Bei Hallenser Zukunftskongress werden "Lebenswelten 2018" diskutiert: Peter und Max im Jahr 2020 
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Donnerstag, den 19. Juni 2008 um 11:51 Uhr
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Bei Hallenser Zukunftskongress werden "Lebenswelten 2018" diskutiert: Peter und Max im Jahr 2020
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08-0619_lebenswelten2018
Der siebte Zukunftskongress, veranstaltet von "Forward2Business" in Halle, geht heute zu Ende.
Ein Thema der zweitägigen Konferenz, die sich um die Zukunft der Medien- und Technologielandschaft auf der Welt gedreht hat, waren "Lebenswelten 2018".
 
Wie der Alltag in über zehn Jahren aussehen könnte, skizziert Geschäftsführer Sven Gábor Jánszky am Beispiel von Marathon-Fan Peter Seedorf in einer Geschichte, die ihr hier nun findet. Viel Spass damit.
  
 
 
Der Morgen des 21. Mai 2020 wird kein besonderer sein. Von der Sonne ist noch nichts zu sehen, als Peter Seedorf ins Bad schlurft. Ein kurzer Blick in den Spiegel sagt ihm, dass kurz nach 6 Uhr ist. Er beginnt die allmorgendliche Prozedur eher gelangweilt als voller Elan.
Sein Tagesprogramm ist mörderisch voll, manchmal hat er sich in den letzten Tagen schon gefragt, wie lange er sich diesen Stress eigentlich noch antun soll. Während Peter den Rasierer ansetzt, schaltet er den Badspiegel an. Sofort erscheinen die üblichen Programme: Die wichtigen Börsenkurse, das Wetter in Berlin.
 
Doch anstelle des normalen Nachrichtenzusammenschnitts im Hauptfenster, hat ihm jemand die Übertragung des Tokio Marathons in seinen Spiegel gebracht. Peter ist Marathon-Fan. Präsentiert von GilletteTV. Woher weiß sein Spiegel …?„Manchmal übertrifft Rob sich selbst“, denkt Peter dankbar über die Aufmunterung. Noch vor einem halben Jahr hätte er missmutig und allein mit sich selbst vor dem Spiegel gestanden. Doch bei seinem Umzug hat er festgestellt, dass Wohnungen in seiner Preisklasse inzwischen nur noch mit den „Smart Mirrors“ angeboten werden. Genau wie in Schrankwänden, Betten und Kühlschränken sind auch in Badspiegeln verschiedenen Monitore integriert, die über WLAN vom Zentralcomputer der Wohnung mit Inhalten versorgt werden.
„Morgen Peter!“, klingt es aus dem Spiegel. Er schaut auf und sieht Klaus seinen Trainingspartner im Monitor oben rechts im Spiegel auftauchen. „Rob hat mir gerade gesagt, dass Du auch den Tokio Marathon schaust. Was meinst Du, wird der Kenianer die anderen beiden noch abschütteln?“
Peter und Klaus plaudern kurz über den Lauf und verabreden sich für ihre nächste Trainingseinheit am Abend. Nun aber schnell!
 
Schon am Morgen in Zeitverzug zu kommen, kann sich Peter heute definitiv nicht leisten. Doch bevor er den Spiegel ausschalten kann, ploppt direkt über der Marathon-Übertragung ein rot blinkendes Fenster auf: „BetKing“ bietet Peter eine Wette an: „Liegen die 3 Führenden bei Kilometer 35 immer noch gemeinsam in Front?“ Peter zögert nicht lang: NEIN! Wählt er und einen Einsatz von 10 Euro. Bei „BetKing“ hat er vor einer Woche schon einmal fast 50 Euro gewonnen und im Spiegel versucht der Kenianer gerade eine Tempoverschärfung. „Jetzt aber schnell!“, denkt Peter als er seine Jacke überwirft, die Sonnenbrille schnappt und die Tür hinter sich zuzieht.
20 Minuten sind es ins Büro, zuerst muss er durch den kleinen Park vor dem Haus, dann nimmt er noch für 2 Stationen den Bus. Peter schaltet die Brille an, sagt zu Rob er möchte die Marathonübertragung weitersehen und geht los. Zum Glück hat er sich zu Weihnachten diese neue Brille schenken lassen, durch die man durch sehen aber gleichzeitig auch Programme sehen kann. Diese Attacke des Kenianers wollte er ja nun wirklich nicht verpassen. In der Firma angekommen, ist Peter schon ein bisschen spät. Nichts dramatisches, aber die Morgensitzung hat schon begonnen. Zuerst weiß er nicht, was es genau ist, was ihn irritiert. Mit Blicken streift er durch den Konferenzraum, bis es ihm auffällt. Der große Flatscreen fehlt an der Wand! Ob die den bei der Renovierung letzte Woche vergessen haben? Zu seiner Überraschung folgt die Antwort auf dem Fuße. Gerade kündigt sein Chef das morgendliche Summary der wichtigsten Branchennews an. Zudem habe Rob eine Zukunftsrede des CEOs des größten Konkurrenten versprochen. Auf Knopfdruck leuchtet die Tapete auf und der Zusammenschnitt erscheint. Da wird Peter einiges klar.
 
