemlich konservativ. Aber mein Doktorvater Alexander Knorr nimmt hier eine Vorreiterrolle ein und gehört zu den wenigen Experten auf dem Gebiet in Deutschland. Und er war natürlich meinem Forschungsthema gegenüber sehr aufgeschlossen.

VWI: Wie können die Bewohner von SL Dich bei Deiner Forschung unterstützen?

Theis: Vor etwa drei Wochen habe ich einen Fragebogen online gestellt und brauche natürlich dringend die Hilfe der deutschen SL-User, damit meine Forschung vernünftige Ergebnisse liefert. Bis jetzt haben rund 100 Leute den Fragebogen beantwortet. Für meine Dissertation wären 200 und mehr schon super. Daher bin ich wirklich jedem total dankbar, der sich die Zeit nimmt, meinen Fragebogen zu beantworten. Sobald meine Ergebnisse vorliegen werde ich sie natürlich gerne hier vorstellen. Wer noch mehr über meine Forschung erfahren will, kann auch meine Website "Digital Cultures" besuchen, wo ich über den Zwischenstand berichten werde.

Weiterführende Links:

Zur Online-Umfrage
Website Digital Cultures

 

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