Rezension | Tagungsband Virtuelle Welten 
Bildung
Samstag, den 16. Mai 2009 um 07:11 Uhr
BuchcoverJörg Eberspächer/Udo Hertz (Hrsg.): Virtuelle Welten im Internet.

Der vorliegende Tagungsband veröffentlicht einzelne Beiträge einer Fachtagung des Münchner Kreises, zur Entwicklung und Deutung der Zukunftsperspektiven virtueller Welten. Die Konferenz fand im November 2007 statt, an der TU München und gleichzeitig in Second Life.

Die einzelnen veröffentlichten Beiträge diskutieren unterschiedlichste Themenbereiche der virtuellen Welten, am Beispiel von Second Life, dem bislang bekanntesten und meist verbreiteten Metaversum, dabei werden wirtschaftswissenschaftliche und gesellschaftliche Themen von unterschiedlichen Sichtweisen betrachtet.


Im Einzelnen werden Chancen, bisherige Erfahrungen und Bedürfnisse bzw. Wünsche an die virtuellen Kommunikationsplattformen ausgebreitet und reflektiert: Insbesondere Themen, die sich mit der Bedeutung virtueller Plattformen für die reale Wirtschaft, im Sinne von Repräsentanten bereits bestehender Unternehmen in Second Life beschäftigen sowie Möglichkeiten der Weiterbildung oder persönlichen Entfaltung (z.B. durch Kunst), gesellschaftliche Themen wie Verhalten, Missbrauch und Betrug, werden behandelt.
Einleitend wird aus der Perspektive der selbst erlebten technologischen Entwicklung, die letztendlich virtuelle Welten wie Second Life möglich machten, ihre  Geschichte nach gezeichnet. Dabei werden in diesem Beitrag auch Perspektiven eröffnet, die auf dem Stand 2007 noch im Zustand der Erwartungshaltung oder Wunschdenkens verhaftet war, die teilweise heute, Mitte 2009, bereits in der Reifung oder gar Umsetzung befindlich sind: Das Wechseln von Grid zu Grid, mit einem von Second Life unabhängigen und mit anderen virtuellen Welten kompatiblen Avatar ist nur eines der Beispiele, die zeigen, wie rasant die Entwicklung dieses Mediums ist, so sehr, dass die Umsetzung einer solchen Tagung in ein Printmedium nicht mehr Schritt halten kann.

Tragweite der Publikation
Besonders deutlich  wird der Unterschied der unaufhaltsamen, verselbständigten Entwicklung im Gegensatz zur Geschwindigkeit einer Publikation in den Beiträgen zur Bedeutung der Wirtschaft: Auf Beispiele von Repräsentanzen zahlreicher Firmen der Computer- und Automobilindustrie, die zum damaligen Zeitpunkt in Second Life vertreten waren, wird verwiesen und z.T. ihre Form der Selbstdarstellung in Second Life diskutiert, freilich vor dem Hintergrund der Ansprüche, die der Verfasser des entsprechenden Beitrags selbst an dieses Medium hat. Von den genannten Firmen oder Marken haben sich seitdem viele schon aus Second Life zurück gezogen bzw. haben eigene virtuelle Welten entwickelt.
Auch das Thema der Bildungsmöglichkeiten und Kreativität in Second Life wird angerissen, erfährt aber in diesen Beiträgen noch keine derartige Tiefe, die heute wohl besser möglich wäre. Über die zahlreichen Universitäten, gerade auch aus dem deutschsprachigen Raum (z.B. Hamburg, Bielefeld) oder sonstiger Bildungsträger wie das Goethe-Institut, ist in der Presse seitdem allgemein häufiger berichtet worden und es liegen dafür im Vergleich zu den Erfahrungen der Firmen in SL durchaus praktikablere Lösungen und Weiterentwicklungen vor, die Second Life oder vergleichbare virtuelle Welten als Bildungsplattform interessant machen und das Potenzial besitzen, in Zukunft an Bedeutung zu gewinnen.

