The Medium is the Message. Nachbetrachtungen zu Obamas Wahlkampf und dem Web 2.0 Engagement 
Kolumnen
Mittwoch, den 12. November 2008 um 14:41 Uhr

08-1112_obamaAm vorvergangenen Sonntag,dem 2. November, das waren zwei Tage vor der Wahl des neuen US-Präsidenten vom 4. November, hatten wir hier an dieser Stelle noch eine Wahlprognose veröffentlicht, die auf einer neueren Umfrage von 1000 amerikanischen Second Life-Residenten basiert war. Hauptaussage der damaligen Prognose war gewesen: Obama wird bei der echten Wahl am 4. November etwa doppelt so viele Stimmen erhalten wie sein republikanischer Konkurrent McCain.

Die realen Auszählungsergebnisse bestätigen jetzt die Prognose der Avatare ziemlich genau: 364 reale Wahlmännerstimmen werden für Barack Obama gezählt, 162 für den republikanischen Kandidaten John McCain.

 

 

Parallel-Wahlkampf in der Zweitwelt

Die Genauigkeit der Second Life - Voraussage kurz vor der Wahl am 4. November mag beim ersten Hinsehen zunächst überraschen, kann aber nicht einfach als Zufall abgetan werden. Zu lange waren beide Kandidaten schon in allen Kanälen des Internets aktiv gewesen, vor allem der junge Senator aus Illinois, aber auch sein republikanischer Counterpart. Die Positionen der beiden Lager waren glasklar, die Stimmung war angeheizt, und zumindest der amerikanische Teil von SL war schon mindestens seit dem Spätherbst enorm politisiert, was auf eine sehr hohe Wahlbeteiligung hindeutete.

Obama Unterstützer im Internet

Bereits viel früher, genau seit Dezember 2006, hatte sich bereits eine Obama-Unterstützergruppe in SL formiert. Das war zu der Zeit, als der schwarze Senator noch dabei war, seine Kandidatur parteiintern gegen Hillary Clinton durchzuboxen, die lange Zeit innerhalb der Demokraten favorisiert war. Die SL-Fangruppe Obamas wuchs danach allerdings schnell auf mehr als 1000 Avatare an, geführt von dem schwarzen Anwalt Keith Mandell, 36. Ihre republikanische Opponenten wurden innerhalb von Second Life von dem 43-jährigen Gordon Olifant angeführt. Beide Gruppen führten einen gnadenlosen Zweitwelt-Wahlkampf, der dem im RL in nichts nachstand. Heisse Debatten fanden statt, Gerüchte über den Gegner wurden ausgestreut. Man entwarf und klebte Wahlplakate, man trug und verkaufte T-Shirts mit dem Konterfei des eigenen Favoriten, und man versuchte, die unentschlossenen Avis und Avinen im direkten Gespräch auf der Strasse zu beeinflussen. Genau wie im wirklichen Leben.

Erneut zeigt sich die SL-Zweitwelt als getreue Widerspiegelung dessen, was während der letzten beiden Jahre der Bush-Administration in der physischen Realwelt abging. Und nicht nur in Second Life, sondern in fast allen Kanälen des Internets hinterließ der Wahlkampf seine Spuren.

