Was ist dran an Second Life? Teil 2: Weit entfernt von Utopia 
Kolumnen
Dienstag, den 21. Oktober 2008 um 23:35 Uhr

08-1022-kolumne_gaffer_teil2_005Noch weitgehend ungeklärt ist auch heute, fast zehn Jahre, nachdem Linden Lab mit seiner ersten Betaversion an die Weltöffentlichkeit ging, ob es gelang, dort im SL-Metaversum tatsächlich die Voraussetzungen für eine neue Gesellschaft mit besseren Menschen zu schaffen. Die Idee, dass man irgendwo auf Utopia treffen könne, das heißt, auf eine bessere Welt ohne Neid, ohne Kriege, ohne soziale Schranken, ohne Bildungsunterschiede und mit gleichen Chancen für alle, diese Idee ist ja so alt wie die Welt selbst.

Beziehungen zwischen Avataren 

Fast jeder, der als Avatar ein paar Wochen in der Zweitwelt unterwegs ist, wird in die Lage kommen, sich einer oder mehreren Gruppen anzuschließen. Diese Gruppen sind praktisch die Graswurzeln der SL-Gesellschaft. Nehmen wir zum Beispiel die deutschen Avatare Kerstin, Anke und Heiko: Nachdem sich herausstellt, dass die drei ein gemeinsames Interesse am Musikmachen haben, kommt man schnell auf die Idee, eine Rockkneipe zu gründen; eine mehrköpfige eigene Rockband kommt dazu. Und weil man gut ist, bekommen die drei auch gleich ein paar externe Engagements, und die Erfolgsstory der „Old Daddy Group“ beginnt. Es vergeht seither kaum ein Tag, dass sie nicht online sind und Musik machen.

Was ist hier passiert? Das Beispiel zeigt, welchen großen (nichtmonetären) Wert die Avatare aus solchen Gruppenbeziehungen heraus beziehen. Die gemeinsame Arbeit am Projektieren und Bau der Kneipe, das gemeinsame Musizieren in der Band, sich Tag für Tag in der virtuellen Gruppe zu treffen, um dort reale Meinungen und Gefühle auszutauschen, zusammen mit anderen eine Aufgabe zu bewältigen und reale Probleme zu lösen, das schafft ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das einen sehr hohen psychologischen Wert für jeden Beteiligten darstellt. Es kommt einer festen Ingroup-Beziehung im realen Leben gleich. Man ist integriert, man gehört dazu.

 

Sprache und Verhaltensstil der Avatare untereinander

08-1022-kolumne_gaffer_teil2_002In Utopia ist alles paradiesisch, aber SL ist nicht Utopia. Zwar ist es wirklich sehr einfach, neue Beziehungen zu anderen Avataren aufzubauen. Schüchternheit gibt’s vielleicht in der realen Welt, aber nicht wirklich im Zweitleben. Schon wenn man jemand neu kennenlernt, ist das „Du“ eine Selbstverständlichkeit. Die Kommunikation und die Art und Weise des Umgangs miteinander ist distanzlos und sehr direkt, oft auch emotional bis gewagt. Die körperliche Gestalt der meisten Avatare ist voller sexueller Reize und Anspielungen, man schaue sich nur die Mädels mal an. Ich habe in SL noch nie eine graue Maus gesehen, weder bei Männern noch bei Frauen. Trotz der schnellen Kontaktanbahnung werden die Beziehungen zwischen den Avis aber nicht tiefer. Bindungen entstehen zwar schnell, verfliegen aber auch schnell wieder. Alles bleibt an der Oberfläche. Es überrascht immer wieder, wie schnell sich Kontakte, von denen man meinte, sie hielten lange, wieder in Nichts auflösen. „Wie kommst du eigentlich auf meine Freundesliste?“ Diese Orientierungsfrage wird häufig gestellt. Dabei hat man mit diesem Avi damals die persönlichsten Dinge besprochen.