Dimension der Instanzen
Ein wichtiger Teil des Buches widmet sich dem Bereich der Sicherheit und Vertrauenswürdigkeit der virtuellen Welten bzw. Personen, was sich tiefgreifend auf das Geschäftsleben in virtuellen Welten auswirkt: Von Missbrauch und allgemeiner Kriminalität abgesehen, stellen sich unter anderem Fragen nach Urheberrechten, Persönlichkeitsrechten, Datenschutz und der Vertrauenswürdigkeit wirtschaftlicher Transaktionen. Kontrollen über die Accounts der User sind bislang ebenso wenig gesichert wie die Frage nach allgemein gültiger, weltweit praktikabler Gesetzgebung und -durchsetzung, die aufgrund der neuen Dimension weltweiter Interaktionsmöglichkeiten nach einer neuen Dimension der Globalisierung auch vor dem Hintergrund rechtlicher Fragen ruft.
Auch nach der Zeit, die inzwischen verstrichen ist, haben sich zu diesem Problem keine neuen Lösungen ergeben, ganz im Gegenteil, diese Lücken haben sich noch verschärft vor dem Hintergrund der Benutzung mehrerer virtueller Plattformen mit demselben Avatar bzw. seinem unter Umständen übertragbaren Inventar (das man separat erwerben muss). Hier tritt offen zu Tage, inwieweit die Möglichkeiten der Anonymität und das Registrieren und Verwenden mehrerer Avatare durch nur eine reale Person, die alltagstaugliche, allgemeine Anwendung virtueller Welten, sich gerade im Sektor Handel und Wirtschaft negativ oder entwicklungshemmend auswirken können. Der Reiz dieses Maskenballs und die Möglichkeiten des Identitätswechsels prallt auf reale Bedürfnisse der Zuverlässigkeit und Sicherheit: Dies könnte eine der Erklärungsmöglichkeiten sein, die die Skepsis gegenüber diesem Medium untermauern und möglicherweise auch die reale Wirtschaft im Sinne etablierter Firmen vor Standorten in Second Life zurück schrecken lässt oder zum Verlassen dieser Welt führt. Die Idee allerdings, virtuelle 3D-Räume als Kommunikationsplattform zu nutzen, haben sich manche Unternehmen nun schon zu Eigen gemacht.

Bedeutung des Tagungsbandes heute
Die Tagung im November 2007 fand zu einer Zeit statt, als Second Life noch stetig anwuchs und in den Medien stark reflektiert wurde, der Zeit des "Hype". Die Besucherzahlen liegen seit geraumer Zeit konstant zwischen 70-90.000 Usern täglich, die mit ihren virtuellen Stellvertretern online sind und zum Teil beträchtliche Anteile ihrer Freizeit dort verbringen: Die Größenordnung einer mittelgroßen Stadt, mit Bewohnern aus aller Welt, die über eine schnelle Leitung verfügen und einen leistungsstarken Rechner, es sind überwiegend über 40-Jährige. Durchaus ein für Bildung, Kultur und Wirtschaft interessantes Publikum, das selbst teilweise die technischen Entwicklungen mit erlebt hat, zu schätzen weiß und auch mit den Weiterentwicklungen Schritt halten wird. Gute Voraussetzungen also für die Massentauglichkeit des neuen Mediums virtueller Kommunikationsplattformen generell.

Das Fazit
Dieses Buch wird trotz der einzelnen Schwächen wie die partiell nicht mehr ausreichende Aktualität, was sich inhaltlich sowie formal feststellen läßt, eine wichtige Lektüre sein. Die Visionen sind teilweise bereits umgesetzt, Perspektiven haben sich verschoben. Die Grafik hat sich stark verbessert im Gegensatz zu den verwendeten Abbildungen, die Aufnahmen aus Second Life und Avataren zeigen. Die zudem in großen Teilen mangelhafte redaktionelle Bearbeitung der Beiträge darf von ihrem wertvollen Inhalt nicht ablenken. Es ist ein grundsätzlicher Ausgangspunkt zur Auseinandersetzung mit virtuellen Welten: Für den "Noch-Nicht-User" zeichnet es ein Bild von der virtuellen Welt Second Life und mag dazu ermutigen, sich die beschriebene Welt doch einmal selbst anzusehen. Als User mit Second Life Erfahrung ist es eine Zusammenschau diverser Fragestellungen, die sich  im Laufe des eigenen Avatarlebens bereits gestellt haben können oder sich erst aufgrund der Lektüre ergeben: Eine Rückschau zum Teil miterlebter Entwicklung dieser Plattform und Reflexion des Standes der Entwicklung einzelner Aspekte von Second Life bis zum jetzigen Zeitpunkt hin.

Für beide Leserkreise in der Zusammenschau ein empfehlenswertes und anregendes Fundament zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Thema Virtueller Welten bzw. Second Life, deren Chancen, Nutzen und auch ihrer Schwächen.

Links:
Das Buch beim Hüthig Verlag, Münchener Kreis
Virtuelle Welten im Internet @ Amazon

 

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