Einsatz neuer Medien

Was war geschehen? Besonders Barack Obama und sein Team beweisen sich hier als die wahren Meister auf der Klaviatur der neuen elektronischen Medien. Eine neue Generation Internet tritt gegen eine ältere Generation an, die man vielleicht am besten noch als "Generation Vietnam" bezeichnen könnte, und natürlich ist die Generation Vietnam von vornherein chancenlos in dieser Auseinandersetzung. Während McCain die Schützenvereine und das ländliche und kleinstädtische Amerika des protestantischen Mittelwestens bedient, begeistert Obama mit seinen Reden neben vielen weiblichen Wählern vor allem die Grroßstädter, die Jungen, die Schwarzen, und durch seine gezielt aufgesetzten Internetauftritte alle denkbaren Minoritätengruppen, die ihm später in der Summe dann diese überwältigende Mehrheit bei der Wahl bescheren. Nicht nur sein dynamisches Auftreten als Person und sein für einen Präsidentschaftskandidaten junges Lebensalter, auch sein kommunikativer Wahlkampfstil und sein versierter Umgang mit den neuen Internetmedien profilieren den Wahlkämpfer Obama außerordentlich. Indem er das Internet einsetzt, positioniert er sich auch selbst als der modernere und zukunftsorientiertere Kandidat. Er benutzt die neuen Medien nicht nur im technischen Sinn und zieht daraus praktische Vorteile, sondern er demonstriert durch die Nähe zum Internet auch seinen modernen Geist und zeigt damit: Ich bin jung, ich bin wie Ihr, ich bin einer von Euch. Und nicht erst seit dem kanadischen Medientheoretiker Marshall McLuhan wissen wir: The Medium is the Message (Das Medium ist gleichbedeutend mit der Botschaft selbst)

Neben SL ist Obama während und nach dem Wahlkampf präsent in fast allen jungen Internetkanälen wie Youtube, MySpace, Flickr, Twitter, aber auch in vielen kleineren ethnisch definierten Netzwerken (Latinos, Schwarze, Asiatische Amerikaner), die hier völlig unbekannt sein dürften wie MiGente, MyBatanga, Blackplanet, usw.

Zweiseitige Internetkommunikation

Und diese Kommunikationskanäle sind offen in beide Richtungen, d.h. die Botschaft wird nicht nur von oben unters Volk gestreut im Sinne einer althergebrachten aber inzwischen fast schon veralteten monologischen Kommunikation "down the line", wie man es von Radio und Fernsehen kennt, sondern der mündige Bürger kann jetzt auch Rückfragen stellen und bekommt diese sogar individuell beantwortet. Was für ein demokratischer Fortschritt durch die neuen digitalen Medien!

Modernität gewinnt gegen Historie

Im US-Wahlkampf zeigt sich, daß nicht nur die Kandidaten sehr unterschiedlich sind und sich eben die Jugend fast naturgemäß gegen das Alter durchsetzt, sondern auch im Medieneinsatz und in der Kommunikation in die Mitte der Gesellschaft hinein gewinnt die Modernität gegen die Historie. Und Obamas Modernität ist nicht aufgesetzt, sondern er verkörpert und lebt diesen neuen Stil, er nutzt die neuen Medien wirklich. Der SPIEGEL nennt ihn in seiner neuen Ausgabe einen Blackberry-Junkie, der alle halbe Stunde dieses Wunderding in die Hand nimmt um e-mails zu checken, Nachrichten zu sehen oder zu telefonieren. Daß die Chefs heute selbst ans Gerät gehen, kennen wir allerdings bereits seit Angela Merkel, die angeblich seit Jahren ständig simst. Das neue Moment, das Obama in seinem Wahlkampf so erfolgreich einsetzen konnte, war neben Technikeinsatz auch das Aufspüren und die strategische Nutzung vorhandener sozialer Netzwerke für seine Ziele. Daß es diese vielen Minderheiten-Netzwerke gibt, ist zutiefst amerikanisch. Daß diese aber neuerdings auch kommunikativ im Internet vernetzt und somit für die Zielgruppenarbeit von Politikern nutzbar sind, ist das wirklich Neue an der Geschichte. Bleibt abzuwarten wie lange es dauert, bis andere, wie z.B. auch die werbende Wirtschaft, auf diesen neuen Trend aufspringt.

Links

www.barackobama.com

www.mybarackobama.com


 

Bitte Einloggen oder Registrieren um Kommentare zu schreiben.

Panorama 

Neue Artikel:
rss-005

Metaversen 

Neue Artikel:
VWI RSS

IT / Tech 

Neue Artikel:
VWI RSS

Second Life 

Neue Artikel:
rss-005

Mitmach-News 

Neue Artikel:
rss-005