Virtuelle Welten auf Speed 
Kolumnen
Montag, den 01. September 2008 um 18:00 Uhr

001_pia_piaggioKonnte man vor einigen Wochen noch Leserstimmen gewinnen, wenn man Second Life für tot erklärte, erntet man heute dafür allerhöchstens noch Spott. So passierte es kürzlich einem Journalisten der Computerwoche, der es für besonders klug hielt, seinen kurzen Beitrag mit „Second Life auch bei Jugendlichen out“  zu betiteln. Der Artikel entpuppte sich noch dazu als völlig unsachlicher Schwachsinn, denn jeder weiß, dass der Zugang ins SL erst ab 18 Jahren erlaubt ist. Wie repräsentativ soll denn dann eine Studie sein, deren Befragte zwischen 11 und 22 Jahren alt waren? Antworten darauf geben die Kommentare zu diesem Kalauer, der nun etwa zwei Wochen zurückliegt.

 

 

 

300 / 100 / 1,4 / 5

Gleichzeitig schwirrte eine Handvoll Zahlen durch den IT-Informationsäther: 300 Millionen, 100, 1,4 Milliarden, 5 Jahre, das waren in die meistgenannten Ziffern in diesem Ressort Ende August 2008. Zusammengefasst lässt es sich so sagen: Wenn sich bisher erst 300 Millionen Internetuser in einer 3-D-Welt tummeln, und es derzeit etwa 100 verschiedene Metaversen gibt, von denen eines Second Life ist, dann bleiben noch 1,1 Milliarden potenzielle Neueinsteiger, die in den nächsten 5 Jahren dazu kommen werden. So betrachtet erkennt selbst der größte Dummkopf, welch enormes Potenzial im Unterfangen Web 3D noch steckt.

Lunte gerochen

Analysten des Marktforschungsinstituts Forrester Research prophezeien in ihrem Executive Summary schon seit Anfang des Jahres ein birnenförmiges Anschwellen der Web-3D-Userdemografie. Aus irgendeinem Grund brauchte dieser Bericht über ein halbes Jahr, um nun auf den brandheißen Nachrichtentisch zu kommen. Ihre These stützen diese Analysten auf sehr einfache, fast schon schlichte Sachverhalte, die noch nie ihre vorantreibende Wirkung verfehlt haben. Lunte gerochen an den virtuellen Welten haben nämlich die US-Armee sowie IBM, Intel und BP. Mittlerweile hat deren Kreativität echte Anwendungsmöglichkeiten innerhalb der eigenen Belange entdecken können und man kann sich schon jetzt diese extrem interessanten Perspektiven für die Bereiche Training, Kooperationen und Service nicht mehr wegdenken. Markus Breuer von The Otherland Group fasst bei Cnet die derzeitige Situation so zusammen: „Die Zeit des Web 3D ist gekommen“.

Platon trifft Neil Stephenson

Etwas ausführlicher lässt sich Frank Kappe, Professor für zukunftsweisende Medientechnologien an der Uni Graz, darüber aus. In einem Interview mit der österreichischen Computerwelt spannt er den virtuellen roten Faden von Platons Höhlengleichnis bis hin zu Neil Stephensons Kultroman Snow Crash. Den Höhen und Tiefen von Second Life steht er gelassen gegenüber und erklärt es mit dem Begriff „Hype Cycle“, ein völlig normales Phänomen bei neuen Technologien.

Volle Fahrt voraus

So gesehen ist endlich Ruhe eingekehrt auf dem Web 3D-Schiff. Es hat offenes Fahrwasser erreicht und formiert sich langsam zu einer unübersehbaren Flotte. Von überallher stoßen neue Boote dazu, die ihren Mannschaften die unterschiedlichsten Ambientes anbieten, in denen sie ihre Freizeit, ihren Beruf oder sogar ihre Ausbildung meistern können. Ob Second Life dabei ins Hintertreffen gerät oder gar untergeht, steht aus heutiger Sicht überhaupt nicht zur Debatte. Es wird aus diversen Gründen schwierig sein, diese Urcommunity einfach so abzuhängen, geschweige denn niederzudrücken.

Entscheidend ist die Basis

Da ist einmal der Vorsprung, der zwar technisch gesehen leicht überholt werden kann, jedoch auch für eine gewisse Erfahrung und Reife bürgt, was das virtuelle Leben angeht. Dann sind da die Leitziele von Linden Lab, die Kreativität als Heiligtum verehren und als höchstes Gut einstufen, was langfristig vermutlich den größten Kapitalschatz ausmachen wird. Und nicht zuletzt ist da im Grid noch etwas ganz Seltenes fest verankert - es ist wie ein pulsierendes Herz, das mit jedem Einloggen anfängt zu schlagen, denn dieses Metaversum ist tatsächlich ein echtes Kind der Liebe. Die Lindens schufen ihre Welt aus der Kraft ihrer Visionen. Die neuen Metaversen hingegen entstehen aus der Kraft des analysierten Zahlenmaterials. Das Unternehmen MANPOWER hat jedenfalls gerade sein Einjähriges im Second Life gefeiert, ist mit seinem virtuellen Dasein dort sehr zufrieden und denkt überhaupt nicht daran, fortzugehen.

 


 

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