Das virtuelle Leben oder die reale Träumerei 
Kolumnen
Mittwoch, den 11. Februar 2009 um 11:00 Uhr
Romantik in SLAuch im einundzwanzigsten Jahrhundert wird sie noch eifrig gesucht, die blaue Blume der Romantik. Nur scheinbar ist Coolness unser vorherrschendes gesellschaftliches Leitbild, und nicht immer sind alle unsere Handlungen und Wünsche rational unterfüttert und durch nüchterne Emotionslosigkeit geprägt. Gerade die sogenannten postmodernen Gesellschaften des Westens haben viele versteckte Nischen und Ecken, wo sie sich aufhalten können, die Realitätsflüchtigen und  Träumer, diejenigen, die stets auf der Suche nach dem Guten, dem Wahren und dem Schönen sind. Virtuelle Zweitwelten, Computerspiele oder MMOG’s wie Second Life bieten dafür mitunter die ideale mediale Plattform.

Aussteigen auf Zeit
 

Für viele romantische Geister ist Second Life mit seiner scheinbaren Regellosigkeit und seinen unendlichen Möglichkeiten, neue zwischenmenschliche Beziehungen auszuprobieren, so etwas wie ein Refugium, in dem sie sich ausleben oder auch einmal austoben können. Und hat sich nicht jeder von uns schon einmal gewünscht, wenigstens auf Zeit kurz auszusteigen aus der Normalität des Alltagslebens? Unsere Sprache hat viele Bilder für solche Motivkonstellationen, man spricht vom grauen Alltag, vom fehlenden „Salz in der Suppe“ bei einer Zweierbeziehung oder davon, dass Abwechslung auch gut tun kann. Die virtuellen Zweitwelten bieten uns ganz offensichtlich eine Plattform für die Realisierung solcher Wünsche, und die Tatsache, dass SL weltweit über 16 Millionen Teilnehmer hat, zeigt doch, dass viele von uns sie zumindest zeitweise auch realisieren, wenigstens ein Stück weit, oder eine Zeitlang.

Aussteigen für immer oder: Strangers in Paradise 

Party im Skybox ClubSeit es virtuelle Zweitwelten gibt, berichtet die Boulevardpresse über solche Second Life- „Beziehungskisten“, und am liebsten natürlich dann, wenn es schiefgegangen ist. Wir alle kennen die Medienberichte vom realen Beziehungsstress in einer Ehe, der dann entsteht, wenn sich bei einem der Partner durch übermäßigen Konsum von Computerspielen die Realitätsebenen verschieben und er oder sie zwischen Traum und Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden kann, vulgo zu spinnen anfängt. Wenn das scheinbare Paradies aber mit der Realität kollidiert, kann das allen Beteiligten sehr weh tun. In England, den USA, in Kanada und sicher auch anderswo wurden aus diesen Gründen schon reale Ehen geschieden. Einzelfälle? Dass es sich im Gegenteil möglicherweise um ein latentes Massenphänomen handelt, zeigt die Tatsache, dass sich neuerdings auch Hollywood für das Thema interessiert. Wie VWInfo berichtete, kaufte der US-Regisseur Gore Verbinski (berühmt für seine „Fluch der Karibik“-Filme) die Rechte an einer 2007 im Wall Street Journal erschienenen Geschichte über ein solches reales Beziehungsdrama, das sich in den USA abspielte und in dem SL eine tragende Rolle spielte, weil die Beteiligten nicht mehr unterscheiden konnten zwischen Traum und Wirklichkeit.

Warum verschieben sich bei manchen SL-Residents die Realitätsebenen?

Nun kann man natürlich einwenden, wenn man SL die Schuld für so eine Krise zuschreibt, schlägt man den Sack und meint aber den Esel. Das ist sicherlich nicht falsch, denn nicht immer sind nur die Verhältnisse schuld, ein guter Teil der Verantwortung bleibt auch bei den beteiligten Menschen. Wer seine fünf Sinne beieinander hat, sollte doch eigentlich wirklich unterscheiden können zwischen dem, was ihm eine SL-Beziehung vorspiegelt und dem, was Fakt ist.

Und wenn sich ein Mann real in eine Avine verliebt, weil sie so toll aussieht und sie auch sonst geistig und „interessenmäßig“ auf einer Wellenlänge mit ihm liegt, dann hat er seine fünf Sinne nicht mehr beieinander, denn das elektronische Medium erlaubt ihm nur, einen davon einzusetzen, nämlich das geschriebene Wort, und alles andere ist nichts als pure Phantasie und eine Luftnummer. Denn vielleicht ist die Avine real gar keine solche, sondern ebenfalls ein Mann, und die Interessen der beiden finden nur in einem einzigen Punkt zusammen, nämlich bei einem virtuellen Sexabenteuer: Ball paradox.

Kommunikations-Chancen verbessert
 
Der Computer als Medium erleichtert die Kommunikation, engt aber die Wahrnehmung ein. Sich zuhause an einen Laptop zu setzen und zum Beispiel innerhalb SL über die Tastatur seines Geräts mit realen Menschen in aller Welt zu kommunizieren und mit ihnen persönliche Erfahrungen austauschen zu können, ist einerseits wirklich toll. Ich selbst verdanke ihm viele neue Bekanntschaften, auch Freundschaften. Wie anders wäre es möglich, mit einer 31-jährigen Mathematikerin in Buenos Aires über das neue Buch von Daniel Kehlmann zu sprechen? Oder wann hätte ich je Gelegenheit gehabt, diese wirklich witzige junge Dame in New York kennenzulernen und mit ihr über Obama’s Wahlkampf zu diskutieren, in dem sie eine aktive Rolle spielte? Das Medium SL hat meine Oberfläche vergrößert und meine Kommunikations-Chancen verbessert.
Wahrnehmung eingeengt 

Andererseits ist klar, dass SL als Medium gleichzeitig auch meine Wahrnehmung eingeengt hat. Ich habe keinen meiner SL-Freunde jemals sprechen hören, noch habe ich einen/eine davon jemals real gesehen. Es ist doch interessant, dass viele SL-Residents die Voice-Funktion deshalb ausblenden, weil diese ihre liebgewordenen Illusionen zerstören könnte (Tom Boellstorff, UCLA, Ergebnis aus seinen SL-Feldforschungen). Und auch die anderen menschlichen Sinne: Fehlanzeige, ausgeblendet. Insofern ist eines klar: Wer seinem virtuellen Leben zu viel Platz einräumt, gerät leicht in die Gefahr, der realen Träumerei zu verfallen, und daraus wieder aufzuwachen, kann schmerzlich sein oder auch mal dauerhaft  böse enden, wie die oben geschilderten SL-bedingten Scheidungsfälle zeigen.

Weitere VWI-Artikel zum Thema:

Mann geht in Second Life fremd - Frau reicht Scheidung ein

Wieviel Prozent Frau steckt in einem Mann? Der Selbstversuch in SL

(Bildmaterial: VWI und Pixelio.de)
 

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