Unausgebildete Hausfrauen als Möchtegern-Journalisten im Internet 
Kolumnen
Montag, den 10. August 2009 um 14:25 Uhr
vwi_logo_kolumne"Journalismus gestern und heute" - Unter diesem Titel ist kürzlich im Forum SLInfo eine kleine aber interessante Diskussion angelaufen.

Eröffnet wurde sie von einem Herrn namens Danziel Lane, offenbar ein "wirklicher Journalist" im wirklichen Leben, und offenbar auch, wie er aus verschiedenen Andeutungen erkennen lässt, ein veritabler „Alt-68er“ mit einer dezidierten Meinung, wie man heute in Deutschland zu schreiben hat, sei es im Internet oder anderswo.
Unser Kolumnist Gaffer Strom, der seit längerem für Virtual World Info im Web schreibt, fühlte sich angesprochen.


Für die Jüngeren unter uns

Die 68er Jahre des vorigen Jahrhunderts waren eine Zeit, als sogenannte "großkapitalistisch geführte Verlagskonzerne" den westdeutschen Zeitungsmarkt beherrschten, woraufhin sich ein Teil der damaligen Studentenschaft, ausgestattet mit einem besseren, weil marxistischen Bewusstsein, unter dem Slogan "Macht kaputt, was euch kaputt macht" den Aufstand gegen die sogenannte Springer-Presse sowie wichtige gesellschaftliche Institutionen Westdeutschlands anzettelten.

Ziel der "Revolutionäre" war es, die "restaurativen Entwicklungen" der Adenauer-/ Erhard-/ Kiesinger-Ära aufzuhalten. Das Berliner Verlagshaus Springer, dessen Blätter Welt, BILD, BZ usw. in den frühen 60ern so etwas wie die konservative Meinungsführerschaft der Gesellschaft verkörperten, erlebten die heftigsten Angriffe. Manche von uns Älteren erinnern sich vielleicht noch an die feinsinnige Unterscheidung zwischen Gewalt gegen Sachen (die uns erlaubt schien) und Gewalt gegen Menschen (die oft an uns ausgeübt wurde). Viele der damaligen Studenten haben später den "langen Marsch durch die Institutionen" angetreten und nicht unwesentlich zum gesellschaftlichen Wandel in Deutschland beigetragen, das heißt den gesellschaftlichen Mainstream durchaus mit verändert. Alle sind sie inzwischen in die Jahre gekommen und zum größten Teil auch in der Gesellschaft etabliert. Es gibt daneben aber auch ein Häuflein, das immer noch weit außen steht, sich nichtsdestotrotz aber stets elitär gibt und durch extreme Äußerungen auffällt, wie zuletzt zur Entwicklung der modernen Internetmedien.


J’accuse – Ich klage an"

In einem pompösen und aufgesetzten Schreibstil, der an Emile Zola, einen französischen Romancier aus dem späten 19. Jahrhundert erinnert, erhebt nun einer dieser älteren Herren die Stimme gegen die moderne Medienwelt. Insbesondere klagt er gegen seine jüngeren Journalisten-Kollegen, die heute im Internet schreiben. Voller Sorge sieht er dort allenthalben Qualitätsmängel, Schlamperei, Lügen und Meinungsmache, und bricht dabei den Stab über einen – wie er es nennt – "niveaulosen deutschen Internetjournalismus". Nicht wenige Gleichgesinnte klatschen ihm Beifall.

Ihr gemeinsames Anliegen ist es offenbar, ein pauschales Verdikt über alle Blogger oder Internetschreiber allgemein auszusprechen, die im deutschsprachigen Netz unterwegs sind. Der geneigte Leser erkennt aber schnell: Es geht nur vordergründig um Qualität. Hier äußert sich eine kleine elitäre Gruppe, der die ganze Richtung nicht passt, in die sich der moderne Internet-Journalismus bewegt: "Möchtegern-Journalisten ohne große Ahnung von dem, was sie schreiben".

Man fragt sich natürlich, um welche Publikationen es geht. Sind die Web-Ausgaben der großen Magazine und Tageszeitungen gemeint? Zielt er auf die paar seriös redigierten Web-Publikationen wie z.B. unsere Webseite ab? Oder meint er nur die Hunderttausende von namenlosen Bloggern, die unkontrolliert und frei im Netz publizieren? Bei näherem Hinsehen wird klar: Er meint sie alle. Alle die Nichtstudierten, die sich heute erdreisten etwas Selbstgeschriebenes ins Netz zu stellen. Alle, die weder Soziologie noch Publizistik studiert haben und denen die Professoren Dahrendorf, Eberhard und Dovifat fremd geblieben sind. Alle, die nicht jeden Morgen nach dem Frühstück die Leitsätze der journalistischen Ethik memorieren und demgemäß auch nicht immer streng schulmäßig zwischen Information und Entertainment trennen. 

