Journalismus im Internet - von zwei Seiten aus betrachtet 
Kolumnen
Donnerstag, den 21. Mai 2009 um 11:54 Uhr
VWI KolumneWo steht der Onlinejournalismus heute aus Verlagssicht?  Mit dieser Frage beschäftigten sich kürzlich einige namhafte deutsche Chefredakteure und Verleger von Printmedien, die anlässlich des "Medientreffpunkts Mitteldeutschland" in Leipzig zusammen gekommen waren.

Primär ging es – wie nicht anders zu erwarten – um die Frage, ob mit Online-Zeitungen oder Onlinemagazinen vernünftiges Geld zu verdienen sei.
Unser Kolumnist Gaffer Strom fasst einige interessante Positionen der Medienmacher zusammen und fügt ein paar  Gedanken aus der Sicht des schreibenden Journalisten hinzu.

Online-Journalismus noch in der Aufbauphase

Eine einheitliche Branchenmeinung über den Erfolg oder Misserfolg von Online-Textmedien im Vergleich mit den klassischen Printmedien gibt es noch nicht, wobei die Einschätzungen immer noch schwanken zwischen "Hysterie und Selbsthypnose", wie es einer der Diskussionsteilnehmer griffig zusammenfasste. Zwei Fakten liegen klar auf dem Tisch: Der Onlinejournalismus befindet sich immer noch in der Aufbauphase, und die gedruckte Zeitung hat weiterhin mit sinkenden Anzeigeneinnahmen zu rechnen.

Die Onlineauftritte zahlreicher Zeitungs- und Zeitschriftenverlage werden heute in aller Regel noch ohne allzu viel Aufwand und meistens von beauftragten Servicefirmen hergestellt, welche die gedruckte Zeitung Blatt für Blatt abfotografieren und anschließend ins Internet stellen, wo der Leser dann am Bildschirm in seiner Zeitung "blättern" kann – was er noch aber trotz sehr niedriger Nutzerpreise noch viel zu selten tut.
Der Lesekomfort am Bildschirm ist trotz variabler Formatwahl und anderen Kriterien noch relativ gering und die Nutzungsfrequenz sehr niedrig, deshalb sind sich viele Zeitungsverleger einig, dass dies wohl nicht die Form der Zukunft sein kann. Hubert Burda meint deshalb, mit Onlineblättern ließen sich nur "lausige Pennies" verdienen, nur Matthias Döpfner vertritt die Meinung, Onlineblätter könnten sich irgendwann einmal als ein profitables Geschäftsmodell herausstellen. Die Betonung legte Herr Döpfner allerdings auf das Wort "irgendwann", was wiederum klar macht, dass der Daumen sich noch in der Waagerechten befindet.
Tatsache ist, dass sich im Augenblick viele an dem Hype um Onlinepublikationen beteiligen, und zwar Berufene genauso wie Unberufene. Ebenfalls ist klar, daß niemand weiß, wohin die Reise einmal gehen wird. Insofern erinnert die Situation ein wenig an die alten Goldrausch-Zeiten, und mancher, ob etabliert oder Newcomer, ob Journalist oder Verleger, hofft dass die Karten nochmals ganz neu gemischt werden.

Wo bleibt die Qualität?

Neben den Onlineauftritten der etablierten Medien haben sich  eine Menge an Newcomern und Start-Ups zu Wort gemeldet, die im neuen Internetmedium ihre Chance suchen. Als einer, der selbst ein Beteiligter ist,  muss man ehrlich und deshalb auch selbstkritisch sein.
Nicht immer ist es erstklassige Qualität, was da bei manchen Blogs oder Internet-Magazinen so Tag für Tag auf dem Bildschirm erscheint. Wie könnte es anders sein? Hat nicht auch Bill Gates in einer Garagenfirma angefangen, als noch niemand wusste, wer Microsoft war? Mangelnde Größe ist nicht das Problem, mangelnde Qualität kann sehr wohl zum Problem werden. Wobei man das, was dieses schillernde und vielbenutzte Wort "Qualität" bedeutet, sehr wohl an den Leserzahlen und Zugriffshäufigkeiten ablesen kann. Insofern ist das Netz doch außerordentlich demokratisch oder selektiv, wie immer man es nennen will. Gegen seine Leser anschreiben kann jedenfalls keiner, womit das Hauptkriterium für Qualität auch bereits genannt ist: der Leser entscheidet, ob er einen Artikel liest oder nicht. Und er entscheidet auch, ob er eine bestimmte Publikation im Internet aufschlägt, oder seine Zeit für etwas anderes verwendet, vielleicht zum Spazierengehen. 
Natürlich hinkt das Beispiel mit Bill Gates aber auch deshalb, weil in unseren Online- Redaktionsstuben nicht lauter Genies arbeiten, und oftmals sind wir Internetautoren auch gar keine "wirklichen" Journalisten, sondern Quereinsteiger oder Hobbyschreiber. All das ist wahr, hindert uns aber nicht, weiter zu schreiben. Dabei können wir durchaus auch investigativ an eine Sache herangehen, wie das Beispiel des Stern gezeigt hat, dessen Onlineredakteure die kürzlichen Datenskandale bei Lidl und der Deutschen Bahn aufgedeckt hätten. Qualität ist also absolut keine Sache des Mediums, und das Label des "doofen Bloggers" oder Dünnschicht-Schreibers müssen wir uns nicht anhängen, nur weil wir im Internet schreiben und dies nicht in der etablierten Szene.

Dass Qualitätsjournalismus Geld kostet, ist sicher richtig. Andererseits sollte der Satz den geneigten Leser aber nicht zu dem Umkehrschluss verleiten, bei den virtuellen Magazinen sei dieser Qualitätsjournalismus nicht möglich, weil sie noch kein Geld verdienten. Die technische Entwicklung geht so schnell vorwärts und die bereits heute gebotenen Möglichkeiten des Internets, Informationen, Bilder, Videos und andere Botschaften mit einem herkömmlichen Text-Artikel zu verlinken sind so groß und vielfältig, was dem Rezipienten ganz neue Möglichkeiten eröffnen wird, Nachrichten und Unterhaltung zu konsumieren.
Und dieses in einer Erlebnisqualität, die bisher nicht bekannt war. Ob sich das reale Medienkonsum-Verhalten der breiten Bevölkerung allerdings so schnell ändert, ist noch nicht klar. Theoretisch ist vieles möglich, und für uns schreibende Autoren ist es jedenfalls riesig interessant, dabei gewesen zu sein.  

Link:
Medientreffpunkt Mitteldeutschland

 

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