Er hatte sich schon gewundert, warum bei der Konferenzraumrenovierung neu tapeziert werden sollte. Die alte Tapete sah eigentlich noch gut aus. Aber schon seit ein paar Monaten gibt es diese neuartige Lichttapete, die aus Textilfasern besteht. Diese Textilien kann man zum Leuchten bringen, wenn man sie elektronisch angesteuert. Damit werden nicht nur Helligkeit und Raumatmosphäre gesteuert. Sondern auch der TV-Screen ist in der Tapete integriert. Die Spannung im Konferenzraum wächst mit jeder Minute von Robs Summary. Alles wartet auf die Zukunftsrede des Konkurrenten. Das könnte eine kleine Sensation werden, spürt jeder. Doch vor die Konkurrenzvisionen hat Rob die Daten und Fakten gesetzt.Das ist seine Schwäche: Die Zwischentöne wenn etwas „in der Luft liegt“ kann er noch nicht richtig deuten.
Rob ist eigentlich nichts weiter als eine Software. Vor ein paar Jahren haben sich die Fernsehsender und die Betreiber der Electronic Program Guides (EPG) mit den Internet-Technologen der Behavioral-Targeting-Anbieter zusammengesetzt und Rob entwickelt. Als „halbintelligenter Office Assistent“ wurde er anfangs vorgestellt. Doch ganz schnell stellte sich heraus, dass fast jeder Mensch solch einen elektronischen Assistenten für sich haben wollte. Was Rob macht ist eigentlich ganz einfach: Er beobachtet und analysiert über Wochen und Monate hinweg die Gewohnheiten seines Besitzers: Welche Websites schaut er an, welche Inhalte, welche Bilder interessieren ihn, welche Fernsehsendungen sieht er, welche Schauspieler, welche Themen zappt er weg, bei welchen bleibt er dran. Nach einer kurzen Zeit kennt er die Bedürfnisse seines Besitzers und stellt ihm aus den Millionen Text, Audio und Video-Angeboten im Internet sein persönliches Fernsehprogramm zusammen, sowohl zuhause in Wohnzimmer, Bad und Küche, unterwegs in Auto und Sonnenbrille und auch hier im Konferenzraum. Und seit der neusten Update-Version kann Rob sogar Überraschungen: Er analysiert in welcher Regelmäßigkeit sein Besitzer Überraschungen und Abweichungen von seinem eigentlichen Profil liebt und gibt sie ihm.
 
Für Peter ist an dieser Stelle Schluss mit der Konferenz. Er muss für ein wichtiges Telefonat in sein Büro. Ob die Zukunftsvision wirklich so sensationell war, wird er spätestens beim Mittagessen in der Kantine erfahren. Hier an Peters Schreibtisch hat Rob sogar eine Gestalt. Als Avatar, als kleines Männchen wie aus einem Zeichentrickfilm erscheint er auf Peters Computer. Das hat Sohn Max so eingerichtet. Als Max noch kleiner war und keinen eigenen Rob hatte, hat er ab und zu den Assistenten seines Vaters benutzt. Und Max hat ihm irgendwann auch diese Gestalt verpasst. Die hat Rob aber nur, wenn er auf großen Displays erscheint, auf dem Computer oder auf dem Wohnzimmer-Screen. Wenn er dagegen im Badezimmerspiegel, im Kühlschrank, der Sonnenbrille, der Armbanduhr oder in der Aktentasche sitzt, dann hält Rob sich im Hintergrund und hat keine eigene Gestalt. Hier im Büro jedenfalls nutzt Peter ihn vor allem als Entertainment-Assistent. Er holt den Musikteppich fürs Büro täglich neu aus dem Internet. Wenn er ihn gar zu verbissen sieht, fragt Rob, ob er ihn mit einer der weltbesten Comedies oder witzigsten YouTube-Filme aufheitern kann. Und er sagt auch Bescheid, wenn bei der Liveübertragung des Marathons entscheidendes passiert.
 