Ethnische und kulturelle Eigenheiten

Wer also glaubt, SL sei ein globales Dorf oder gar eine neue oder bessere Welt, sitzt wahrscheinlich dem Marketing von Linden Lab auf. Die Wirklichkeit ist ganz anders. Die ethnischen oder kulturellen Unterschiede, welche unsere Avis aus dem Real Life mitbringen, sind keineswegs verwischt oder gar verschwunden. Eine eigene SL-Kultur gibt es nicht, auch keine gemeinsame Sprache oder irgendetwas, das man als gemeinsame Werte bezeichnen könnte. Jeder Avi trägt dagegen seinen eigenen kulturellen Stil mit sich herum. Der westliche Typus dominiert. Aus irgendwelchen Gründen wird der weiße, junge, europäische oder nordamerikanische Typus idealisiert. Farbige Avatare oder Latinos treten kaum in Erscheinung. Hat man schon mal einen chinesischen oder einen asiatisch anmutenden Avatar gesehen? Auch Moslems, ein wichtiger Teil der realen Weltbevölkerung, geben sich nicht als solche zu erkennen.

08-1022-kolumne_gaffer_teil2_003Ebenso sieht man in SL kaum einmal einen älteren Avatar. Alle scheinen so um die 28 Jahre herum zu sein, das ist doch erstaunlich. Der Verdacht liegt dann doch sehr nahe, dass hier soziale Vorurteile ins Spiel kommen. Was ist hier los? Sitzen unsere ganz normalen realweltlichen Vorurteile gegen „weniger wertvolle“ Gesellschaftsgruppen auch in den Avataren drin? Das wird der wirkliche Grund dafür sein, dass sich gesellschaftliche Minderheiten in SL nicht zu erkennen geben. Alles wird idealisiert und geschönt. Die Ideologie der alten Gesellschaft lässt grüßen, von wegen Utopia.

 

Freizeitpark

Vom ehemaligen Kanzler Helmut Kohl (CDU) stammt die Klage, die deutsche Realgesellschaft sei auf dem Weg, zu einem kollektiven Freizeitpark zu werden. SL ist ziemlich genau auf dem gleichen Weg, beziehungsweise SL war noch nie etwas anderes als eine Freizeitwelt.  Die Eventkalender sind übervoll, man kann täglich und immer was erleben. Man kann tanzen bis zum Abwinken, man kann wirklich überall mitmachen, sei es beim Zwergenweitwurf, beim Schnecken-Rennen (sehr beliebt bei britischen Communities), beim Schlammringen (beliebt bei Prolls aller Nationalitäten) oder beim Messerwerfen. Oder wem solche Übungen nicht so liegen, der geht als Zuschauer / Zuhörer zu einem der zahlreichen Life-Musik-Events. SL ist ein einziger großer Vergnügungspark, und wenn man es böse ausdrücken wollte, könnte man auch sagen, es ist ein Käfig voller Narren. Mit internationaler Besetzung. Insofern bleibt die Frage „Warum eine neue Welt?“ eher unbeantwortet. Es gibt auch hier kaum Unterschiede zur realen Welt.

Leider immer noch soziale Unterschiede

Obwohl Geld, Besitz und Vermögen als gesellschaftliche Unterscheidungsmerkmale in Second Life weitgehend wegfallen, gibt es dort auch noch immer die gleichen sozialen Unterschiede zwischen den Avataren wie zwischen den Menschen in der realen Welt. Der Grund sind Sprachbarrieren und Bildungsunterschiede. Natürlich spricht nicht jeder Avatar eine Fremdsprache, und natürlich spiegeln sich die Bildungsunterschiede der realen Menschen in den Avataren wieder, die von diesen Menschen gesteuert werden. Niemand nimmt zwar das Wort in den Mund, aber soziale Unterschiede gibt’s auch in den Gefilden der Zweitwelt, da braucht man sich keinen Illusionen hinzugeben. Damit wird klar, dass es weitgehend nur Wunschdenken war, im Zusammenhang mit SL zu glauben, dass die Voraussetzungen geschaffen wären für eine neue Welt ohne sozialen Neid, ohne Bildungsschranken und mit den gleichen Startchancen für alle.

