Was ist dran an Second Life? Teil 1: Das Wirtschaftsleben 
Kolumnen
Freitag, den 10. Oktober 2008 um 22:00 Uhr

08-1010-kolumne_gaffer_teil1_001Second Life ist heute nicht die einzige „virtuelle Welt“, aber eine der wichtigsten, gemessen an ihrer Bevölkerungszahl, und sicherlich auch eine der interessantesten, gemessen an den Gestaltungsmöglichkeiten, die ein Bewohner prinzipiell hat. Der hohe Grad des sogenannten „user generated content“ für die Avatare macht SL den meisten anderen heute gängigen Computerspielen überlegen. Der Einzelne ist bei SL nur in sehr geringem Maße durch Spielregeln festgelegt, er ist prinzipiell frei und allein, er kann sich verbal ausdrücken, er kann mit seinen Mitspielern neuerdings sogar mündlich kommunizieren, kann sich zu Lande, unter Wasser und sogar in der Luft bewegen.

Entfernungen spielen keine Rolle mehr, blitzschnell teleportiert er sich von Kontinent zu Kontinent.  Individualität, Kreativität und Freiheit wurde in der Grundkonzeption des SL ganz groß geschrieben, frei und kreativ sollen sich die Avatare in ihrer Zweitwelt bewegen. Jeder Spieler bringt sich in Gestalt seines Avis mit seiner menschlichen Person ein, er kann sich ausleben, sich als Persönlichkeit verwirklichen. „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein“, SL macht den Traum zur Realität. Und mehr noch: Der Spieler kann sich in seinen Avataren idealisieren und sich z.B. jünger oder attraktiver darstellen als er im wirklichen Leben ist. Jedenfalls sieht man in der virtuellen SL-Welt deutlich mehr und bessere Tangotänzer als im wirklichen Leben.  Ist SL also die ideale neue Welt, wo jeder wieder bei Null anfängt?  Der Name des Spiels verspricht doch nichts anderes, als neues Spiel, neues Glück. Fang dein Leben nochmals neu an. SL stellt dir dafür den Raum zur Verfügung. Die Frage stellt sich aber, ob SL dieses Versprechen halten kann.

Big Players der Wirtschaft melden sich, aber noch zögernd

08-1010-kolumne_gaffer_teil1_002Das rasante zahlenmäßige Wachstum von SL und die Tatsache, dass heute mehr als 12 Millionen weltweit mitspielen, wovon bis zu 60.000 permanent online sind, scheint darauf hinzudeuten, dass das Konzept die Menschen stark anspricht, und zwar zunächst unabhängig von Nationalität, Hautfarbe, sozialer oder kultureller Zugehörigkeit. Dazu kommt, daß sich bei einem so großen „Markt“ jetzt auch die Big Players der Wirtschaft zu Wort melden. Womit gemeint ist, daß, obwohl vorerst noch zögernd und schrittweise die reale Wirtschaft, Kultur und Politik damit beginnt, sich für SL zu interessieren. Das SL-Grid wird damit quasi zum zweiten öffentlichen Raum. Firmen und Organisationen benutzen SL als Plattform für ihre öffentliche Kommunikation, sie eröffnen Repräsentanzen und verfolgen hier im SL-Medium ihre realwirtschaftlichen oder realweltlichen Ziele.

Das Auftreten der Realwirtschaft und die Tatsache, dass ein großes Marktpotential zur Verfügung steht, legt den Gedanken nahe, daß sich reale und virtuelle Welt anfangen zu vermischen, zumindest dringen Elemente der realen Welt in die virtuelle Welt ein. So etwas ist nicht nur für Soziologen interessant. Fünfzig- bis sechzigtausend Menschen aus aller Welt sind rund um die Uhr zusammen online. Sie reden, sie spielen, geben Geld aus, diskutieren, vergnügen sich, streiten miteinander, bauen zusammen Häuser, machen Musik, gehen ins Konzert. Als Ergebnis dieses Miteinander-Umgehens, dieser sozialen Interaktion sollten eigentlich Verhaltensregeln und gesellschaftliche Normen entstehen: Ist das SL so etwas wie die Keimzelle einer neuen virtuellen Gesellschaft?

Was ist wirklich dran an der zweiten Welt?

08-1010-kolumne_gaffer_teil1_004Niemand, der SL kennt, wird jedoch bestreiten, dass er als Bewohner einer virtuellen Welt „draußen“ im wirklichen Leben, in das er ja von Zeit zu Zeit zurückkehren (muss) häufig Probleme damit hat, den Erstweltbewohnern zu erklären, was sie dort in seiner geheimnisvollen Zweitwelt überhaupt tut. Spielen und die Zeit totschlagen, ok, verstanden und akzeptiert. Aber arbeiten in der virtuellen Welt? Du bist Journalist und schreibst in einem virtuellen online-Magazin? Und du bekommst reales Geld dafür? Ungläubiges Staunen des Gegenübers ist nicht selten. Das Verständnisproblem scheint in der ungenügenden Verzahnung zwischen dem virtuellen und realen Erfahrungsbereich zu liegen, zu oft wird das Wortpaar virtuell/real noch als unvereinbarer Gegensatz verstanden. Daß sich die virtuelle Welt in manchen Bereichen langsam zur vollwertigen Parallelwelt entwickelt, entzieht sich dem Verständnis des Durchschnittsbürgers heute noch weitgehend. Virtuelle Internetwelt und Realität müssen aber vom Grundsatz her keine Gegensätze sein, weil das Internet ja ein Teil der realen Welt ist.

