Die Mikrowelt - Eine virtuelle Welt der anderen Art 
Welten im Portrait
Freitag, den 29. August 2008 um 21:00 Uhr

08-0829_iranonudefaf8Second Life ist bekanntermahe sogar völlig von Second Life und Co. unterscheiden. Eine ganz besondere virtuelle Welt ist die Mikrowelt, eine virtuelle Gemeinschaft, die wie Second Life das Ziel verfolgt, Menschen zusammen zu bringen.

Die Mikrowelt ist von allen virtuellen Welten wohl die Älteste. Dies hängt vor allem damit zusammen, dass die Mikrowelt nicht auf einem komplizierten Computerprogramm, sondern auf Internetforen basiert, die mit Blogs und Webseiten bereichert werden.

Diese geringen technischen Anforderungen haben es ermöglicht, dass die ersten Gemeinschaften der Mikrowelt schon ab 1995 entstanden, wovon manche bis heute überlebt haben. Das Prinzip der Mikrowelt ist sehr einfach: Auf Internetforen werden von einem oder mehreren Spielern gegründete virtuelle Staaten simuliert, die prinzipiell auf Politik, Wirtschaft und Religion basieren. Jeder Spieler erstellt seinen Avatar, der in diesem virtuellen Staat lebt, arbeitet und interagiert. Jeder virtuelle Staat, eine sogenannte Mikronation, hat seine Mitglieder und repräsentiert so eine ziemlich autonome Gemeinschaft, welche mit anderen Mikronationen interagiert und mit ihnen die Mikrowelt bildet. Oft treffen sich die Mikronationen in speziellen Internetforen, die eine Art virtueller Vereinigter Nationen darstellen, wo Diplomatie und Krieg an der Tagungsordnung sind. Beispiele solcher Orte wären der Markplatz der Mikronationen und der Archipel du Micromonde.

Die Staaten der Mikrowelt sind in sich viel geschlossener als die Regionen von Second Life, was bis jetzt eine einheitliche Führung verhinderte. Ebenfalls fehlt es an einem Urvater oder Gründer wie in Second Life, weil die Mikrowelt von Geburt an eine föderalitische Institution ist, die von sehr vielen Spielern mitgegründet wurde. Die Mikrowelt ist also keine einheitliche anarchistische* Welt wie Second Life, sondern eine Ansammlung von kleinen Gemeinschaften mit jeweils eigener Regierung und anderen wichtigen Institutionen wie Wirtschaft und Religion, die sich alle als Mitglieder einer einzige virtuelle Welt ansehen. Es ist interessant zu wissen, dass die Regionen der Mikrowelt nicht von Anfang an festgelegt wurden wie in Second Life, sondern von Spieler gegründet werden und verschwinden, wenn die Aktivität im virtuellen Staat für mehr als drei Monate auf dem Nullpunkt ist. Deshalb schwankt die tatsächliche Größe der Mikrowelt sehr, was bei virtuellen Welten wie Second Life nicht der Fall ist.

Eine Mikronation alias Region kann jederzeit von jedermann und jederfrau gegründet werden, es genügt, ein Internetforum zu erstellen, wo die zukünftigen Mitglieder spielen werden. Eine Mikronation muss mindestens auch einen Namen haben wie zum Beispiel Republik von Bergen, eine eigene Flagge und auch eine Backgroundstory, also einen geschichtlichen und politischen Hintergrund. Der Background ist völlig frei, man kann vom kommunistischen Staat bis zur Flower-Power-Nation alles gründen, was einem durch den Kopf geht. Diese Freiheit macht, dass die Mikrowelt sehr vielfältig ist und die Regionen nicht wie in Second Life nur in der Geographie variieren. So ist die Bundesrepublik Bergen zum Beispiel eine Simulation der Bundesrepublik Deutschland, das Kaiserreich Dreibürgen eine Simulation des Zweiten Reiches, l’Empire du Belondor stellt das Erste Französische Kaiserreich dar, l’Empire d’Avaricum das Frankreich und Spanien unter Louis XIV, die Republique de Dawa simuliert eine karibische Flower-Power-Republik im Stil eines demokratischen Kubas und das Empire of Alexandria versteht sich als eine Simulation des Zweiten Französischen Kaiserreichs mit einer Prise British Empire.

Die Mikrowelt ähnelt viel mehr der realen Welt, als es Second Life tut, denn sie besteht wie die echte Welt aus vielen Staaten und wird vor allem von realexistierenden Nationen inspiriert. In der Mikrowelt liegt der Schwerpunkt auch vor allem auf dem Rollenspiel und weniger auf gemeinsamem Chatten, wobei man sich bei fast fünfhundert Jahren der Menschheitsgeschichte bedient. Die Spieler in den Foren der verschiedenen Mikronationen lassen ihre Avatare reden und handeln, indem sie alles schriftlich beschreiben (In der Mikrowelt nennt man dies Roleplay was einigen Anspruch stellt. Dieser Anspruch ist zugleich die Stärke und Schwäche der Mikrowelt, denn sie zählt nicht einmal tausend Mitglieder, was eine vergleichsweise geringe Zahl ist. Wohl auch aufgrund der geringen Mitgliederzahl ist die Mikrowelt eine ziemlich instabile Welt, in der viele virtuelle Staaten ebenso schnell wieder verschwinden, wie sie erschaffen werden. Es gibt nur eine Hand voll von Mikronationen, die  älter als fünf Jahre sind.

Die Mikrowelt hat jedoch einiges gemeinsam mit anderen populären virtuellen Welten wie Second Life. Neben dem Vorhandensein von Avataren ist es vor allem die internationale Gemeinschaft, die sich aus Mitgliedern französisch, deutsch, englisch und portugiesisch sprechender Länder zusammensetzt. Hinzu kommt, dass auch die Mikrowelt die Menschen kostenlos und ohne aufgedrückte Einschränkungen zusammenbringen will.

Es gibt also sehr verschiedene Weisen, eine virtuelle Welt zu erschaffen. Wer offen ist für Neues und alternative Wege, der kann in einer Umgebung wie der Mikrowelt bestimmt ganz neue Impulse für sich entdecken.

 

*Das Wort Anarchie hat hier nicht die Bedeutung von Unordnung und Gesetzlosigkeit, sondern seine ursprüngliche Auslegung unter Proudhon, die eine Gemeinschaft ohne Staat und Polizei meint.
 

 

 

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