Lookism in Second Life 
Kolumnen
Samstag, den 30. Mai 2009 um 10:00 Uhr
LookismWährend der Weg den durch Medien normierten Schönheitsidealen zu entsprechen, in der realen Welt für viele Menschen oft mit massiven Hindernissen verbunden ist, braucht es in Second Life oft nur wenige Handgriffe, um dem eigenen Avatar einen perfekt austarierten Körper zu verpassen.

Eine kritische Reflexion über diese 1:1 Übernahme von Schönheitsnormen aus dem Real Life findet nicht statt, die Chance diese Normen wirklich hinter sich zu lassen, wird nur von einer Minderheit wahr genommen.

Second Life, eine Welt ohne Bierbäuche und Hängebrüste

In den USA leidet inzwischen knapp ein Drittel der Bevölkerung an Fettleibigkeit (Adipositas), in Deutschland sind laut aktuellen Untersuchungen 37 Millionen Erwachsene übergewichtig oder adipös (Wikipedia). Nun bilden SL-Nutzer vielleicht nicht unbedingt einen Querschnitt der Bevölkerung, dennoch würde man vermuten, dass sich diese Körpermaße wenigstens halbwegs auch im zweiten Leben widerspiegeln, wenn die Mehrheit der SL-Residenten wirklich bemüht wäre, das virtuelle Erscheinungsbild wahrheitsgetreu dem realen anzupassen.

Doch das gilt natürlich nicht als erstrebenswert. Selbst jemand der darauf besteht, er würde keine großen Unterschiede zwischen virtueller und realer Sphäre machen, der sich in beiden Welten gleich gibt, wird dabei in der Regel nicht soweit gehen, unvorteilhafte RL-Körpermerkmale für seinen Avatar zu übernehmen.

"Schönheit liegt im Auge des Betrachters"
, sagt man. Und die meisten SL-Nutzer nehmen für sich sicherlich in Anspruch, ihren Avatar ganz individuell nach ihrem persönlichen Schönheitsbegriff zu gestalten. Es kann jedoch kaum ein Zufall sein, dass diese "Schönheit" dann auffällig oft (nicht immer) den Körpernormen entspricht, wie sie einem im Real Life im Fernsehen, auf Werbeplakaten und aus Zeitschriften entgegenschlägt. Offenbar ist das, was man als "individuell" deklariert dann doch von einer kollektiven Norm abgeleitet.

Es gibt weibliche Avatar mit normalen und übergroß wirkenden Brüsten in Second Life, aber wann sieht man hier schon mal einen Hängebusen oder nicht völlig symmetrisch geformte Brüste? Die kommen ungefähr so selten vor wie männliche Avatare mit einem Bierbauch oder einer Halbglatze.

Nun bietet Second Life die Möglichkeit die verschiedensten Avatare zu kreieren, viele von ihnen scheinen im wahrsten Sinne des Wortes nicht von dieser Welt zu sein. Der Kreativität sind scheinbar keine Grenze gesetzt und doch wirken selbst Körperbilder die auf den ersten Blick gängige Schönheitsnormen zu sprengen scheinen, diesen auf den zweiten Blick doch wieder recht nah.

So gibt es viele zottelige Furrys, aber nach einem mit einer echten Plauze muss man schon länger suchen. Es gibt Vampire mit entsprechend blasser Haut, aber keine die unter Akne leiden. Science-Fiction-Rollenspieler laufen in engen Fantasie-Unformen und mit einer klingonischen Runzelstirn umher, doch die Körpermaße wirken insgesamt auch hier wieder auffällig oft bekannt, eben wohlproportioniert schlank bis athletisch. Wirkliche Ausnahmen bilden in der Regel nur nicht-humanoide Avatare.

"Fashion and Style", die eigentliche Leitkultur in Second Life?

"Kleider machen Leute" , nicht nur im Real Life sondern besonders auch im zweiten Leben. Denn noch mehr Zeit als in den Körper investieren sehr viele RL-Residenten in die darüber liegende Kleidung.

ArminasX Saiman veröffentlichte in seinem Blog vor kurzem eine Liste mit den beliebtesten Second Life Blogs (Who's The Biggest? Redux, secondeffects.com, 20/03/09). Grundlage war das Ranking der Blog-Suchmaschine Technorati, das Saiman aber um nicht mehr aktive Blogs bereinigte. Übrig blieben 585 SL-Blogs, bei deren Sichtung die relativ hohe Anzahl von jenen auffällt, auf denen es ausschließlich um das Thema Mode geht. Nicht, dass es keine Blogs gäbe, auf denen auch andere kulturelle und soziale Fragestellungen erörtert würden, aber "Fashion and Style" ist zweifellos eines wenn nicht sogar das Top-Thema, das im Kontext von Second Life durch seine Nutzer diskutiert wird.

