Bald 10% jugendliche Killer - Debattierungsfolge(runge)n 
Kolumnen
Montag, den 16. März 2009 um 16:12 Uhr
Im Netz gefangen - St.Hofschläger @ Pixelio Aufgrund der aktuellen Debatten, die auf die Greueltat in Winnenden folgen, ebben alte Diskussionen neu auf, die noch nicht final geklärt werden konnten oder wollten.

Eine aktuelle Studie wurde präsentiert, laut der 8,5 Prozent der deutschen Jugendlichen, die World of Warcraft spielen, suchtgefährdet "mit Kontrollverlust und Entzugserscheinungen" sind.
So befand das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN), allen voran Christian Pfeiffer, der für seine Meinung als Spielegegner bekannt ist.

Mehr als 40.000 Jugendliche im Alter von 15 Jahren wurden für die Studie befragt. Die Hochrechnung erfolgte standesgemäß exemplarisch. 14.000 Jugendliche sind demnach computerspielesüchtig, weitere 23.000 akut gefährdet.

Die dreifache Zeit verbringen jugendliche Jungen im Vergleich zum Jahr 2005 damit vor ihrem PC. Genauer gesagt 130 Minuten an jedem Wochentag und 167 Minuten an Wochenend-Tagen. Bei Mädchen beläuft sich die Zeit etwas geringer.

WoW Wallpaper Orc @ Blizzard Als besonders potenziell gefährlich sieht das KFN den Kassenschlager World of Warcraft an, dem die jugendlichen Spieler im Schnitt 3,9 Stunden am Tag frönen. Schlussfolgernde Forderung des KFN-Leiters Christian Pfeiffer ist es, dass das Mindestspielalter bundesweit von 12 auf 18 Jahre anzuheben. Denn, so Spiegel Online, "nach Erkenntnissen der KFN-Studie (ist) das Spielen von Online-Rollenspielen ein risikoverstärkender Faktor. Zwar führe selbst exzessives Spielen allein noch nicht automatisch zu einer suchtartigen Abhängigkeit, das Potenzial stiege jedoch." Die Studie und weitere Ergebnisse sollen am Montag, dem 16. März 2009, in Hannover vorgestellt werden.

Frank Pearce, einer der Gründer Blizzards, der Onlineschmiede WoWs, hatte im August 2008 im Gespräch mit Golem.de darauf hingewiesen, dass es möglich sei, die Onlinezeit in World of Warcraft zu begrenzen - durch den Spieler selbst oder seine Eltern. Außerdem habe sein Team "in die Benutzeroberfläche von World of Warcraft eine Stoppuhr integriert - wer genauer darauf achten möchte, wie lange er spielt, kann das jetzt ebenfalls", so Pearce.

Medienpädagogen rufen hingegen zu Kompetenz auf - so läge es doch auf der Hand, dass die Medienkompetenz der Eltern gefragt sei, dass sie sich mit ihren Kindern und vor allem auch derer Freizeitbeschäftigung konfrontieren, sie hinterfragen und gegebenenfalls aufklärerisch tätig werden. Dass die sogenannten "Killerspiele", also jegliche Games, die Waffen beinhalten, nicht ausschließlich die Pflege des Killerinstinktes zur Grundlage haben, dürfte klar bewiesen sein - der Anreiz der Motivation bestünde andernfalls in einem absoluten Minimum.

Mehr und mehr wird jedoch wieder über absolute Maßnahmen diskutiert, gar ein Schreiben, der Kölner Aufruf, geht um die Welt, das strikte Maßnahmen fordert und bereits von mehr als 400 Politikern und Entscheidern unterschrieben worden ist.
Laut Heise Online sagte der Kriminologe Pfeiffer, der ebenfalls als einer der ersten Befürworter des Kölner Aufrufs gilt: "Was viele Medienpädagogen machen, würde ich nicht Wissenschaft nennen; die Thesen dieser Kollegen beruhen nicht auf solide durchgeführter empirischer Forschung, sondern stellen sich als schlichte Meinungen dar."

Schüler am PC - Alexander Hauk / bayern-nachrichten.de @ Pixelio Offene Angriffe sind im Schreiben (leider) an der Tagesordnung, so wird unter anderem das Projekt Spielraum als fraglich dargestellt, als auch die Bundeszentrale für politische Bildung (BpB).
Der Vorsitzende der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK - Dachverband der Medienpädagogen), Norbert Neuß, empörte sich über das Schreiben:
"Besonders problematisch ist die Rigorosität des Kölner Aufrufs in Sprache, Form und Forderungen. Auch ich halte einige Computerspiele für problematisch. Dennoch ist die Diffamierung aller Spieler als „Killer“-Spieler, die (Zitat) „zu Tötungsmaschinen auf den virtuellen und realen Schlachtfeldern dieser Welt abgerichtet werden“, inakzeptabel und inhuman. Denn ob Kinder, Jugendliche oder Erwachsene ein solches Spiel spielen oder nicht, sagt noch nichts über ihre militante und persönliche Entwicklung aus. Aus der Position eines Spielers kann man nur mit Ablehnung darauf reagieren, als potenziell abgerichteter Mörder bezeichnet zu werden", so Neuß gegenüber dem Medienportal Der Westen.

Es wird also Zeit, dass "Kompetenzen" sich auch kompetent verhalten, Diffamierungen unterbleiben und man sich in der Politik darauf besinnt, dass 100% 15-jähriger Jugendlicher, die World of Warcraft spielen, nicht zwingend Killer werden. Sinnvolle Maßnahmen sind anzuraten, momentane Tendenzen scheinen eher Debattenzwecken zu dienen. Medienkompetenz ist kein Macht-Wert, sondern Kompetenz, also Wissen - und deren korrekte Interpretation in die Politik zu tragen.

Ein umfassendes Verbot, das unrealistisch ist und so nicht durchgesetzt werden könnte, müsste konsequenterweise die Schließung aller Schützenvereine nach sich ziehen, die tief in der Tradition des Landes verankert sind. Wasserspritzpistolen und Räuber-und-Gendarm Spiele dürften zudem als gefährliche Motivationen für tatsächliche, spätere Kriegsdienste oder Attentate zu betrachten sein.

Vorsicht also - Gewalt droht überall - sogar im Fernsehen. Und das nicht erst seit Winnenden oder Erfurt oder dem ersten Krieg der Menschheit überhaupt...

Links:
GMK Stellungnahme zum Kölner Aufruf
Spielraum - Institut zur Förderung von Medienkompetenz - Meinungsbilder / Meinungsmacher
Kölner Aufruf


Bildquellen:
Stephanie Hofschläger, Im Netz gefangen
Alexander Hauk / bayern-nachrichten.de, Schüler am Computer
 

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