CSU-Minister Herrmann als politischer Geisterfahrer am rechten Rand unterwegs 
Kolumnen
Montag, den 06. April 2009 um 08:25 Uhr
Joachim Herrmann © Manfred E. FritscheAus dem bayerischen Staatsministerium des Inneren flatterte uns am Mittwoch, den 31. März, eine Pressemitteilung auf den Tisch mit der Überschrift: "Innenminister Joachim Herrmann fordert die deutsche Computerspielbranche auf, keine Geschäfte mit Tötungssoftware zu machen."

Killerspiele, so der Minister, förderten die Gewaltbereitschaft und ließen die Fähigkeit, Mitleid zu empfinden, verkümmern. Außerdem machten sie süchtig, stünden also auf einer Stufe mit Drogen und Kinderpornografie, und widersprächen somit dem Wertekonsens einer auf friedlichem Miteinander beruhenden Gesellschaft - ergo: sie gehören geächtet. Beim Lesen der ministerialen Botschaft warf unser Kolumnist Gaffer Strom einen kurzen Blick auf den Kalender: Tatsächlich, inzwischen schrieb man den 1. April.

Nur ganz so einfach als Aprilscherz sollte man die Meinung des Ministers nicht stehen lassen.

Nun sind die bayerischen Landtagswahlen inzwischen vorbei, und der Wähler hat die CSU dort entsprechend abgestraft. Deshalb verwundert es eigentlich wenig, dass Herr Herrmann hier als Geisterfahrer am rechten politischen Rand zum Zweck des Stimmenfangs unterwegs ist, und einem Politprofi wie ihm macht es ja nichts aus, auch mal ein wenig im Trüben zu fischen. Glückwunsch, Herr Minister, zu Ihrer Erkenntnis, warum sind wir nur nicht selbst darauf gekommen? Die Zusammenhänge sind doch völlig klar und einfach. Jugendgewalt, Amokläufer, Realitätsverlust und Suchtgefährdung und danach das Abgleiten in den kinderpornografischen Sumpf, das kommt alles allein von den Computerspielen. Damit geht alles los, dort liegt der Hund begraben, das ist wissenschaftlich klar erwiesen. Professor Pfeiffer lässt grüßen.

Klarheit besteht allerdings nur für einfache Geister, und für die ist ohnehin schon immer alles klar gewesen. Ich bin mir allerdings sicher, dass weder der Minister noch diejenigen, die ihm jetzt Beifall klatschen, jemals ein Computerspiel gespielt haben. Noch wären diese Herrschaften jemals in der Lage, uns im Einzelnen zu sagen, was nun eigentlich ein Killerspiel sei und was nicht.

Müsste man dann nicht auch bei der Programmstruktur der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender stärker durchgreifen, Herr Minister? Geht’s dort nicht auch recht gewalttätig zu? Soll der sonntägliche "Tatort" vor die Zensur? Müssen wir unseren Buben die Wasserpistolen wegnehmen? Nein, Herr Minister, uns ist inzwischen klar geworden, dass Sie nicht ganz so simpel gestrickt sind, wie Sie hier tun. Immerhin sind Sie ja Staatsbeamter, Volljurist und Inhaber des bayerischen Verdienstordens. Als solcher sollten Sie Artikel 5 des Grundgesetzes kennen: Eine Zensur findet nicht statt. Auch keine vorauseilende Selbstzensur.

Aber darum geht es dem Minister wohl offensichtlich nicht. Es geht ihm keineswegs um die Sache, sondern um Emotionen, und Herr Herrmann ist seit über 30 Jahren Politiker und damit Profi genug, um zu wissen, wie man die Emotionen seiner Wähler bedient, gerade die der einfach gestrickten Leute. Traurig genug, aber der Verdacht drängt sich doch auf, dass hier lediglich die Vorurteile der untersten gesellschaftlichen Schichten bedient werden sollen, um damit Stimmung zu machen und Wählerpotenzial für die CSU zu gewinnen, die man sonst an die rechten Splitterparteien verlieren würde. 

Das Massaker von Winnenden hat viele Menschen, nicht nur die unmittelbar Betroffenen, ratlos, traurig und emotional aufgewühlt zurück gelassen. Schade, dass es Leute gibt, die sich nicht scheuen, bereits wieder ihr politisches Süppchen auf diesen Emotionen zu kochen.


Weiterführende Links:

Killerspiele - Alle Artikel bei VWI
Der erste Parlamentarische Spieleabend am 17. Juni 2009
Die zugehörige Pressemitteilung

Bild: Joachim Herrmann, mef-presseservice, Fotograf: Manfred E. Fritsche, 04.05.2006

 

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