Es ist daher auch wenig verwunderlich, dass der Mode-Branche in Second Life eine enorme ökonomische Bedeutung zukommt. Neuesten Erhebungen zufolge verdient ein SL-Modedesigner im Durchschnitt 850 US-Dollar im Monat (und gehört damit zu den Besserverdienenden), die Branche gilt als die wachstumsstärkste in SL (How Profitable is the Second Life Fashion Game?, secondlifeherald.com, 30/04/09). Entsprechend wird die kreative wie technische Gestaltung der Kleidung auch immer aufwendiger und qualitativ hochwertiger (Die Zukunft virtueller Mode, VWI, 07/05/09).

Wer seinen Avatar optisch nicht aufmotzt und an bestehende Normen anpasst, wird nicht für voll genommen

"Na und", könnte man nun fragen, "wo ist hier das Problem?". Wer will schon häßliche Avatare sehen? Wenn viele Menschen in ihrem Real Life nicht an verbreitete Schönheitsnormen heran reichen und sich z.B. Haute Couture Kleidung nicht leisten können, sollte man es ihnen doch einfach gönnen, dass sie das dann wenigstens in ihrem zweiten Leben tun können.

Die Problematik besteht darin, dass mit der Übernahme dieser Schönheitsnormen aus dem Real Life auch negative gesellschaftliche Entwicklungen, die mit diesen Normen verknüpft sind, ins zweite Leben transferiert werden. Zu nennen wäre hier z.B. die Tendenz seine Mitmenschen wenn auch nicht völlig so doch zu nicht unerheblichen Teilen auf das zu reduzieren, was sie Äußerlich darstellen.

In der Sozialpsychologie hat sich dafür der englische Begriff "Lookism" etabliert: "Lookism ist die Annahme, dass das Aussehen ein Indikator für den Wert einer Person ist. Sie bezieht sich auf die gesellschaftliche Konstruktion einer Schönheits- oder Attraktivitätsnorm und die Unterdrückung durch Stereotypen und Verallgemeinerungen über Menschen, die diesen Normen entsprechen und über diejenigen, die ihnen nicht entsprechen" (zitiert nach Browne / Giampetro-Meyer: Many Paths To Justice: The Glass Ceiling, the Looking Glass, and Strategies for Getting to the Other Side; Übersetzung aus der Wikipedia).

Ein klassischer Fall aus dem Real Life wäre z.B. eine Diskriminierung bei der Vergabe eines Arbeitsplatzes: Eine Person die eher gängigen Attraktivitätsnormen entspricht wird gegenüber einem gleichqualifizierten aber weniger attraktiv wirkenden Mitbewerber bevorzugt. Nun stellt sich dieses Problem in Second Life in dieser Form nicht, u.a. weil hier jeder mit relativ wenig Aufwand seinem Avatar dem vorherrschenden Schönheitsideal anpassen kann, um Akzeptanz zu finden.

Bereits das ist aber schon problematisch. Denn wenn man optischen Normen hinterlaufen muss, um irgendwo Akzeptanz zu finden, kündet dies von einem doch sehr auf Oberflächlichkeiten basierenden Gesellschaftsmodell. Klar kann man sich dem widersetzen, erfährt dann aber eben nicht selten Ausgrenzung.

Kristina Simon setzt sich in einem sarkastischen Blogeintrag mit den Problemen auseinander, die man als Frau in SL bisweilen beim Versuch hat, mit Männern gemeinsam shoppen zu gehen. Dabei teilt sie die männlichen Shopper in verschiedene Typen ein. Zum Typus des "Verweigerers" heißt es: "Die härteste Nuss die Frau zu knacken hat (Oder auch nicht!) ist der Verweigerer. Ja es ist wirklich irgendwo selbst in SL megapeinlich manchmal mit ihm aufzulaufen, vor allem wenn der eigene Avatar noch bis in die Wimpern durchgestyled ist. Da steht dann also Miss Glamour neben so einem Müllhäuflein und man muss schon viel Liebe aufbringen um ihn dann zu gesellschaftlichen Großereignissen in dem Zustand mitzuschleppen. Ich komm mir dann immer vor wie mit einem Mischlingshund auf einer Rassezuchtschau" (Männershopping... oder das Leiden der Kristina S. Eine Analyse, slinsiders.wordpress.com, 10/10/08).

