Computerspiele: Eine inhaltliche Auseinandersetzung findet nicht statt 
Kolumnen
Mittwoch, den 13. Mai 2009 um 04:33 Uhr
Das schreckliche Massaker von Winnenden hat viele Fragen aufgeworfen, die bisher ohne Antwort blieben. Was motivierte einen Siebzehnjährigen zu einem solchen Exzess von Gewalt? Wieviel Enttäuschung, Frustration und Zurückweisung musste sich in der Psyche eines jungen Menschen ansammeln, um zu solch schrecklichen  Ausbrüchen und Zerstörungen zu führen?

Oder denken wir um zu viele Ecken, wenn wir hier mal wieder auf die Hypothese des Frustrations-Aggressionszusammenhangs verfallen? Sind die Zusammenhänge etwa viel einfacher? Sind es nur die Ballerspiele am Computer, die von "dummen Jungen" für bare Münze und als schlechtes Vorbild für die Problemlösung in der realen Welt genommen werden?

Oder ist es vielleicht doch ganz anders?  Ist die quasi-mechanistische Sichtweise, die im Medienkonsum eine einfache Erklärung für solche Gewaltausbrüche zieht, überhaupt die Richtige? Aber so simpel liegen die Zusammenhänge sicherlich nicht. Vielleicht müssen wir uns einfach damit abfinden, dass das Böse als Möglichkeit im Prinzip in jeder menschlichen Gesellschaft ebenso existiert wie das Gute. Wenn es so wäre, wäre es zu kurz gedacht, nur nach den gesellschaftlichen Ursachen für solch monströses Fehlverhalten zu suchen. Aber genau solches Denken prägt heute unsere Politiker, die via Amt für diese Antworten zuständig sind.

Die Mutter einer getöteten Schülerin fragt mit Recht, worin der echte Nutzen eines Computerspiels liegt, in dem Menschen virtuell vernichtet werden. Diese Frage versuchten Vertreter der deutschen Gamerindustrie mit sachlichen Argumenten zu beantworten, indem sie Computerspiele als essentiellen Teil der modernen Jugendkultur zeigen und einer breiten Bevölkerung bekannt machen wollten. In etwa nach dem Motto: Seht her, wir sind gar nicht so schlimm. Es geht um manuelle Geschicklichkeit, Teamwork und strategisches Denken. Wahrscheinlich hatte die Gamerindustrie mit ihrer offensiven Reaktion sogar recht, denn Klarheit im Kopf entsteht nur durch Aufklärung und Information. Vernachlässigen wir den sicherlich auch mitgedachten Nebenvorteil, dass durch diese breit angelegte Infokampagne vielleicht ein paar tausend Spiele mehr über den Ladentisch gegangen wären.
 
Leider kam alles ganz anders, Aufklärung und sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema fand nicht statt, dagegen wird nach wie vor hauptsächlich symbolische Politik betrieben. Politiker rechter Couleur liefern uns scheinbare Patentlösungen, die vor allem auf das beliebte deutsche Wort VERBOTEN hinaus laufen. Auffällig ist, dass gerade die CSU in Bayern und Franken in vordergründigen Aktionismus verfällt, um so dem Wahlvolk zu demonstrieren, sie seien Herr des Verfahrens. Gleichzeitig finden Informationsabende und aufklärende Aktionen der Spieleinindustrie, ihre Produkte bei Eltern und Lehrern bekannt zu machen, kaum Anklang.
Erwachsene meiden diese Spiele fast wie der Teufel das Weihwasser. Selbst wenn es sich um reine Informationsabende handelt, man hätte sich ja nur vor den Bildschirm setzen und zuschauen brauchen.  Aber offenbar geht durch die Gesellschaft bzw. die Generationen in dieser Beziehung so etwas wie ein Riss: Computerspiele? Igitt! Dem Ganzen haftet etwas Unseriöses an, so etwa in der Art "Spielhölle". Hier geht es um nichts anderes als um Berührungsängste, hier will man kulturelle Grenzen nicht über- oder unterschreiten. In Nürnberg, der früheren Stadt der Reichsparteitage, sind Waffenmessen besser gelitten als Messen für Computerspiele, dafür sorgt der Nürnberger OB persönlich. Aufklärung und inhaltliche Auseinandersetzung mit diesem Teil der Jugendkultur findet also nicht statt.