Was werfen uns nun die etablierten Kollegen aus den sogenannten seriösen Medien vor? Möglicherweise ist es erhellend, wenn man einmal einige der so in SLInfo veröffentlichten Diskussionsbeiträge im Originalton zitiert. Eine kleine Blütenlese von Vorwürfen an uns, die Web-Schreiberlinge:

„…diese Leute verdienen ihr Geld mit Dummheiten und Verschwörungstheorien  ...“

„…reisserischer Stil soll Unkenntnis der Materie verdecken…“

„…dahingeschlampte und falsche Artikel mit erschreckend kurzer Halbwertszeit…“

„… User generated content der billigsten Sorte…“

„… ein pluralistischer Flickenteppich extremer Meinungen…“

„… Hedonismus und egozentrische Spassgesellschaft machen sich breit…“

„… eine Republik, die immer mehr verblödet…“

„… 95 % Schrott, in der Regel nicht aus Böswilligkeit, sondern aus Unkenntnis…“

„… Zeitungen beginnen, Amateure schreiben zu lassen, und Amateure geben sich in der   Öffentlichkeit als Journalisten aus…“ 
„…ich verstehe die Journalisten, die immer weniger recherchieren, weil ihre Konkurrenz unausgebildete Hausfrauen sind, die das Handwerk nicht gelernt haben und einen Artikel für 5 oder 10 Euronen schreiben…“ 

Alle diese Zitate sind echt und keine Fakes und wurden so in der Diskussion geäußert.

Nun ist natürlich die Frage zu stellen, ob die Damen und Herren, die hier für sogenannten echten und wahren Journalismus plädieren, Recht haben. Handelt es sich wirklich um eine berechtigte Klage von Profis gegen unprofessionelles Schreiben im Internet? 

Im Gegenteil scheint doch alles daraufhin zu deuten, dass es getroffene Hunde sind, die hier anfangen zu  bellen. Mit anderen Worten: Das Imperium scheint zurückschlagen zu wollen. Vor allem die letzten beiden Diskussionsbeiträge zeigen schon die Richtung, aus der der Wind weht. Es geht um den Begriff des Journalisten, es geht um die Deutungshoheit des Schreiber-Berufs, also um die Klärung wer was schreiben darf, und es geht um den Verfall der Preise für geschriebene Texte, also um Geld. Nochmals sei die Frage erlaubt: Melden sich hier solche aus dem alten Journalisten-Establishment, die mit der neuen Entwicklung in den Medien nicht mehr ganz mitkommen?


Man kann das Rad nicht zurück drehen

Nun könnte man entgegnen, dass wichtige und selbstverständliche Grundsätze des journalistischen Schreibens die vor 40 Jahren galten, wie die genaue Prüfung von Quellen und die Wahrheit und Redlichkeit des Geschriebenen, auch heute noch ihre Gültigkeit haben. Wer wollte das auch verleugnen? Genauso richtig ist es aber, dass sich in den letzten 40 Jahren sehr vieles in der Welt der Medien verändert hat. Und damit sind nicht nur die Regeln der deutschen Rechtschreibung gemeint.

Die ganze Gesellschaft, Politik und Medienwelt ist eine andere geworden. Insbesondere auch die Technik des Publizierens hat sich umfassend verändert mit der Folge, dass heute praktisch jeder, der einen Laptop mit Internetzugang besitzt im interaktiven Web schreiben kann, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, und dies auch noch veröffentlichen darf. Die Folge: Es entsteht ein recht bunter und lustiger Wettbewerb im Meinungsmarkt, denn plötzlich spielen da auch Leute mit, die zumindest nach Ansicht einiger Etablierter "eigentlich gar nicht dazu gehören". Dass sich durch die neuen Mitspieler der Stil geändert hat, wird nicht bestritten. Und nicht nur der Stil des Schreibens ist ein anderer geworden. Viele berufsständische Normen sind gefallen, viele alte Regeln wurden abgeschafft, das gilt im Bereich gesellschaftlicher Strukturen allgemein wie auch ganz speziell bei berufsständischen Normen und Zugangsregelungen in der Zeitungs- und Medienwelt. Unbestritten weht ein neuer Wind, und er hat manches von dem, was den Alten noch heilig war, wie zum Beispiel die strikte Trennung zwischen Bericht und Kommentar oder Meinungsbeitrag, mit hinfort geweht. Plötzlich kommen Entertainment-Elemente in Nachrichten mit hinein. Und oh Wunder, dem Publikum scheint es zu gefallen. Die Nachrichten, früher für viele Leute der Inbegriff des Trockenen und Langweiligen, werden mit einem Schuss Heiterkeit gewürzt, und schon wird Information zu "Infotainment" und kommt draußen besser an. 

