Surrogates: Real Life mit Netz und doppeltem Boden 
Freitag, den 29. Januar 2010 um 07:35 Uhr
Surrogates Titel
Und wieder greift Hollywood das Avatar Thema auf - offensichtlich Trend. Ein "Surrogat" ist ein "Ersatz" für ein vorher bestehendes Original - wie z.B. Malzkaffee. Was aber, wenn das Surrogat das Original übertrifft - wie bei Malzkaffee geschehen?

Erst kam James Camerons 3D-Blockbuster "Avatar - Aufbruch nach Pandora" in die Kinos, in welchem ein querschnittgelähmter Protagonist mit Hilfe eines künstlichen Körpers wieder Laufen lernt. Kurz darauf folgte "Gamer", die Bio-Version von Second Life, der die Idee noch stärker thematisiert und Menschen als ferngesteuerte Spielzeuge zu Avataren degradiert.

Seit dem 21. Januar kann auch "Surrogates", die ultimative Eskapismusphantasie, im deutschen Kino bewundert werden.

Im neuen SciFi-Action Thriller mit Bruce Willis geht Regisseur Jonathan Mostow noch einen Schritt weiter, als es "I Robot" einst tat: Menschen lassen sich hier nicht von Robotern bedienen, sie werden selbst zu welchen.
Die "Surrogates", liebevoll "Surries" abgekürzt, werden zum perfektionierten Abbild oder Phantasiegeschöpf ihres "Operators". Fortan vor aller Unbill menschlichen Handelns beschützt, durchwandert nun das Surrogat die Welt - unverwundbar, gefeit vor Ansteckung und schöner, grösser, stärker als sein Original es jemals sein könnte.

Derweil liegt das menschliche Vorbild schlaff in einem Sessel, stopft sich voll mit Barbituraten, Schokolade oder womit man sich eben so voll stopfen kann. Bis irgendwann ein Mord geschieht - ein Surrogate wird zerstört, dabei aber auch sein Besitzer…

Bruce Willis braucht ca. 85 Minuten, um die Menschheit ein weiteres Mal zu retten.

Was neben oder zwischen den Bildern geschieht, dürfte aber besonders Second Life Residents erheitern. Denn über lange Strecken erinnert die Szenerie auf amüsante Art an das tägliche zweite Leben: Da hängen Surrogates abgeschaltet mit starrem Blick und schlaffen Schultern teilnahmslos in der Gegend herum, weil ihre Besitzer grad mal a.f.k. sind. "Sorry, ich hatte grad was zu erledigen." Ehefrauen klinken sich während eines unangenehmen Gesprächs mit dem Ehemann einfach aus -  der Blick wird glasig, die Modepuppe erstarrt in der Bewegung - Frauchen hat sich ausgeloggt.
Bruce Willis in SurrogatesEs kommt noch besser: ungelenke Surrogates, die "leibhaftigen Avatare", rempeln sich gegenseitig an, Noob-Avas kriegen das Türschloss nicht auf - "Verzeihen Sie, aber mein Surry ist beim Update, diese Leihsurrogates sind einfach Mist" - und am Anfang des Films stürzt sich ein Mann vom Balkon, weil das einfach Spass macht. Und bleibt dabei (natürlich) vollkommen unverletzt.

Actionszenen, in welchen Bruce Willis (in voller Haarpracht!) mit seinem malträtierten und halb zerfetzten Surrogate beharrlich einen Mörder verfolgt, erinnern stark an den Terminator und, wenn er behende von Dach zu Dach und von Auto zu Auto springt, an einen Agenten aus der Matrix.

Besonders beängstigend wird es, wenn dann Operators gekillt und deren Surrogates einfach übernommen werden, wenn im gewohnten Äusseren nun eine andere Seele steckt. Das wird deutlich, wenn Bruce Willis zu einer kurvigen Schönheit sagt:
"Schätzchen, ich weiss nicht, wer Sie sind. Am Ende vielleicht ein alter Sack, dem der Schwanz aus der Hose hängt."
So wird gleich zu Beginn des Films der Zuschauer mit einer unangenehmen Wahrheit konfrontiert - eine aufregende Blondine entpuppt sich als verfetteter alter Mann, der leblos in seinem Steuersessel liegt. Gegen Ende des Films haben wir es gleich mit einer Batterie von "Alts" zu tun: Familie Krautrauch lässt grüssen.

Die Frage aber, welche der Film aufwerfen, und welche er ganz und gar im Tenor der zeitgenössischen Technologiekritik auch selbstherrlich beantworten sollte, ist schlicht real: Was ist wirklich wirklich?

Schon Weiland Morpheus sagte einst in Matrix: "Wenn Realität das ist, was du hören, riechen, sehen, schmecken und fühlen kannst, dann ist Realität nichts anderes als elektrische Signale, interpretiert von deinem Verstand."
Wenn ein Surrogat nun also exakt und unverfälscht genau diese Signale liefert, was soll dann besser sein am "natürlich verfallenden" Leib? Allzu schnell kommt hier die voreilige, aber höchst akzeptierte Antwort: weil es eine Lüge ist.

Mostow muss sich zwar in einigen Rezensionen den Vorwurf gefallen lassen, er hätte "mehr Matrix und weniger Terminator3" einfliessen lassen sollen, würde "die Thematik nur anreissen" und sei im Grund der "falsche Regisseur" für diesen Film.

Andererseits behandelt Hollywood ohnehin nur äusserst selten brisante Themen wirklich tiefschürfend, geschweige denn erschöpfend. Die Filmindunstrie ist eben vor allem auch an Marktgesetze gebunden. Letztlich entscheidet der Zuschauer an der Kasse, was die Studios produzieren und wie sie es tun.

Das Thema an sich aber ist der literatischen Avantgarde nichts Neues. Schon der Altvater aller Science Fiction im Kino, Philip K. Dick, behandelte in seinem Roman "Simulacra" die Frage nach dem Wert künstlichen Lebens - und setzte diese Betrachtungen mit "Träumen Androiden von elektrischen Schafen" (Verfilmt unter dem Titel "Blade Runner") konsequent fort. Gehirnforscher lehren uns, dass der Mensch nur einen Bruchteil dessen wahr nimmt, was tatsächlich existiert - und diesen Bruchteil auch noch nach allen möglichen Gesichtspunkten interpretiert.

Wie komplex unsere Sicht auf die Welt auch immer sein mag, sie bleibt stets zensiert und nahezu kastriert. Wie also wollen wir uns dann anmaßen, den Sinn oder Unsinn künstlicher Existenzen zu bewerten? Oder überhaupt den Sinn und Zweck irgendeiner Existenz?
Dem Film ist nur eines anzulasten: dass er die derzeit noch vorherrschende Abneigung aller "Künstlichkeit" genauso kolportiert wie das Mainstream-Medien ebenfalls tun, ohne die Frage wirklich provokant in den Raum zu werfen. Aber das wäre sicher auch zuviel verlangt.

Bleibt zu hoffen, dass der Film zum Bestehen der Diskussion beiträgt, die da lautet: Was ist wirklich wahr? Wie natürlich ist der Mensch heute noch? Und wäre es wirklich besser, wenn wir alle lebten wie die Amish? Ohne Strom, fliessend Wasser, und vor allem: ohne DSL.

Der Film zeigt auf spannende Weise welche Zukunft uns möglicherweise erwartet. Und es mag überraschen, dass die Antwort lauten könnte: Hey, gar nicht übel!

Links:
Surroagtes @ IMDB
Surrogates Webseite
Vorbericht mit weiteren Einblicken in Surrogates
Gestalte dein eigenes Surrogat!
 

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