Philip Rosedale: Was Second Life erfolgreich macht 
Kolumnen
Samstag, den 07. März 2009 um 09:47 Uhr
Philip Rosedale Philip Rosedale, Gründer und heutiger Aufsichtsratsvorsitzender von Linden Lab, gilt seit jeher als einer der originellsten und wichtigsten Vordenker der virtuellen Gemeinde weltweit.

Das Time Magazine listete ihn im Jahr 2007 unter die einhundert einflussreichsten Menschen der Welt. Seit seinem Rückzug aus dem Tagesgeschäft bei Second Life im März 2008 ist der 40-jährige Ex-CEO auch ein begehrter Interviewpartner der Medien geworden. Anthony Gell vom Sender BVO (Business Voice) interviewte ihn kürzlich zweimal, die Interviews wurden als Videos auch auf SL Talk verlinkt und damit auch der deutschen Gemeinde zugänglich gemacht. VWI liefert hier eine kurze inhaltliche Zusammenfassung der beiden Videoclips.


Wie ist ein Erfolgsmenschen wie Philip Rosedale eigentlich gestrickt?

Du musst deine Arbeit lieben, und du musst mit einer riesigen Leidenschaft an das rangehen, was dir als deine Aufgabe vorschwebt. Wenn du innerlich soweit kommst, wirst du dich natürlich enorm konzentrieren auf deinen Job und deine Aufgabe, und ich meine, du wirst dann auch an den kleinen Details dran bleiben. Viele Leute haben heute die eine Idee und morgen eine andere, das bringt nichts. Wenn deine Idee aber so stark ist, dass sie zu einer Leidenschaft wird, die dich treibt, dann wirst du auch Erfolg haben.

Ich glaube, dass wir bei der Entwicklung von Second Life viele Leute hatten, die so tickten. Was natürlich ebenso wichtig ist, du musst immer realistisch bleiben, darfst die Bodenhaftung nicht verlieren. Kreative Leute tendieren dazu sich zu überschätzen, ich weiß. Du denkst immer, du weißt genau, wo es langgehen wird, aber das ist manchmal falsch. Umso wichtiger ist es gerade für Projektdesigner und Innovatoren, vom hohen Ross herunter zu kommen. Man sollte einfach öfters mal rausgehen und dort in den Markt reinhören, was die Leute denn dazu sagen, was man so vorhat.

So haben wir es bei Second Life gemacht, wir haben öfters hier und hier und dort Details am Produkt verändert, wenn der Markt uns das signalisiert hat. Markt-Voraussagen über ein Jahr hinaus sind einfach nicht möglich, umso wichtiger ist es, schnell auf aktuelle Trends zu reagieren.


Und warum war speziell Second Life so erfolgreich?

Ich denke dass der wesentliche Unterschied von SL zu anderen Computerspielen die Freiheit ist, die wir unseren Nutzern geben oder besser gesagt, von ihnen verlangen. SL ist geradezu darauf angewiesen oder es ist seine Grundidee, dass den Spielern oder Residents nichts oder nur ganz wenig an Pflichten oder Aufgaben vorgegeben wird. Im Gegenteil, damit SL funktioniert, braucht es freie Geister, kreative und intelligente Leute, die neugierig und innovativ sind, etwas anpacken, Aktivitäten oder Geschäfte, Spiele oder Projekte in Gang setzen. Das ist ganz genau so wie in der sogenannten „Wirklichkeit draußen“ und deshalb glaube ich auch, daß Second Life kein Spiel ist, sondern eine neue virtuelle Welt. Die Leute mögen diese Idee, etwas frei gestalten zu können, und deshalb läuft SL so gut.

Zur richtigen Zeit mit dem richtigen Produkt in den Markt gegangen

Natürlich hatten wir auch das Glück, mit unserem Produkt zur richtigen Zeit am Markt zu sein. Viele Leute vor mir hatten z.B. Ende der 80er oder in den frühen 90er Jahren die Idee, so etwas wie SL zu machen, aber damals war die Breitbandtechnolgie und die Computergrafik noch nicht weit genug. 1999, als wir bei Linden Lab mit SL anfingen, war dann die die Technik stabil genug für das Projekt. Abgesehen von der Technik war’s aber doch die Idee des Selbermachens, welche die Nutzer fasziniert hat. Hinter dem Internet als Ganzes steckt doch die Idee der freien Kommunikation, und Freiheit, d.h. freies Gestalten, Bauens - und offenes Miteinander-Umgehen ist doch das, was den Leuten an SL gefällt. Und ich denke, die Leute auf der ganzen Welt gleichen sich in dem Wunsch, sich frei verwirklichen zu können.
Second Life bietet ihnen eine Plattform dafür.

Die Mitarbeiter auf die Geschäftsidee einschwören

Ich gebe zu, für eine Firma wie Linden Lab, die ja auch Geld verdienen muss, ist dieser Gedanke, einen Teil der Kontrolle aus der Hand zu geben, nicht immer ganz unumstritten gewesen, und so war das auch damals bei uns. Auch ich konnte mir nicht von Anfang an darüber immer sicher sein, dass es mit diesem Konzept gut gehen wird. Deswegen war es mir persönlich immer ganz wichtig, jeden Mitarbeiter bei Linden Lab hinter dieser Idee zu wissen. Jeder einzelne Mitarbeiter sollte die Strategie der Firma kennen und sie mit tragen, so dass alle am gleichen Strang ziehen. Unser Mitarbeiter auf allen Ebenen sollten nicht immer nur das tun, was ihnen ihr Chef sagt, sondern verstehen, was die Firma will, d.h. jeder sollte in seinem Job ein wenig „strategisch mitdenken“ und handeln.

Firmenkultur bei Linden Lab ist anders


Die Idee, daß jeder Mitarbeiter die Firmenziele verinnerlicht und deshalb stets seine Ideen kreativ einbringen sollte, machte unsere Firmenkultur natürlich anders als bei einem durchschnittlichen Betrieb. Wir hatten stets eine Menge Spass im Büro. Und die Mitarbeiter hatten eine Menge persönlicher Freiheiten, oft war ihr Arbeitsplatz außerhalb des zentralen Büros. Aber das Ganze lief natürlich nicht chaotisch und führungslos, sondern in einem relativ festen Rahmen. So war jeder Mitarbeiter der Gemeinschaft gegenüber verantwortlich für seine Arbeitszeit, d.h. er musste wöchentlich Rechenschaft ablegen über das, was er in der Woche gemacht hatte, ob es erfolgreich war,  warum es erfolgreich war oder warum nicht. Diese Berichte wurden als E-Mails abgegeben, und das Interessante dabei ist, dass diese Mails nicht nur an die Firmenleitung gingen, sondern jeder der Kollegen dort Einblick hatte. Dieser Gedanke verbindet Freiheit mit Verantwortung, und ich glaube es hat sehr gut funktioniert bei Linden Lab.

Links:
BVO Interview mit Philip Rosedale
SLTalk mit Link zu den YouTube Videos

 

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