Tim Guests Die Welt ist nicht genug – Reisen in virtuelle Realitäten - Eine Rezension 
Initiativen
Dienstag, den 21. Juli 2009 um 05:18 Uhr
Tim Guest Die Welt ist nicht genugVor ziemlich genau einem Jahr ist es erschienen - das zweite Buch des britischen Autors Tim Guest: Die Welt ist nicht genug – Reisen in die virtuelle Welt.

Man könnte annehmen, dass in der schnelllebigen Zeit virtueller (und realer) Welten einige von Tim Guests Hintergrundberichten, zufälligen und organisierten Erlebnissen, Szenenbeschreibungen und Analysen historisch sind, überholt und virtuelle sowie reale Geschichte.

Das mag auf einige Bereiche zutreffen. Der Gesamteindruck des Buches ist jedoch fesselnd und faszinierend und aktuell besonders in Bezug auf die verschiedenen Erlebnis-, Handlungs- und Nutzungsweisen in verschiedenen virtuellen Welten.


Tim Guest hat eine Vielzahl von Rechercheergebnissen mit seiner ganz eigenen persönlichen Lebensgeschichte in Beziehung gesetzt und schildert, welchen Einfluss virtuelle Welten auf seine persönliche Entwicklung hatten, so dass sich das Buch wie ein Roman liest.

Fast nebenbei erfährt man – nicht nur als "Späteinsteiger in virtuelle Welten" – nahezu jedes bedeutsame Hintergrundwissen darüber, was den heutigen Stand des Mediums ausmacht, was die Basis aktueller Entwicklungen virtueller Welten ist und welche Auswirkungen - virtuell und real - diese auf Leben, Gesellschaft, Business und Recht haben.

Analysen und philosophische Betrachtungen geben sich die Hand mit harten Fakten und der Wiedergabe und Interpretation von Interviews. Seine Berichte basieren nicht nur auf eigenem Erleben und tiefgründiger Recherche, sondern auch auf die an ihn weiter gegebenen Berichte realer virtueller Personen, die nahezu sämtlich namentlich genannt sind.
Meist sind Tim Guests eigene Geschichte und die seiner Kommunikationspartner miteinander verbunden, sie kennen sich real und / oder virtuell persönlich. Diese Art gibt einem das Gefühl, wirklich tiefen Einblick zu bekommen und man neigt dazu, sich die Fragestellungen Guests als die eignen anzunehmen.

Tim Guest beschreibt, erzählt und berichtet, schlussfolgert zuweilen - aber nicht mit dem Anspruch auf Allgemeingültigkeit, sondern eher mit Bezug auf sich selbst. Er bleibt dabei weitestgehend wertneutral gegenüber den verschieden virtuellen Welten und gegenüber dem, was die jeweilgen User in ihnen treiben. Er stellt Fragen, versucht sie unter zum Teil erheblichen persönlichem Aufwand zu beantworten, aber interpretiert nicht. Er stellt keine Visionen von möglichen Entwicklungen auf, aber weist an einigen Stellen auf Gefahren und Kuriositäten hin - auch das ohne "erhobenen Zeigefinger".

Das Inhaltsverzeichnis gibt einen ungefähren Eindruck von der Vielfalt der Recherchen und der Berichte Tim Guests:
1.  Exodus
2.  Virtuelle Welten, reale Ichs
3.  Linden Lab
4.  Etwas für Hacker
5.  Virtuelle Mafia
6.  Cyberterroristen
7.  Virtuelle Reichtümer
8.  Virtueller Krieg
9.  Wir
10. Virtueller Sex
11. Meine virtuelle Schwester
12. Konzerne
13. Virtuelle Kunst
14. Korea

Er hatte Kontakt zu mehreren Second Life-Entwicklern von Linden Lab (auch in seiner Funktion als Journalist), beschreibt deren Arbeitsweise und versucht deren Denkweise und resultierende Handlungsweise zu verstehen.
Er besuchte eine Gruppe Schwerstbehinderter in Boston (Massachusetts), die in Second Life  gemeinsam mit einem Avatar auftreten und mittels diesem (endlich) wieder besser kommunizieren und an Erlebnissen teilhaben können, die ihnen in der realen Welt schon längst verwehrt sind. Diese Gruppe wurde von ihrer Betreuerin n nach sechs monatigem Second Life-Besuch (zuweilen nur 1 mal wöchentlich für eine Stunde !) auch im realen Leben als erheblich selbstsicherer beschrieben.
Wie ernst und welche Dimensionen virtuelle Kämpfe
haben, auch mit militärischem Hintergrund, beschreibt er ebenso, wie Simulationen in verschiedene virtuelle Welten Einzug gehalten haben und für welche Zwecke diese genutzt werden.