Das ist natürlich bewusst überspitzt formuliert, bringt aber den in SL dominanten gesellschaftlichen Habitus ganz gut auf den Punkt: Wer nicht auf sein Äußeres achtet, stellt nicht viel dar, auf den darf herabgesehen werden. Wer nach einem halben Jahr in Second Life immer noch in seinen Newbie-Klamotten rumläuft (oder mit Freebies die zu sehr nach Freebies aussehen) wird im besten Fall einfach nur belächelt, muss sich aber ansonsten blöde Kommentare anhören oder wird einfach weitgehend ignoriert.

Mit Oberflächlichkeit ist es wie mit allen negativen menschlichen Eigenschaften, sie trifft im Zweifelsfall immer nur auf die anderen zu, nie auf einen selbst. Die meisten SL-Residenten würden vermutlich entschieden von sich weisen, dass sie den Kontakt zu anderen SL-Nutzern allein deshalb meiden oder sich eine abschätzige Meinung von ihnen bilden, weil diese sich gängigen, in der Regel aus dem Real Life übernommenen Schönheits- und Ästhetiknormen verweigern.

Die Realität ist eine andere, wer daran zweifelt sollte sich einfach mal einen Alt registrieren und mit diesem ein paar Monate mit einem 08/15-Avatar durch Second Life bewegen. Insbesondere an Treffpunkten, bei denen man auf ganze Gruppen trifft (Clubs, Infopoints, etc.) wird man dann in der Regel oft fest stellen, dass man nicht für voll genommen wird, auch wenn man sich etwa durch die rege Beteiligung an Konversationen zu integrieren versucht.

Resümee

Second Life ist eine virtuelle 3D-Welt die entscheidend von visuellen Reizen lebt, die auch von den Avataren ausgehen sollten. Die Vorstellung, dass hier alle Avatare völlig identische körperliche Merkmale haben und dazu alle dieselbe Kleidung tragen, kann natürlich nicht erstrebenswert sein. Kein Nutzer möchte sich in einer virtuellen Welt aufhalten, in der er sich wie in einer Klonfabrik fühlt. Da könnte man sich genauso gut gleich wieder in reine Text-Chats zurückziehen.

Und dennoch fällt auf, dass obwohl die Möglichkeiten den eigenen Körper ganz individuell zu gestalten riesig sind, auffällig viele Avatare in der einen oder anderen Form doch dem aus dem Real Life bekannten Schönheitsidealen sehr ähneln (austrainierte bis schlanke Körper, wohlproportioniert ohne erkennbaren Makel). Und damit ähneln sich sich dann auch gleichzeitig untereinander sehr stark, was den proklamierten Individualitäts-Anspruch hinsichtlich des eigenen Erscheinugsbildes zu konterkarieren scheint. Die darauf aufbauende Mode ist dann zwar scheinbar wesentlich vielseitiger, insgesamt aber eben auch nur wieder auf die "Einheitskörper" zugeschnitten.

Die Übernahme von ästhetischen Normen aus dem Real Life führt dann leider auch zu bekannten negativen Folgeerscheinungen in der virtuellen Sphäre. Im Neudeutschen spricht man von "Lookism ", wenn Menschen auf ihr Äußeres reduziert werden oder auf Grund ihres Aussehens ausgegrenzt werden. In Second Life äußert sich dies in der Geringschätzung von Personen, die bewusst versuchen, die bekannten Schönheitsnormen zu durchbrechen oder dem optischen Erscheinungsbild ihres Avatars grundsätzlich wenig bis keine Beachtung schenken.

Neben der Idee dass das zweite Leben letztlich immer ein Spiegelbild des ersten Lebens ist oder präziser ein Spiegelbild realer, durch Normierung erzeugter Sehnsüchte und Träume ("Endlich mal selber aussehen können, wie das angehende Model bei Heidi Klum"), existiert auch noch die theoretische Möglichkeit sich im Virtuellen eine bessere Gesellschaftsstruktur zu schaffen, in die dann z.B. eben nicht einfach bekannte Schönheitsnormen und eine starke Aufwertung von Äußerlichkeiten aus dem Real Life übernommen werden, sondern bewusst in die entgegengesetzte Richtung gewiesen wird, den berühmt berüchtigten "inneren Werten" mehr Raum gegeben und eine von der Norm abweichende optionale Ästhetik entwickelt und akzeptiert wird. Doch diese Vision scheint von der Mehrheit der SL-Residenten nicht ernsthaft gewollt zu sein.

 

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