Eine internationale Community?

08-1022-kolumne_gaffer_teil2_004Auch diese Frage muss eher verneint werden. Zwar spielen die klassischen Nationalitäten in SL überhaupt keine Rolle mehr, was übrigens auch die Realität widerspiegelt: Nationalstaaten verlieren im 21. Jahrhundert tendenziell an Bedeutung, zumindest im alten Europa. Weil es im gesamten Second Life also keine Inländer gibt, gibt es konsequenterweise auch keine Ausländer. Der Gedanke besticht zunächst. Bei näherem Hinsehen erkennt man aber schnell, dass er nicht stimmt. Wieder eine Illusion.

Der Grund liegt in der starken kulturellen  und weltanschaulichen Prägung, die uns alle gefangen hält und die auch kein Avi so einfach an der Garderobe abgeben kann.  

Beispiele für nationale Prägung: Deutschsprachige Gruppen sind häufig im Kultur-, Erziehungs- oder Schulungsbereich aktiv; überall dort, wo man etwas lernen kann und wo man erfährt, wie etwas geht und funktioniert, wird oft deutsch gesprochen. Nicht umsonst ist die deutsche VHS im Second Life sehr aktiv.

Amerikaner und Engländer kümmern sich in ihren Gruppen oft um karitative Dinge, sie sind oft Mentoren und helfen Newbies, oder sie beschäftigen sich stark mit psychologischen Themen oder mit Fragen des politisch korrekten Verhaltens. Übrigens: Briten haben auch in SL häufig einen Spleen.

Italienische Avatare erkennt man schnell daran, dass sie fast bei allen Mädels den Macho mimen, und französische Avatare verhalten sich eben so, wie man es von einem Franzosen erwartet, sie zeigen ihre nonchalante Lebensart, verstehen etwas von guter Küche und von gutem Wein, und sprechen in der Regel nur französisch.

08-1022-kolumne_gaffer_teil2_001Was damit gesagt werden soll? Jeder Avatar bringt seinen überkommenen Stil und seine alte Lebensart mit und lebt sie in SL aus. Und es gibt nirgendwo Anzeichen dafür, dass sich in Second Life ein neuer Verhaltensstil entwickeln würde, viel weniger noch eine neue Gesellschaft oder Kultur. Neue oder bessere Menschen sind ebenfalls nicht zu erkennen, und Utopia bleibt hinter dem Horizont verborgen. Unsere Avis haben auch kein gesellschaftliches Leben, das weit über den kleinen privaten Bereich hinausgehen würde. Allgemein verbindliche Verhaltensregeln gibt es nicht. Man kann sich als Avatar danebenbenehmen, soviel man will, eigentlich ohne nennenswerte Konsequenzen. Ja, unsere Avatare haben echte Freunde, und manchmal wachsen diese Beziehungen auch zu Freundeskreisen heran, also zu kleinen Gruppen mit gleichen Ansichten und Wertvorstellungen. Trotzdem entstehen daraus keine sozialen Bindungen oder Verpflichtungen, die unser Verhalten in SL (oder gar im RL) in nennenswerter Weise beeinflussen würden. Im Grunde bleibt SL also eine sehr flüchtige Nebenwelt oder ein Spiel, das von einer kleinen gesellschaftlichen Minorität in den westlichen Ländern gespielt wird. Dass man diese Nebenwelt durch einen Knopfdruck auf seinen Laptop zu- oder wegschalten kann, macht ihre Unverbindlichkeit aus. Was sich beim jetzigen technischen Stand von SL sicherlich nicht so schnell ändern wird.

Bildmaterial von Linden Lab

 

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