Fragen und Antworten

Das Thema Recht taucht in mehreren Zusammenhängen auf. Es gibt natürlicherweise viele Dimensionen. Was ist moralisch verwerflich, wie lässt sich reales Recht auf virtuelle Vergehen anwenden, welche Bestrafungen können von wem und wofür durchgesetzt werden - wo doch real so viele verschiedene Rechtssysteme gültig sind und die sich in der die reale Welt vereinenden Virtuellen Welt wie Second Life nicht homogenisieren lassen. Gelten virtuelle Gegenstände als schützenswert, wenn sie gestohlen werden, welcher Wert kann ihnen beigemessen werden, da sie doch nur virtuell vorhanden sind, ist ein virtueller Raum auch ein Raum, in dem Persönlichkeitsrechte durchgesetzt werden können? Wann sind Persönlichkeitsrechte in einer 3D-Umgebung verletzt?
Nicht immer kann einfach die reale Person hinter dem Avatar ermittelt werden. Gilt virtueller Mord als "Spielergebnis" bzw. "Spielhandlung", welche Folgen haben derartige Handlungen auch auf das reale Leben der Geschädigten, wie wirken sich ähnliche Handlungen in verschiedenen realen Kulturen aus. Dies sind Fragen, die immer wieder erörtert werden.
Virtuellen Vergehen wie Belästigung, Scriptdiebstahl, Umgehung von Kopierschutz und Verkauf der virtuellen Kopien beschreibt Guest mit Beispielen von der Ideenfindung der realen virtuellen "Verbrecher" (die er natürlich persönlich kennt) bis zur Umsetzung, dem "Erfolg" jener und den teilweise vorhersehbaren aber auch unvorhersehbaren Folgen dieser Taten.


Virtuelle Welt verus Reale Welt - ein Zitat ohne Kommentar
"In der realen Welt sind wir von Glamour umgeben, doch wir haben kaum Zugang zu ihm. Um ihn zu erreichen, benötigen wir Geld und Einfluss. In unserer Kommerzkultur lautet die große Lüge, dass Geld und Erfolg Glück mit sich brächten. Aber sogar die Reichen mühen sich ab; sogar die Berühmten sind unglücklich. In virtuellen Welten können wir unsere materiellen Hoffnungen viel schneller ausleben und ein Echo der Hohlheit hören, ohne Jahrzehnte darauf warten zu müssen. Selbst diejenigen, die in der realen Welt wohlhabend sind, leiden unter der unvermeidlichen Trennung: Geld ermöglicht den Zugang zum Raum, beseitigt jedoch den Zugang zueinander. Wir wollen miteinander umgehen - und auch nicht. Die virtuellen Welten liefern eine Art Lösung für diese Spannung zwischen dem Selbst und dem Anderen, eine Möglichkeit zusammenzusein, wenn wir uns einsam fühlen. Wir können uns treffen und gleichzeitig eine sichere Distanz wahren." (S. 162 f.)


Der Autor:
  • geboren 1978, lebt in London
  • Journalist für "Daily Telegraph", "Guardian", "Granta", "New York Times Magazine"
  • "My Life in Orange" (2005, Bericht über seine Jugend in verschiedenen Bhaghwan-Kommunen)

Das Buch:

Tim Guest "Die Welt ist nicht genug - Reisen in die virtuelle Realität
Aus dem Englischen von Bernd Rullkötter. 364 Seiten. Lesebändchen. Fester Einband.
Rogner & Bernhard GmbH & Co.Verlags KG

Links:
Tim Guest @ Rogner Bernhard Verlag
Die Welt ist nicht genug @ Amazon
Die Welt ist nicht genug @ Zweitausendeins
 

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