Politiker wie Frau Christine Haderthauer (CSU) tummeln sich, wie üblich, dort wo das gesunde Volksempfinden zuhause ist, unterstützt von der von etablierten Computerspielgegnern aus der Kriminologie (Prof. Pfeiffer). Frau Haderthauer, immerhin als bayerische Sozialministerin unter anderem für den Jugendschutz zuständig, lässt sich von der BILD-Zeitung interviewen und posaunt dort in die Welt hinaus, sie wolle World of Warcraft verbieten lassen. Verbote gehen ja immer in Deutschland. Sie bringen zwar nichts, aber der Beifall breitester Schichten wird dem Politiker sicher sein, der das Verbot durch gesetzt hat, und um nichts anderes geht es bei solcher Art Politik. Wir möchten Frau Haderthauer fragen, ob sie nur dem kürzlichen Beispiel ihres Kollegen Innenministers folgte, oder ob sie etwa von ihrem großen Vorsitzenden Horst Seehofer als "Minenhund" ins unbekannte Gelände voraus geschickt wurde?
 
Deutsche Menschen, vergleicht man sie mit ihren französischen oder italienischen Nachbarn, haben ein paar Besonderheiten, die gemeinhin als Mentalitätsunterschiede bezeichnet werden und die uns in der Geschichte bereits ein paar Mal ernsthaft zu schaffen gemacht haben. Liebt der Lateiner die Klarheit des Wortes und des Gedankens ebenso wie seine Freiheit als Individuum, so schätzt der Deutsche vor allem anderen die Gemeinschaft und den Gemeinsinn, und er läuft auch gerne seinen politischen Führern hinterher, die ihm die scheinbar einfachen Antworten liefern, um in der komplexen Welt da draußen besser zurecht zu kommen. Von Manfred Rommel stammt der Satz, der Deutsche liebe das Dunkle und Geheimnisvolle, weil er es für tiefgründig halte. Und wenn ein Deutscher etwas nicht verstehe, suche er den Grund erst einmal bei sich selbst, indem er annehme er sei zu dumm um seinem Gegenüber zu folgen. Wir plädieren dafür, etwas gegen diese unsere deutsche Untugend der Zurückhaltung gegenüber Obrigkeiten zu tun.  Stellt euren öffentlichen Repräsentanten mehr Fragen. Hinterfragt die scheinbar einfachen Antworten, meistens steckt ein Gruppeninteresse dahinter.

Mit Verboten von Computerspielen wie WoW ist das Problem der Gewalt in der Gesellschaft nicht gelöst. Solche Verbote sind reiner Aktionismus wenn sie überhaupt etwas bewirken, dann schaden sie unserer Gamerindustrie.  Hinter die Zusammenhänge von Jugendgewalt und Medienkonsum kommen wir nur, wenn wir gemeinsam über die Sache reden. Die Sprösslinge werden Papa und Mama nicht zuhören, wenn sie merken, dass die Ermahnungen der Eltern nur angelesene Weisheiten aus dritter Hand sind. Ein Lehrer erreicht seine Schüler nur dann mit berechtigten Warnungen, wenn seine Schüler merken, dass der Lehrer weiß, wovon er spricht. Deshalb plädieren wir für bessere Aufklärung der älteren Generation. Die Älteren sollten die Jugendkultur besser kennen lernen, mit einer "Igitt-Haltung" ist es nicht getan.
Und Verbote, soviel sollte klar sein. machen die Sache für die Jungs und Mädels nur interessanter.

 

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