 
Aber auch ernsthafte Aufgaben kann Rob im Büro erledigen. Wenn Peter ihm sagt, „Bitte besorge mir die Telefonnummer von Jürgen Klinsmann!“ … dann tut Rob das. Entweder aus einer Datenbank oder aus dem Internet. Das ging früher ohne einen elektronischen Assistenten natürlich auch. Aber das neue ist, dass Rob - wenn er die Klinsmann-Nummer weder in der Datenbank noch im Internet findet - noch einen zusätzlichen Weg geht: Er fragt andere Robs von anderen Personen, ob sie diese Telefonnummer haben und ihm geben oder verkaufen wollen. Dies hat die Suche per Internet in den vergangenen Jahren qualitativ sehr viel besser gemacht. Plötzlich sitzt Peter nicht mehr vor huntertausenden Google-Treffern wenn er etwas sucht, sondern bekommt einige wenige richtige Informationen. Kurz vor dem Mittagessen mit Kollegen mit Kollegen holt Peter sich kurz die aktuelle Tagesschau aufs Handy. Sein Handy hat inzwischen genau wie seine TV-Fernbedienung keine Sendertasten mehr. Die machen keinen Sinn mehr, hat man vor ein paar Jahren festgestellt.
Seitdem gibt es Themen- und Sendungstasten: Bei Peter sind das eine Borussia Dortmund Taste, eine Tagesschau-Taste und eine Harald Schmidt Taste. Seit letzter Woche nimmt Peter seinen Rob jeden Tag mit zum Mittag. In dieser Zeit sitzt Rob entweder im Handy oder in der Armbanduhr. Vielleicht hat Rob ja wiedermal einen genialen Tag, so wie letzten Dienstag. Da hatte ihn Peter eigentlich nur aus Versehen mit seinem Handy mit zum Mittag genommen. Doch als die Kollegen gerade beim Dessert waren, meldete sich Rob ungefragt mit einem YouTube Video über aktuellen „Flasche-leer“-Ausraster des neuen Bayern Trainers Trappatoni. Die Kollegen lagen auf dem Tisch vor Lachen. Da war Peter der Star der Mittagspause. Vielleicht klappt es ja mal wieder?!
 
Nach der Mittagspause ist bei Peter traditionell Meetingzeit. Die Arbeitstreffen mit seinen Kollegen aus Seattle und Shanghai finden schon lange in einer virtuellen Welt statt. Kurz nach dem Second Life Hype vor mehr als 10 Jahren hatten zuerst die großen Industrieunternehmen erkannt, dass sie Millioneneinsparungen realisieren können, wenn sie die Kommunikations-, Konzeptions-, Entwicklungs- und Produkttestprozesse in virtuelle Welten verlagern. Plötzlich war die Zeit des Meetingtourismus vorbei, es mussten keine teuren Protoypen mehr hergestellt und kurz darauf geschrottet werden. Die gleichen verlässlichen Ergebnisse liefern in digitalen Fabriken von heute die Produktentwicklungen von virtuellen Modellen.
Für Peter sind diese virtuellen Meetings sehr angenehm. Erstens kann er mit seinen Kollegen nicht nur reden sondern auch tatsächlich gemeinsam an 3D-Entwürfen und Texten arbeiten. Vor allem aber kommt ab und zu auch sein Sohn Max vorbei. Der sitzt zwar real in seiner Schule, aber er springt mit seinem Avatar gern mal zu Peter rüber, setzt sich in Peters virtuellem Meetingroom in eine Ecke und hört ein bisschen zu. Auf den Heimweg im Bus hat Peter sich schon den ganzen Tag über gefreut. Heute morgen hatte er gehört, dass in London gestern unglaubliches passiert ist.
 