Ein weiter Aspekt ist die technische Veränderung der Medien selbst, denn Zeitung und Fernsehen sehen sich vermehrt mit einem Wildwuchs kleiner unkonventioneller Internetmedien oder Blogs konfrontiert, die teilweise regelmäßig und in strukturierter Form publizieren wie z.B. unsere VWI, teilweise auch permanent und völlig unstrukturiert wie Youtube, Twitter, Facebook. Auf einige berechtigte Zweifel an der Seriosität der Twitter-Medien wurde bereits hingewiesen, und mit Recht. Aber diese Neuen wollen keine Konkurrenz der Etablierten sein, das können sie gar nicht. Sie sind oft ungenau, subjektiv, zeigen nur winzig kleine Ausschnitte der Realität. Aber sie sind schnell und sie sind international. Und noch ein weiterer Vorteil ist nicht zu unterschätzen: Sie sind interessant, weil in diesen Medien erklärende Texte mit Videoclips gemischt sein können, also Auge, Ohr, und der analytische Verstand sind angesprochen beim Rezipienten. 

Dass aber einige Intellektuelle deshalb in Tränen ausbrechen, weil jetzt plötzlich Hausfrauen anfangen in Blogs und anderen Internetmedien zu schreiben, sollte uns nicht weiter bekümmern. Wir alle werden lernen müssen, mit den neuen Medien zu leben, denn bekanntlich lässt sich das Rad der technischen Entwicklung nicht zurück drehen. "Wildwuchs" ist eigentlich nicht das richtige Wort, denn Wildwuchs muss vom Gärtner zurück geschnitten werden, damit sich eine Pflanze schön entwickeln kann.

Vielleicht sollte man also lieber von Vielfalt oder Demokratisierung der Medienwelt sprechen und es schlussendlich dem Markt oder dem geneigten Publikum überlassen, was es lesen und sehen will und was nicht. Denn auf Dauer werden nur diejenigen Publikationen und Medien überleben, die wirklich gut sind. Und die werden dann auch Geld verdienen.


Kann mit Qualität Geld verdient werden?

Damit wären wir beim letzten und entscheidenden Punkt angelangt. Bisher wird in Deutschland noch kaum Geld mit Internetmedien verdient, oder wie es der Verleger Burda ausdrückte "höchstens ein paar Cent Taschengeld". Diese Tatsache überrascht, weil die freien, kleinen Internetmedien nicht erst seit vorgestern am Markt sind, und auch alle großen Zeitungen der Republik schon seit Beginn des Internethypes mit ihren Webausgaben ins Netz gegangen sind. Alle klagen aber darüber, dass sie keine oder kaum Einnahmen aus den Webmagazinen haben. Die Gründe sind sicher vielfältig.

Es mag praktische Gründe geben wie die Freiheit und Unkontrollierbarkeit des Internets. Wie soll denn nun eigentlich abkassiert werden, wenn man eine Zeitung im Internet liest? Die bisherigen Methoden sind umständlich, zeitraubend und halsen die ganze Arbeit dem Leser auf, der sich mit komplizierten Codes anmelden muss, um in sein Blatt reinzukommen. Ein wichtigerer Grund mag aber ebenfalls sein (womit wir unseren Alt-68ern teilweise recht geben), dass sich  journalistische Qualitätsarbeit wie kompliziertes Recherchieren oder das Ausformulieren und Überarbeiten von Texten im Internet auf den ersten Blick offenbar "kaum lohnen". Mit anderen Worten:  Handwerkliche Fehler werden im Netz selten oder gar nicht geahndet, und der Fakt, dass dort jeder nach seinem Gusto schreiben und veröffentlichen darf, hat sicherlich auch zu einem gewissen Verfall der Qualität der Arbeiten geführt, die dort zu lesen sind. Noch anders ausgedrückt könnte man sagen, dass Qualitätsjournalismus im Internet bisher nicht vom Publikum honoriert wird.

Wenn dem (noch) so ist, werden die wirklich guten Journalisten dort auch nicht schreiben, weil sie logischerweise dort schreiben, wo es gute Euros gibt. Und umgekehrt werden im Web nur "wenige Euronen" bezahlt werden können an die, die dort schreiben, ob sie sich nun Journalisten, Hausfrauen, Hausmänner, oder wie auch immer nennen mögen.

Damit sind wir schlussendlich beim Ethos des Schreibers selbst angekommen, der nur dann respektive Anerkennung erzielt, wenn der Leser selbst ethisch vorgeht - und liest, was gut ist.

Oder beim Ethos der Redaktion, die seine Texte veröffentlicht. Der Verfasser und/oder seine Redakteure verantworten schlussendlich immer selbst die Qualität ihrer Veröffentlichungen. Unbeantwortet bleibt, wie lange es noch so bleiben wird, dass man als Internetschreiber mit Qualitätsarbeit in Vorleistung treten muss. Kann man seine Leser erziehen? Möglicherweise werden wir alle noch einen langen Atem brauchen. Von Qualitätsdumping im Internet zu sprechen, als quasi Automatismus, ist jedenfalls übertrieben und zutiefst pessimistisches, negatives Denken. Wettbewerb belebt, das gilt auch für unser Geschäft im Netz.

 

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