Bochum: 7 Millionen Yang gestohlen 
Mittwoch, den 04. Februar 2009 um 18:00 Uhr
Sicherheits-PC © Delater @ Pixelio.deAm 27. Januar gegen 15 Uhr war der "Worst Case" eingetreten, den alle Online-Spieler fürchten: Das Inventory war geplündert. Verschiedene wichtige Ausrüstungsgegenstände seines Avatars, darunter ein Himmelstränenband, Phönixschuhe und ein Siamesenmesser waren nicht mehr auffindbar! Und auf dem Konto des Avatars fehlten volle 7 Millionen Yang! Der 45-jährige Bochumer, seit mehr als 2 Jahren mit seinem Avatar als aktiver Teilnehmer in dem Online-Spiel Metin2 von Gameforge unterwegs, staunte nicht schlecht. Doch nach dem ersten Schrecken regt sich Widerstand bei dem Bestohlenen.

Was tut man, wenn man beklaut wird?

Man geht zur Polizei. Genau dies tat der Betroffene und erstattete sofort bei der Polizeiwache Bochum-Dahlhausen Anzeige gegen Unbekannt wegen Diebstahls. Tausend Euro round-about habe er in die verschwundene Avatar-Ausrüstung gesteckt, gab der Bestohlene den staunenden Beamten zu Protokoll, und nun sei alles weg.

Gibt es den virtuellen Diebstahl?

Diebstahl ist im deutschen Strafgesetzbuch bekanntlich definiert als die "widerrechtliche Entwendung einer fremden beweglichen Sache", und als solche konnte man den vorliegenden Sachverhalt ja nun spontan nur schwerlich einstufen, weshalb der Fall zunächst erhebliches Sirnrunzeln im Polizeirevier Dahlhausen erzeugte. Der Bestohlene hatte aber Glück im Unglück: Die Beamtin, die das Protokoll aufnahm, war selbst Onlinespielerin und brachte dem Bestohlenen spontanes Verständnis entgegen. Das von ihr aufgenommene Protokoll löste dann auch eine Fahndung aus, die jedoch schnell im Paragrafendschungel versandete. Virtueller Diebstahl ist in Deutschland offenbar, wenn nicht unbekannt, so doch strafrechtlich noch nicht klar genug definiert, um zu Konsequenzen für den Täter zu führen.

Betrieberfirma verweist auf Haftungsausschluss im Kleingedruckten

Den ermittelnden Beamten und auch der Pressestelle der Bochumer Polizei war schnell klar, dass es sich hier um keinen alltäglichen Fall handelte. Unklar ist allerdings, weshalb der Fall dann von Anfang an so bearbeitet wurde, als sei er nicht ganz ernst zu nehmen. Schon die entsprechende Presseverlautbarung der Polizei löste in der Ruhrgebiets-Lokalpresse des Ruhrgebiets entsprechend süffisante Meldungen aus, die den Fall sofort ins Lächerliche zogen. Schon wollte man presseseitig den Fall unter der Rubrik "kuriose Vorfälle" abtun. Nicht so allerdings die Polizei, der man hier keinesfalls Untätigkeit vorwerfen kann. Denn nachdem man erkannt hatte, dass Ermittlungen wegen Diebstahls nicht möglich waren (keine Sache, nichts Bewegliches, was dann eigentlich?), begann man, bei der Betreiberfirma Gameforge
zu ermitteln. Doch, man ahnt es schon, auch diese konnte sehr schnell die entsprechnde Stelle im Kleingedruckten ihrer Benutzerverträge vorweisen, wo auf den Haftungsauaschluss des Spielebetriebers bei virtuellen Schäden, die durch Hacker und Technikprobleme entstehen, hingewiesen wird. Also auch hier niemand verantwortlich.

Das Ausland hat es teilweise besser

Obwohl im vorliegenden Bochumer Fall der Schaden konkret in Euro und Cent zu beziffern war, brauchen sich  also sowohl der oder die Täter, wie auch weitere am Rand Mitverantwortliche (siehe oben) wohl noch keine Gedanken über Strafverfolgung zu machen, man ist hierzulande relativ unbehelligt, wenn man sich im Cyberbereich danebenbenimmt oder zum Beispiel einfach etwas klaut. Anders im Ausland. Aus Holland ist bekannt, dass Minderjährige, die anderen Kids virtuelle Gegenstände gemopst hatten, schon zu Sozialarbeit verdonnert wurden, dieser Fall wurde vom Richter als Nötigung aufgefasst. Auch aus Südkorea, einem Land, in dem Computerspiele außerordentlich stark verbreitet sind, wurden schon Gerichte wegen Cyberdiebstählen aktiv.

EU greift  Cybercrime-Problematik auf

Das weltweit wachsende Problem der Cyberkriminaliät hat die EU-Organisation ENISA zuletzt in einer großen Studie ("Virtual Worlds, Real Money", 2008) thematisiert und auf die Notwendigkeit einer neuartigen EU-weiten Gesetzbegung auf diesem Sektor hingewiesen. Nach Erkenntnissen der ENISA entsteht weltweit durch Cyberkriminalität bereits heute weltweit Jahr für Jahr ein Millionenschaden, der nicht überall verfolgt werden kann. Bis heute gibt es diese gesetzlichen Regelungen, die zum Beispiel Onlinegamer vor Schäden oder Diebstahl schützen, leider nur ansatzweise. Es sollte also nur noch eine Frage der Zeit sein, wann und in welcher Form solche Regelungen greifen werden, egal ob es sich nun um neue europäische Strafgesetze handelt, oder ob man das Problem durch technische Regelungen in den Griff bekommen kann, welche die Gamerindustrie unter sich ausmacht. Egal wie eine Lösung schlussendlich aussieht, die Zeit wäre wirklich reif dafür.

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Cyberkriminalität auch in Online-Games
 

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