Kennen Sie noch New Model Army? Eine aufsässige Gitarrenband der 80er Jahre! Vor 22 Jahren haben die das letzte Mal zusammen gespielt und gestern Abend soll es ein Revival in einem Londoner Club gegeben haben. Peter nimmt extra die längere Busroute und fährt einen Umweg. Denn er hat sich das gestrige Konzert auf den in seine Aktentasche integrierten Monitor geholt und schwelgt in Erinnerungen. Zuhause angekommen, ist der Kleine wiedermal nicht da. Tom, der jüngste Sohn, spielt neuerdings mit seinen Freunden ein neues Mobile Game, das die reale Welt und die virtuelle Welt integriert. Diese Spiele laufen nicht mehr nur auf dem Handy oder in der Sonnenbrille. Sondern das Spiel läuft parallel real in der realen Welt und virtuell auf Handy und Sonnenbrille. Das Spielfeld ist die normale Welt, also unsere Stadt. Für Peter war das kein großes Problem: So sitzen die Kleinen wenigstens nicht mehr permanent vor dem Computer sondern laufen durch die Gegend und spielen wieder auf der Straße. Tom ist also nicht zuhause.
Aber in der Wohnung ist trotzdem ein Höllenlärm. Max, der Große, hat das Wohnzimmer quasi nach Ibiza gebeamt. Auf dem Wohnzimmerfernseher sieht man das Innenleben eines Clubs auf Ibiza. Peter steht noch in der Eingangstür und hat Mühe sich zurecht zu finden. Was ist hier real und was nicht? Langsam wird ihm klar: Offenbar steht Max’s bester Kumpel Sören gerade in einem Club in Ibiza und hat eine Brille auf, in die eine Kamera integriert ist. Alles was Sören in Ibiza sieht, ist auch bei Peter im Wohnzimmer zu sehen. Und offenbar wird Max auch in Ibiza in Sören’s Umgebung virtuell hineinprojiziert. Peter muss kurz losprusten als er mitbekommt, worüber die zwei Pubertierenden da reden und lachen. Er macht dem Chaos erstmal ein Ende und tut was alle Väter tun: Er fragt nach Schularbeiten. Doch da sagt Max: „Papa ich hab was nicht verstanden. Die Lehrerin hat heute über Fernsehen geredet. Was ist denn Fernsehen?“
 
Die Frage kam unerwartet. Peter versucht es mit der Historie: „Fernsehen wurde vor 60 Jahren erfunden. Da gab es noch große Kästen im Wohnzimmer und dahin wurden Bilder übertragen, die gerade an einem anderen Ort der Erde passiert sind. Später dann wurde nicht mehr übertragen, was sowieso passiert ist, sondern da wurden Leute in ein Studio eingeladen und die haben dann über Dinge geredet, die keinem normalen Mensch jemals passieren.“ Max schaut verständnislos: „Dann war das Fernsehen damals also eine virtuelle Welt?“ Peter: „Ja das war es wohl und man konnte auch nicht das schauen was man wollte, sondern das Fernsehen zeigte ein Programm. Dafür gab es Programmdirektoren die das zusammengestellt haben.“ Ratloses Gesicht bei Max. Und Peter gerade erklären will, das ARD-Programmdirektor Günter Struve kein Diktator war sondern nur versucht hat, den Spagat zwischen Massengeschmack und Programmauftrag hinzukriegen, da sagt Max: Was ist denn die ARD? Peter durchfährt der Gedanke in der nächsten Sekunde: Natürlich! Max kennt keine ARD. Er hat früher zwar Sendung mit der Maus geschaut, und heute schaut er auch die Sportschau. Aber er schaut immer Sendungen, die ihm sein elektronische Assistent Rob zusammenstellt. Der sucht bei der Masse der Anbieter von Filmen und Nachrichten, Musik und Games, Live-Sport und Soaps in der virtuellen Welt jeweils das individuell gewünschte Programm zusammen. Von welchem Produzenten diese Sendung kommt ist völlig egal. Für Max und seine Freunde sind Marken wie ARD, ZDF, RTL oder SAT1 nicht mehr wichtig. Und auch das Wort „Fernsehen“ wird kaum noch benutzt.
 
 

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