Jedoch ist diese virtuelle Parallelwelt im Internet (zum Beispiel SL) bis heute noch bestimmt viel zu wenig entwickelt und strukturell eigentlich  nicht genügend differenziert, um den Namen „Welt“ oder „Zweites Leben“ zu verdienen. Second Life stellt sich damit auch heute noch, im Jahr 2008, als ein Anspruch oder ein Ziel heraus, aber die Wirklichkeit wird diesem Ziel heute noch keinesfalls gerecht.

Arbeitsleben, Wirtschaft und Wohnen in SL

Anders als Menschen im wirklichen Leben arbeiten Avatare ja nicht regelmäßig. Ist hier die Freizeitgesellschaft von morgen schon vorweggenommen? Die Ansicht ist sehr verbreitet, dass man in SL eine Menge Spaß haben kann, ohne echtes Geld auszugeben, und diese Behauptung stimmt sogar. Wer nicht arbeitet, erzeugt aber auch keine wirtschaftlichen Werte, die er zu Geld machen könnte. Damit entfallen weitgehend jegliche Grundlagen für ein normales Wirtschaftsleben in SL, was sich auf die SL-Gesellschaft natürlich auswirkt. Tatsächlich ist der Linden Dollar ja konvertierbar mit wichtigen realen Währungen, und es gibt sogar Wechselkurse. Es geht auch das Gerücht um, dass es Menschen geben soll, die in und mit SL ihren realen Lebensunterhalt verdienen. Allerdings ist mir bis heute noch kein solcher Mensch begegnet. Dagegen kenne ich einige Leute, die in SL ein kleines monatliches Taschengeld verdienen, mit dem sie vielleicht die monatlichen Kosten für die Handy-Karte im RL bezahlen können, mehr aber nicht. Nicht umsonst nennt man den Linden-Dollar noch eine Mikrowährung, und mikroskopisch klein sind ja auch die Preise der Waren in SL, aber leider auch die Löhne und die Preise, die man für Dienstleistungen erzielen kann.. Von echten Märkten zu sprechen, wäre deshalb heute noch Schönfärberei.

08-1010-kolumne_gaffer_teil1_005Wertschöpfung durch Landverkauf kann manchmal in Einzelfällen auch nach RL-Maßstäben als finanziell interessant gelten, ist aber auf die Gruppe der Premium-Mitglieder beschränkt und bleibt schon von daher dem durchschnittlichen Avatar verschlossen.

Wertschöpfung durch Vermietung von Häusern und Wohnungen ist dagegen auch innerhalb der normalen SL-Gesellschaft verbreitet. Jedoch sehen heute zahlreiche Wohnungen leer, weil der Avatar spätestens nach ein paar Wochen merkt, dass er innerhalb seiner 4 Wände vom Geschehen draußen zu stark abgekoppelt ist. Das heißt, im Grunde braucht er gar keine Wohnung, weil er weder schlafen noch essen muß, noch muß er Filme oder Fernsehen schauen, und auch einen privaten Rückzugsraum braucht er im Grunde nicht. Wenn’s ihm mal zu viel wird, loggt er sich einfach aus, und klappt den Laptop zu.

08-1010-kolumne_gaffer_teil1_003Sehr verbreitet sind in SL dagegen die Herstellung und der Verkauf von Waren, was ja eine wichtige Grundlage für ein vernünftiges Wirtschaftsleben sein könnte. Im Wesentlichen handelt es sich hier um Shops, die Bekleidung, Schuhe, Haare, und sonstige Outfits und Teile verkaufen, die der Avatar im Zweitleben so braucht. Man findet Shops und Kaufhäuser an jeder Ecke. Aber diese Preise sind wiederum minimal und damit auch die Wertschöpfung, die hier erzielt wird. Noch nicht einmal das deutsche Finanzamt interessiert sich bisher dafür, was als ein starker Indikator für „wirtschaftlich bedeutungslos“ gewertet werden kann. Gleiches kann man für die Sparte „Dienstleistungen“ sagen. Die meisten Dienstleistungen bekommt man innerhalb von SL kostenlos, und damit kommen auch Avatare im Dienstleistungsgewerbe kaum zu größerem Reichtum. Schon manches Escort-Girl ist mit den allerschönsten Hoffnungen gestartet, um schon nach kurzer Zeit feststellen zu müssen, dass sich ein vernünftiges Einkommen auch hier kaum erzielen lässt.

Im nächsten Teil: Weit weg von Utopia

 

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